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Foto: photos.com
 
 
22. September 2010

In der wilden Pampa

Gegen kleine Krankenhäuser gibt es ja viele Argumente, die auch oft und gerne angeführt werden, etwa wenn eine effiziente Kostenverteilung diskutiert wird oder wenn irgendwo in einem Spital hinter den sieben Bergen ein – in einer bestimmten Situation vergleichsweise ungeübter – Arzt einen Fehler gemacht hat. Jetzt habe ich aber auch, am eigenen Leib sozusagen, etwas Positives erlebt.

Konkret hatte sich meine Wirbelsäule überraschend und kurzfristig und mitten in der wilden Pampa Österreichs entschlossen, mir ein lebendiges Gefühl dessen zu vermitteln, wie sich ein Marterpfahl anfühlen könnte. Ich stimmte zwar Kriegsgeheul an und war sehr beeindruckt, aber insgesamt doch wenig erfreut, und so beschloss ich nach einigen Tagen in Rückenlage und Medikation im Selbstversuch, mein Leben nicht noch länger als kafkaesker Käfer im Liegen zu verbringen. Also rollte ich mich auf die Füße und krabbelte ins nächste – die Distanz war hier, wie Sie verstehen werden, durchaus entscheidend – kleine Spital.

Schildkröte in Winterstarre

Und dort erlebte ich etwas, von dem ich gedacht hatte, dass es ungefähr mit den Dinosauriern ausgestorben ist: Mehrere Menschen in weißen Kitteln hörten sich die ganze missliche Geschichte (in ungekürzter Originalversion) an, stellten dabei beruhigenden Augenkontakt her und vermittelten insgesamt erfolgreich den Eindruck, dass ich bald schon wieder über mehr als den Bewegungsspielraum einer Schildkröte in Winterstarre verfügen würde.

Dabei kommunizierten sämtliche Weißkittel – Ärzte, Schwestern, Assistenten und so weiter – auch miteinander, entwickelten zwei alternative Hypothesen zum Krankheitsgeschehen und machten sich daran, beide zu testen. Innerhalb einer Zeitspanne, in der ich mich in einem großen Haus hätte glücklich schätzen können, irgendwo am Horizont einen Arzt wie einen Kometen vorbeiflitzen zu sehen, waren sämtliche Untersuchungen abgeschlossen, die Diagnose gestellt und die Behandlung begonnen.

Jetzt ist es zwar offensichtlich günstig, schwierige chirurgische Eingriffe, aber auch Herzinsuffizienz oder Pneumonie, in einer größeren Klinik behandeln zu lassen (J. S. Ross et al. Hospital volume and 30-day mortality for three common medical conditions. New Engl. J. Med. 362 (2010) 1110–1118), aber die kleineren Zipperlein sind in der Nahversorgung auch ganz gut aufgehoben. Wenn einer einen Weg zu humpeln hat, dann wünsche ich ihm einen kurzen!

Ist der Kontakt zwischen Weißkitteln und Bevölkerung freundlich entspannt und womöglich genetisch gefestigt, können übrigens sogar im Warteraum wundersame Wandlungen passieren. Statt neidisch-entnervten Blickes auf die Uhr zu schielen und die eigenen verwundeten Gliedmaßen in jeden offenen Türspalt eines Behandlungsraumes zu schieben, breitet sich zwischen den Lädierten solidarisches Leiden aus: Frisch verwundeten Neuankömmlingen und besorgt wartenden Anverwandten wird bereits von den Stammgästen freundlich erklärt, was jetzt als Nächstes passiert, wo und warum.

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