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19. Mai 2010

Die andere Seite

Von Helden und anderen Menschen

Mein Zahnarzt zum Beispiel – der ist ein Held. Besonders, wenn er mit dem Kopf wackelt und Dinge wie „Ojeoje“ oder „Hm, was machen wir da jetzt?“ murmelt und ich eine Stunde später seine Ordination trotzdem aufrecht gehend und mit einem vollständigen Beißapparat verlassen darf.

Die unendliche Erleichterung, noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein, trägt wahrscheinlich viel zu meiner Bewunderung – die ich vorzugsweise aus sicherer Entfernung äußere – bei. Ob die Bakterien tatsächlich schon endgültig die Herrschaft über meine Mundhöhle an sich gerissen hatten, kann ich nicht sagen. Denn sicherheitshalber habe ich nicht nachgesehen. Auch dafür liebe ich meinen Zahnarzt – er traut sich Dinge, die ich im Traum nicht tun würde. Er gewinnt jeden Kampf gegen parasitäre Mitbewohner und mangelhaften Zahnschmelz. Und er gibt niemals auf. Hoffe ich jedenfalls.

Allerdings, und das ist schon auffallend, dominiert mein Zahnarzt sämtliche Gespräche, die wir miteinander führen. Es muss einfach einmal gesagt werden, dass Lautäußerungen eingeschränkt sind, wenn man gleichzeitig versucht, Schläuche und andere Geräte daran zu hindern, eine intimere Beziehung mit den Tonsillen einzugehen, als ihnen zusteht.

Vielleicht lag es auch an diesem mangelnden Feedback der Patienten, die sämtliche besorgniserregenden Äußerungen und spitzen Bemerkungen unerwidert hinnahmen, dass mein Zahnarzt eines Tages auf die Idee verfiel, einen Bildschirm neben und über dem Behandlungsstuhl zu montieren. Der sollte es dem Patienten ermöglichen, die vor sich gehende Behandlung in Echtzeit mitzuverfolgen. Ich erinnere mich an seine Enttäuschung und Verwunderung, dass dieses Angebot kaum Anklang fand. Das hätte ich ihm aber gleich sagen können. Denn ein Arzt, der auf mysteriöse Art und Weise den Kampf gegen Karies gewinnt und seinen Sieg mit den Worten: „Jetzt ist wieder alles in Ordnung“ bestätigt, ist allemal besser, als den eigenen Verfall live auf einem Großbildschirm zu erleben. Ich bin ja schließlich kein Held.

 

Anregungen und Anekdoten bitte an:

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