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8. Juni 2010

Wer suchet, der findet

B. kam vorletzte Woche etwas verzwickt zu unserem Treffen. Das Sitzen bereitete ihm Probleme und er rutschte auf seinem Sessel hin und her, auf und ab. Reden konnte er schon, so laut wie immer. Und deshalb erfuhren auch alle, schätzungsweise mindestens 50 Anwesenden, dass er gerade eine Koloskopie hinter sich gebracht hatte – und rückten ab. Da es keinen Platz gab, an den ich hätte rücken können, erfuhr ich auch die Details.

Mit Spaß bei der Sache

Letzte Woche war B. wieder ganz gelöst und erzählte erleichtert: „Die Polypen, die bei der Koloskopie entfernt wurden, waren gutartig. Aber in einem Jahr soll ich wieder zur Kontrolle kommen.“ Dabei beschäftigte ihn vor allem eines: der nagende Verdacht, dass der Arzt bei seiner Arbeit Vergnügen empfand. Was ja eigentlich eine gute Sache ist, warf ich ein.

„Ja, aber“, sagte B. und verlieh stumm und händeringend seiner tief gefühlten Überzeugung Ausdruck, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die keinem der Beteiligten Spaß machen sollten – wie die Beichte oder das Töten eines kleines Häschens. Die Koloskopie gehört da für ihn auch dazu. Der Arzt hätte außerdem, erläuterte B. mit verzwickter Miene, beunruhigende, weintraubenartige Plastikmodelle überall in seiner Praxis verteilt – da gäbe es kein Entkommen. Auf diese Gebilde würde er dann immer wieder freudestrahlend zustürzen, um seinen Patienten anschauliche Erklärungen zu liefern. Diesen Enthusiasmus, den der freundliche Arzt bei der modellhaften Vorführung von Hämorrhoiden an den Tag legte, konnte B. leider nicht teilen. „Ich möchte“, erklärte er und blieb in diesem Punkt hartnäckig, „eigentlich lieber gar nicht wissen, wie groß meine Hämorrhoiden waren.“

Immerhin: B. ist beruhigt, dass sein Arzt mit Begeisterung bei der Sache ist und garantiert gute Arbeit leistet. Nur Weintrauben will er heuer nicht mehr essen.

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