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Kinder- und Jugendheilkunde 9. Dezember 2005

Mädchen sind anders; Buben auch

Schon pränatal sind die Unterschiede zwischen Mädchen und Knaben deutlich erkennbar und sollten selbstverständlicher Teil unseres Umganges mit der „Jugend“ sein. Von eminenter Bedeutung ist das sensible und aufmerksame Beachten der Geschlechtsspezifika in der Diagnostik und Therapie sowohl in der Somatik als auch bei Symptomen psychischer Genese oder auffälliger Entwicklungsstörungen.

Bei gesunden Kindern ist das Längenwachstum am stärksten von der genetischen Determinierung und der Geschlechtszugehörigkeit geprägt. Mit Ende der Intrauterinzeit und in der frühen Säuglingszeit sind Mädchen kleiner als Jungen. Im späten Säuglingsalter dann ist kein signifikanter Längenunterschied mehr festzustellen, mit Beginn der Präpubertät sind Mädchen größer, und erst in der Pubertät werden sie im Längenwachstum von den jungen Männern eingeholt. Bei krankheitsbedingten Wachstumsstörungen ist eine Vielzahl von wachstumshemmenden Faktoren (Mangelernährung, Knochenstoffwechselstörung, Hormondefizienz, Azidose) für den Kleinwuchs verantwortlich. In der Regel ist diese Einschränkung des Längenwachstums bei gleicher Krankheitsschwere jedoch bei Jungen stärker ausgeprägt als bei Mädchen.

Geschlecht und Krankheit

Handelt es sich um rezessive Gendefekte auf dem X-Chromosom, ist der männliche Phänotyp stärker betroffen als der weibliche. Durch das Fehlen des zweiten X-Chromosoms im männlichen Genom kann das kranke Gen nicht „abgeschaltet“ werden und damit verfügen Männer über weniger genetische Kompensationsmechanismen als Frauen. Auch bei erworbenen, nicht genetisch bedingten Krankheiten besteht in der Regel für Knaben eine erhöhte Letalität, so dass zusätzliche Faktoren für den Geschlechtspolymorphismus bei Krankheiten im Kindesalter zu fordern sind. In vielen Entwicklungsländern wiederum findet sich die höhere Letalitätsrate bei Mädchen. Hier werden die Gründe auf die elterliche Benachteiligung von Mädchen aller Altersstufen bei Ernährung und Fürsorge, sowie auf die weit verbreitete Kinderarbeit zurückgeführt.

Genetische Defekte

Gewebeanomalien (Teratome, Lipome) zeigen eine deutliche Mädchenwendigkeit, während strukturelle Anomalien (Fallot`sche Tetralogie, Transposition der großen Gefäße) häufiger bei Knaben auftreten. Es wird vermutet, dass die Vulnerabilität bei Mädchen in der Zeit der frühen Blastogenese er-höht ist, während Jungen in der Organogenese / Morphogenese störanfälliger sind. Im Bereich der Immunologie sind die Immunopathien beim weiblichen Geschlecht vorherrschend, besonders während der Pubertät – als ursächliche Erklärung drängt sich der hormonelle Einfluss auf. Bei schweren Infektionskrankheiten wie zum Beispiel der bakteriellen Sepsis sind in allen Altersstufen mehr Jungen als Mädchen von lebensbedrohlichen und tödlichen Verläufen betroffen. So genannte Volkskrankheiten wie etwa Adipositas sind nicht nur im Erwachsenenalter Thema, sondern bereits in jungen Jahren anzutreffen – in geschlechtsäquivalenter Verteilung. Depression und Suizidmordversuche hingegen werden bei jugendlichen Mädchen häufiger beobachtet als bei Jungen. In der Beurteilung genderspezifischer Effekte sind immer die altersabhängigen Normwerte zu berücksichtigen. Wachstum und Entwicklung sollten dabei weniger zum chronologischen Alter als zur Maturation, also dem Reifegrad in Beziehung, gesetzt werden. In der pädiatrischen Psychologie ist die besondere Situation und Entwicklung eines körperlich erkrankten Kindes in Verbindung mit den krankheitsbedingten Belastungen seines sozialen Umfeldes von Interesse. Bei Kindern mit akuten oder chronischen Erkrankungen ergeben sich zum einen oft partielle Entwicklungsverzögerungen oder Störungen, zum anderen aber auch vorzeitige Reifungen und erhöhte Integrationsleistungen.

Geschlechtsspezifische Intervention

Handlungsbedarf von psychologischer und sozialmedizinischer Seite ergibt sich aus der Differenz zur durchschnittlichen Normalentwicklung. Auch das engere familiale und soziale Umfeld des Kindes, besonders die primären Bezugspersonen, sind teilweise einzubeziehen. Besonderes Augenmerk ist auf die Tatsache zu legen, dass es durch die Krankheit des Kindes zu Abweichungen von den typischen Verlaufsformen der Objektbindungen und Loslösungs- und Individuationsprozesse kommt. Zusätzlich wird, abhängig von Art, Schwere und Dauer der Erkrankung, auch die psychosexuelle Entwicklung beeinflusst und gelegentlich nachhaltig verändert. Entwicklungspsychologisch konnte gezeigt werden, dass bereits im frühen Säuglings-alter Mädchen eher in der Lage sind, frühzeitige und intensive Bindungen einzugehen. Die Einflussnahme durch die Umwelt, aber auch die frühere neuronale Reifung und der unterschiedliche pränatale Hormonstatus der Geschlechter werden als ursächlich angesehen. Einige wenige pädiatrische Erkrankungen gibt es, die ausschließlich bei Mädchen vorkommen (Rett- und Turner Syndrom). Eine erhöhte Morbidität hingegen ist bei männlichen Säuglingen und Kleinkindern sowohl hinsichtlich somatischer als auch neuropsychologischer Krankheitsbilder vorherrschend. Die durchschnittlich relative Verzögerung der Reifungsprozesse bei Jungen gegenüber Mädchen zeigt sich in größerer psychischer und motorischer Unruhe, geringerer emotionaler Stabilität und Affektkontrolle sowie langsameren kognitiven Lernprozessen.

Zusammengefasst aus:
anita rieder, brigitte lohff (hrsg)
gender medizin
geschlechtsspezifische aspekte
für die klinische praxis
Springer Wien New York, 2004

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