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Foto: wikipedia / ru:Creator:Dmitry Bogdanov}
 
 
9. November 2010

Schwarz sehen

Wir Deutsch Sprechenden haben es, mit Verlaub, eh schon immer gewusst. Vor ein paar Monaten hat die Wissenschaft endlich auch zu uns aufgeholt: Jeder Depressive oder Melancholiker, der etwas auf sich hält, „sieht schwarz“ oder spricht wenigstens von einem „grauen Alltag“. Im Englischen – und da sieht man mal wieder, sind Missverständnisse vorprogrammiert – sagen die Leute, dass sie sich „blau fühlen“. (Das wäre bei uns schon wieder die Lösung.)

Nein, die Briten haben vielleicht mehr Regen, aber von einer ordentlichen Niedergeschlagenheit verstehen sie offenbar trotzdem nicht so viel wie wir. Denn eine Arbeitsgruppe der Abteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie und Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg hat vor einiger Zeit gezeigt, dass die Netzhaut depressiver Menschen deutlich schwächer auf Schwarz-Weiß-Kontraste reagiert als die Allgemeinbevölkerung – sie sehen tatsächlich grau in grau (Bubl E. et al.: Seeing gray when feeling blue? Depression can be measured in the eye of the diseased, Biol Psychiatry. 2010 Jul 5;68(2): 205-8, DOI:10.1016/j.biopsych.2010.02.009). Wer in Zukunft wissen möchte, ob er depressiv ist oder doch nur etwas „down“, geht also am besten direkt zum Augenarzt.

Weiter bergab

Die Zeit macht aber alle Wunden gleich: Für die Zukunft sehen wir nämlich alle schwarz. Alles ist schlechter geworden und die Talfahrt nimmt kein Ende – darin sind sich Deutsche, Engländer und US-Amerikaner einig, wie eine (noch nicht publizierte) Untersuchung der Universität Köln in Zusammenarbeit mit einem Marktforschungsinstitut zeigt. Die große Mehrheit der 3.000 Befragten zeigt sich pessimistisch und erwartet, dass Lebensbedingungen und -zufriedenheit weiter bergab gehen.

Eine Frage der Perspektive

Hühner wiederum, die nach ihrem frühzeitigen Ableben in Wien zum Beispiel in zweifelhaften „Hühnerparadiesen“ zu Teller getragen werden und demnach allen Grund zum Schwarzsehen hätten, sehen erstaunlich viel mehr: Neben Rot, Grün und Blau erspähen sie auch ultraviolette Wellenlängen. Das liebe Federvieh verfügt vermutlich sogar über eigene Rezeptoren, welche die Wahrnehmung von Bewegungen unterstützen – nicht, dass es viel bringt: Die Körnerkost von heute bewegt sich kaum und der Bauer ist immer noch schneller.

Früher war das allerdings anders. Da waren nämlich wir, also unsere Vorfahren, das Futter. Und die Hühnerahnen, theropode Dinosaurier, jagten die frühen Säuger in dunkle Löcher – im Finstern war Sehen wiederum nicht so wichtig und deshalb sehen wir auch heute noch weniger als Hühner (Kram et al.: Avian Cone Photoreceptors Tile the Retina as Five Independent, Self-Organizing Mosaics. PLoS ONE, 2010, 5 (2): e8992 DOI: 10.1371/journal.pone.0008992) und immer wieder nur schwarz. Obwohl, das muss man schon sagen, sich das Blatt doch eindeutig zum Besseren gewendet hat.

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