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Foto: flickr / pelican

 

 
23. November 2010

Eine Frage des Geschmacks

Gerade rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft eröffnete Gunther van Hagens seinen Online-Shop. Der selbst ernannte Erfinder der Plastination legt alles ein, was nicht mehr wegrennen kann, und will „langsam auch einmal etwas verdienen“, wie er in einem Interview dem Standard gegenüber erklärte.

Für die Ewigkeit und für daheim

Dass sich auch mit Toten Geld machen lässt, ist vielleicht nicht sonderlich neu, aber das Ausmaß ist absolut spektakulär. Van Hagens spaltet Elefanten, lädt Bären zum Tanz und konserviert Ziegen (derzeit zu sehen im Wiener Naturhistorischen Museum). Und damit jeder ein Stück Spektakel mit sich herumtragen kann, verkauft er per Webshop Giraffenschwanzscheibchen als Mode-Accessoire.

Eingelegte Leute sind ab 41.055 Euro zu haben (inkl. MwSt.). Die werden – aber selbstverständlich – nur an „qualifizierte Nutzer“ für medizinische Ausbildungs- und Forschungszwecke abgegeben. Denn daran lässt sich ja etwas lernen. (Wie wir uns in unserem Anti-Aging-Unsterblichkeitswahn für den letzten Blödsinn hergeben zum Beispiel.)

Über Geschmack lässt sich ja leider nicht streiten, über Bildung schon. Und was sich an gehäuteten Leichen im Sexualakt (ja, auch das gab es schon bei den Körperwelten-Ausstellungen) über die Fortpflanzung lernen lässt – man kann alle Hüllen fallenlassen und es ist nie zu spät? –, will mir nicht so recht einleuchten.

Verwirrungen und Verirrungen

Er darf das alles offenbar. Wer jetzt hoffnungsvoll zur Kirche schaut und sich ein Machtwort erwartet – irgendwann müssen sich Bußgeld und Opfergroschen ja doch bezahlt machen – , der bekommt es auch. Da wettern nämlich mehrere geistliche Oberhäupter, wie „verwerflich“ das sei und überhaupt.

Allerdings seien Vertreter der katholischen Kirche seinerzeit sehr zufrieden gewesen mit der Plastination von Hildegard von Bingens Fersenbein, erzählte van Hagens dem Standard. Na wie jetzt? Heilige ja und Normalsterbliche nein? Jesus als Plastinat, das mit dem Wieder-Aufstehen kämpft? Das Ende aller Schoko-Lämmchen? Also doch lieber nicht?

Fest steht: Während wir sicherheitshalber bei McDonalds Chicken Burger mampfen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, erkennbar ein – igitt – totes Huhn zu verspeisen, kommt van Hagens und zeigt uns die Welt.

Dann bitte doch lieber Beuschelsuppe. Was da schwimmt, ist zwar auch schon tot, aber es hat wenigstens noch Geschmack.

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