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Wer etwas erleben will, muss mit der Straßenbahn fahren.

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Wien ist anders

 

Wien ist ja bekanntlich anders. Da kann eine Fahrt in der Straßenbahn schon zu einem Ausflug in die menschliche Psyche geraten. Und dazu muss man nichts anderes tun als sitzen zu bleiben.

Dann hört man den Schaffner zum Beispiel zu einem älteren Ehepaar sagen: „Wollen Sie noch aussteigen?“ und die Antwort des älteren Herrn: „Ja, sowas (mit dem Kopf deutet er in Richtung einer Frau, die laut deklamierend den Standard durchblättert) gehört ja nach Steinhof!“ Darauf die lautstarke Frau: „Ich bin aber beim PSD!“

Es wird parallelisiert

Das bekommt der ältere Herr aber schon nicht mehr mit. Und alle anderen Anwesenden tun so, als ob sie es nicht bemerkt hätten. Er verpasst auch, wie sich die Frau beschwert, dass man sich ja schämen müsste für die Landsleute, „das österreichische Gesindel“. Das ist interessant, denn jetzt schämen sich offenbar alle. Der ältere Herr wegen der lauten Frau – sie wiederum möglicherweise seinetwegen und auch alle anderen Fahrgäste starren betreten und verschämt nach oben und unten. Der einzige Unterschied ist: Die meisten genieren sich leise vor sich hin. Die eine Frau aber schämt sich wortgewaltig, mit dröhnender, tiefer Stimme, und fügt hinzu: „Es wird parallelisiert!“

Jetzt versuchen die Fahrgäste immer verzweifelter wegzuhören, aber das ist leider völlig unmöglich. Sie philosophiert munter weiter über den Papst und Bingo-Bongo und wird schließlich sogar politisch: „Die FPÖ geht mir auch ganz schön auf den Zeiger, die ÖVP.“ Wer kann, verlässt fluchtartig den Waggon, denn politische Meinungen verkneifen sich rund 50 Prozent der Bevölkerung ja sogar am Wahltag. So viel Wort- und Stimmgewalt ist nichts entgegenzusetzen.

Dann ist es für ein paar Sekunden mucksmäuschenstill in der Straßenbahn – bis auf eine Frau, die ihrem Handy von der letzten Knieoperation erzählt. Über einige Krankheiten darf ja öffentlich doch gesprochen werden. Eine beschädigte Psyche ist zwar ein peinliches Tabu, aber ein kaputtes Knie ist gesellschaftsfähig und verdient auch öffentliches Verständnis. „Ein Wahnsinn“, meint da die laute Frau, nicht ganz unpassend, zum Schluss.

Der KGB in der Josefstadt

Verlässt man dann die Straßenbahn, wartet die Psychiatrie womöglich schon an anderer Stelle: In einem kleinen Laden in der Josefstadt bietet sich an der Kasse Gelegenheit zur Bekanntschaft mit M. Der stellt sich sehr höflich vor und fragt auch die Kassiererin nach ihrem Namen. Er hat sie gerade erst kennen gelernt, aber sie kennt ihn schon seit zwölf Jahren, wie sie ihm resigniert erklärt – wahrscheinlich nicht zum ersten Mal.

Dann erzählt M., dass er demnächst einen Brief an Präsident Obama schreiben wird, und man diskutiert gemeinsam die Chancen auf Erfolg. Schließlich ist der Brief wichtig, denn der Präsident sollte wissen, dass M. jahrelang parapsychologische Forschung in Holland betrieb – bis der KGB ihn daran hinderte. Da kann man ihm zur Sicherheit nur alles Gute wünschen, denn einen medial veranlagten M., der um Mitternacht die Löffel in der Küchenschublade verbiegt, will ja doch niemand riskieren. Wer weiß – Forschung und so ...

Aber am besten trifft es wohl doch die Begegnung mit dem Mann, der in der U-Bahn vertraulich näher rutscht, ein höfliches Gespräch beginnt und abschließend meint: „Wissen Sie, ich hab gar niemanden, ich bin so allein.“

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