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28. September 2010

Die Macht der Worte

Das Ignorieren von Tatsachen ist kein leichtes Unterfangen. Aber mit etwas Übung lässt es sich lernen. Österreich ist dabei nicht der schlechteste Ausgangspunkt für so ein Trainingsprojekt.

Was wir nicht kennen, essen wir nicht. Gene zum Beispiel. Nie würden uns wissentlich Gene über die Lippen kommen. Um diesem Bedürfnis entgegenzukommen, wird in Supermärkten auch „Gen-freies“ Fleisch angeboten. (Der geneigte Leser, der schon von leiser Skepsis erfüllt wurde, als er in den USA zum ersten Mal „pizza with real cheese“ konsumierte, und fortan alle Packungen auf Kunstkäse untersuchte, ist jetzt eingeladen, sich auch auf Entdeckungsreise ins heimatliche Fleischabteil zu begeben und das Kleingedruckte auf den Fertigprodukten zu lesen …) Auch vom Genmais lassen wir die Finger – nicht mit uns, oh nein. Wir lassen uns nämlich nicht für dumm verkaufen!

Was wir nicht kennen wollen, verweigern wir auch. Die Zogajs zum Beispiel. Pospischil, Kratochwil und Co können aufatmen: Österreich ist wieder frei, zu tun, was es immer schon am besten konnte – mit den Schultern zucken: „Na jo, was kann man machen?“ Nix. Eben.

Und, ganz ehrlich, ein auf Verdrängung basierendes Leben funktioniert erstaunlich gut. Probleme gibt es nur, so berichtet mein Hausarzt, wenn sich etwas nicht mehr ignorieren lässt –wie etwa der bevorstehende eigene Tod. Die letzte Ölung ist – mit ihrem endgültigen Beigeschmack – deshalb bei terminal Kranken und religiös nur halbwegs Gebildeten auch eher unbeliebt.

Das Palliativ-Team erfreute sich längere Zeit noch größerer Akzeptanz. Diese Zeit scheint jetzt aber vorbei, seufzt mein Hausarzt und berichtet von einem Patienten, der sich strikt weigert, ein Palliativ-Team zu empfangen. Er hätte ja nicht vor zu sterben! Und mit der uns antrainierten Logik schließt er folgerichtig: Keine palliative Begleitung, also kein Sterbevorgang.

Mein Hausarzt, nicht umsonst der beste Hausarzt von allen, übernimmt die Betreuung also – nicht zum ersten Mal – alleine. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er sich eine österreichische Lösung wünscht: Nicht überall, wo palliativ drinnen ist, muss ja auch palliativ drauf stehen. Oder?

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