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Foto: wikipedia Christoph Waghubinger (Lewenstein)
Die Steyrer Altstadt

 

 
20. Oktober 2010

Ein steinernes Denkmal

Neuerdings erscheint die Welt in dichter besiedelten Regionen wieder grau in grau. Als B. also einen Ausflug nach Steyr machte, hat ihn vielleicht schon beeindruckt, dass der Nebel nur im Wiener Becken hing. Jedenfalls kam er voller Begeisterung zurück und schwärmte von den Farben des Umlandes und von den Bauwerken des Steyrer Stadtkernes. Er beschrieb jeden Stein und schloss euphorisch, an seine Freundin J. gerichtet, mit den verhängnisvollen Worten: „Warst du schon einmal in Steyr? Wir sollten unbedingt einmal zusammen nach Steyr fahren!“

Die Freundin erbleichte. Denn, was B. nicht wissen konnte, das ganze Gerede von Mauerwerk, Steinen und Steyr hatte Erinnerungen in ihr wachgerufen, die sie sich geschätzte 20 oder 30 Jahre lang redlich zu vergessen bemüht hatte – bis zu jenem Gespräch mit großem Erfolg. Sie räusperte sich kurz und wiegelte ab, dass Steyr generell überschätzt werde und die Zeit so knapp sei. Und wie sei überhaupt das Meeting gewesen?

Die schöne Steyrer Stadt 

Erst einige Tage später, als J. sicher sein konnte, dass B. in den Wiener Straßenschluchten jede Erinnerung an die Sonne und Steyr völlig vergessen hatte, ließ sie sich erweichen, mir die ganze Geschichte zu erzählen: Sie war, irgendwann im Laufe ihrer kindlichen Karriere zum Vorzeige-Enkerl, tatsächlich schon einmal in Steyr gewesen, um Steine zu besichtigen.

Dabei stellte sich aber rasch heraus, dass der Besuch der schönen Stadt Steyr mit den Großeltern nicht als historischer Stadtbummel gedacht war. Nein, hier sollten ganz andere Geschichten erzählt werden: Eine großelterliche Bekannte war mit knapper Not dem Tod entronnen und es galt, die Zeichen ihres Triumphes, ihres Sieges über die Erkrankung, zu begutachten.

In Stein gegossen

Der Rest ist schnell erzählt: J. wurde zusammen mit ausladenden Erwachsenenbäuchen in eine miefige Speisekammer geschoben und zwischen Regale voller Eingemachtes geklemmt. Dann wurden bei schummriger Beleuchtung und in ehrfürchtigem Staunen zwei Rex-Gläser herumgereicht, um graugrüne, Schleimfäden ziehende Klumpen in brauner Brühe zu bewundern. Dabei handelte es sich, nach Aussage der Erwachsenen, um diverse Steine direkt aus dem Inneren der großelterlichen Bekanntschaft.

Während der Inhalt des Glases beängstigend hin und her und vor allem hoch schwappte und sich einigermaßen anstrengte, den Deckel zu sprengen, hielten die kurzsichtigen Alten die Gallensteine mit ausgestreckten Armen weit von sich, „um sie auch ordentlich sehen zu können“.

In der engen Speisekammer hatte das unglücklicherweise zur Folge, dass die Innereien der Großelternfreundin ständig an J.s Nase klopften. Dabei hatte J. der fremden Person eigentlich nur bis zur „Ein-Keks-danke-ist-genug“-Distanz näher kommen wollen. Aber Keks wollte sie jetzt auch keinen mehr. Wer wusste schon, wo der vorher gewesen war bei einer Frau, die sogar Steine im Bauch hatte, wo andere sonst Kekse haben …

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