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Kinder- und Jugendheilkunde 24. Februar 2015

Morphin kann Kinder gefährden

Respiratorische Komplikationen in der Nacht nach der Tonsillektomie.

Nach einer Tonsillektomie sollte bei Kindern besser auf Morphin verzichtet werden: In einer kanadischen Studie kam es in der ersten postoperativen Nacht mehrfach zu einem Abfall der Sauerstoffsättigung.

Schon seit 2012 warnt die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA vor dem Einsatz von Codein zur postoperativen Analgesie bei Kindern mit Tonsillektomie, weil das Opiat in seltenen Fällen zu Atemversagen und Tod führen kann. Diese Warnung muss jetzt möglicherweise erweitert werden: Auch unter oralem Morphin ist das Risiko für eine Sauerstoffentsättigung erhöht. Ibuprofen dagegen verbessert die Sauerstoffsättigung, wie eine randomisierte Vergleichsstudie zeigt.

An der Untersuchung hatten 91 Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren teilgenommen, denen wegen schlafbezogener Atmungsstörungen in einem ambulanten Eingriff die Gaumenmandeln und gegebenenfalls auch die Rachenmandeln entfernt worden waren. Die postoperative Schmerztherapie bestand bei allen Kindern aus Paracetamol, nach dem Zufallsprinzip wurde mit oralem Morphin (0,2–0,5 mg/kg KG) oder Ibuprofen (10 mg/kg KG) kombiniert. Die Sauerstoffsättigung im Blut in der Nacht vor bzw. nach der OP sollten die Eltern mittels Pulsoxymeter überwachen.

Kritischer Abfall der Sauerstoffsättigung

Eine Verbesserung der Sauerstoffsättigung in der ersten Nacht nach dem Eingriff wurde nur bei 14 Prozent der Kinder mit Morphin, jedoch bei 68 Prozent mit Ibuprofen festgestellt. Bei den Morphinpatienten gab es stündlich sogar 11,2 Entsättigungsepsioden mehr als präoperativ. Mit Ibuprofen war ihre Zahl dagegen um 1,8 zurückgegangen.

Keine Unterschiede zwischen Opioid und NSAR zeigten sich dagegen bei der analgetischen Wirkung und den Blutungsereignissen (3 mit Ibuprofen vs. 2 mit Morphin, davon 1 bzw. 2 stationär behandelt). Auch die Nebenwirkungsrate war vergleichbar. Allerdings musste ein Kind der Morphingruppe, das wegen einer obstruktiven Schlafapnoe operiert worden war, intensivmedizinisch behandelt werden, weil die Sauerstoffsättigung auf 76 Prozent abgefallen war. Aufgrund von Sicherheitsbedenken wurde die Studie danach vorzeitig beendet.

Den Studienautoren um Lauren E. Kelly zufolge ist Morphin mit einer „ähnlichen, inakzeptablen Rate von postoperativer Sauerstoffentsättigung assoziiert wie Codein und Hydrocodon“. Sie erklären dies mit der atemdepressiven Wirkung, die vor allem denjenigen Patienten gefährlich werden kann, deren Apnoe durch die Operation nicht verbessert wurde. Schwellungen infolge des Eingriffs könnten die nachteilige Wirkung der Opioide zusätzlich verschlimmern.

Die kanadischen Ärzte plädieren daher für einen grundlegenden Wandel in der Schmerztherapie nach Tonsillektomie: „Vielleicht ist die Zeit reif, bei diesen Patienten den postoperativen Gebrauch von Opioiden generell infrage zu stellen.“ Für eine sichere und wirksame Analgesie könne Ibuprofen plus Paracetamol verwendet werden.

Originalpublikation: Kelly LE et al.: Pediatrics 2015; online 26. Jänner

springermedizin.de, Ärzte Woche 9/2015

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