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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Im Jänner verstummten die „Jingle Bells“, allerdings wieder nur bis zum nächsten Herbst.
 
11. Jänner 2011

Schöne Bescherung

J. ist vieles, vorrangig aber ist er Hypochonder. Er verbraucht Ärzte wie andere Leute – an allergischer Rhinitis laborierende andere Leute – Taschentücher.

In der Vorweihnachtszeit begann für ihn und seinen Hausarzt eine besondere Tortur: J. war plötzlich felsenfest davon überzeugt, dass er sich an einem besonders kalten, nassfeuchten und stressgeplagten Einkaufssamstag in einem Großkaufhaus „einen Tinnitus eingefangen“ hatte. „Also nicht infiziert natürlich“, schränkte er ein, aber das kalte Klima, die warme Kaufhausluft, die unvorteilhafte Platzierung der Lautsprecher, welche unbarmherzig „Jingle Bells“ gegen seine empfindlichen Trommelfelle schleuderten, und schlussendlich ein durch schwelende Frustration und Aggression vermutlich bereits erhöhter Blutdruck – sie alle hätten in unheiliger Allianz dazu beigetragen, dass sich das Glöckchenklingeln unauslöschlich in sein Hirn gegraben hatte und nun nicht mehr aufhören wollte.

Als Familie und Freunde ihn nicht ernst nehmen wollten, drohte er, die Weihnachtsfeiertage bei seinem Hausarzt zu verbringen, der ihm, solcherart genötigt, dann doch endlich einen Zehnerpack Überweisungen aushändigte.

Anfang Jänner war das Klingeln kaum noch zu hören. J. war nun aber erst recht besorgt. Er lief erneut zum Arzt seines Vertrauens und nötigte ihn, alles aus der Hand zu legen, nicht mit dem Sessel zu rutschen, sich am besten gar nicht zu bewegen und die Luft anzuhalten, und rief endlich triumphierend: „Ha! Da ist es – ich höre es aber nur mehr ganz schwach. Herr Doktor, womöglich werde ich taub?!“

Der Hausarzt aber, der einzige Mensch, der J. schon seit Jahren begleitet, bat, als er sich wieder bewegen durfte, seine Assistentin, doch endlich im Vorzimmer die CD mit den Weihnachtsliedern zu wechseln. Zusammen einigten sie sich dann darauf, dass J.s Aussichten, 2011 an einem Tinnitus zu sterben, verschwindend gering seien, selbst wenn man davon ausgehen muss, dass „Rudolph the red-nosed reindeer“ bereits in neun Monaten wieder an die Trommelfelle klopft.

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