zur Navigation zum Inhalt
 
2. November 2010

30 Minuten in Wien

Soll keiner sagen, Wiener seien verschlossen. Geisterbahn, Grottenbahn, Straßenbahn – kaum in Bewegung, tun sich Einblicke auf und man kann eine Menge über die Wiener erfahren. Ob man will oder nicht.

J. fährt nicht gerne öffentlich, weil sie den Leuten nicht beim Nasebohren zuschauen mag, keine Pornogeschichten beim Sitznachbarn mitlesen will und Haltegriffe, auf die gerade geniest wurde, prinzipiell nicht anfasst. Autofahren ist aber auch nicht ohne Tücken. Gestern wollte sie nur die Spur wechseln und an der roten Ampel den Fahrer auf der Nebenspur mit freundlich-hektischem Winken um Vorfahrt bitten. Der fischte sich aber gerade seine Zähne aus dem Mund und da waren sie beide abgelenkt.

Meine Kollegin fuhr, wahrscheinlich zur selben Zeit, mit der Bim. Ein fremder, aber gleichwohl altbekannter Mitfahrer stieg zu und setzte sich neben sie. Ein durch und durch durchschnittlicher Mensch, wären da nicht seine Augen – ständig auf Halbmast gestellt, das leichte Kopfrütteln und der generelle Eindruck, dass der Mann mit speziellen psychischen Herausforderungen gut beschäftigt ist.

Jahrelang hatte er sich in der Straßenbahn ruhig und so unauffällig wie eben möglich gezeigt. Aber gestern erklärte er plötzlich mindestens 50 Mal und unter heftigem Kopfschütteln: „Ich weiß auch nicht, ich weiß ja auch nicht!“ Gefolgt von dem mysteriösen und ständig wiederholten Satz: „Heute hab‘ ich einen schlechten Tag, nein heute hab‘ ich wirklich einen sehr schlechten Tag!“, und schon warteten alle gebannt, welche Konsequenzen das nach sich ziehen würde („Amoklauf in Wiener Straßenbahn“?). Die Kollegin erwog abwechselnd, aus dem Fenster der fahrenden Bahn zu klettern oder ein Gespräch zwecks Gewaltprävention zu beginnen, während ihr Sitznachbar eine Stimmung wie ein Hitchcock-Film, der vor der entscheidenden Mordszene hängen geblieben ist, verbreitete und dafür sorgte, dass einige mit dem linken Fuß ausstiegen. Sonst passierte genau gar nichts, zumindest nicht in der Bim. Und ich saß währenddessen im Bus zwischen einer Horde Volksschüler, die unmöglich zu überhören waren. „Frau Lehra! Franziska!“, deklamierte ein Blondschopf mit Sorgenfalten zwei Zentimeter neben meinem Ohr: „Meine Mama muss jetzt operiert werden.“ Die Frau Lehra Franziska war bereits bestens informiert: „Am Knie?“ –„Ja“, seufzte die Kleine gottergeben, „am Knie.“

Da schaltete sich auch ein zweites Mädchen ein und übertrumpfte die eine, läppische OP ganz lapidar: „Meine Mama ist auch operiert worden. Und dann ist die Nase noch einmal operiert worden. Und dann noch einmal. Aber sie ist noch immer schiach.“

 

Über Anregungen und Anekdoten zu mehr oder weniger Medizinischem freut sich bzw. 01/513 10 47-314

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben