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Kaulfersch
© ÖGKJ Archiv (2x)
Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Kaulfersch
 

Kerbl
© Foto Pflügl, Wien
Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl

 

 

Dr. Anna Cavini
 
 
Kinder- und Jugendheilkunde 4. Oktober 2013

Weil wir nicht nur Kinderärzte sind ...

Das Thema „Jugendmedizin" stand im Mittelpunkt einer rezenten pädiatrischen Tagung.

Diese Tagung, organisiert und veranstaltet vom Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Klinikum Klagenfurt, Primar Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Kaulfersch, und OÄ Dr. Anna Maria Cavini, ÖGKJ-Arbeitsgruppenleiterin „Jugendmedizin", verfolgte vor allem zwei Ziele: Zum einen das Ziel, die Bedeutung der Jugendmedizin als wissenschaftliche Disziplin hervorzuheben, zum anderen aber vor allem das Ziel, speziell auf die Gruppe der Jugendlichen, ihre Bedürfnisse und adäquate medizinische Versorgung einzugehen.

Jugendmedizin als wissenschaftliche Disziplin

In den angelsächsischen Ländern wurde die Bedeutung der medizinischen Betreuung von Jugendlichen bereits in den 1960er Jahren erkannt. In den USA etwa wurde bereits vor mehr als 30 Jahren eine Gesellschaft für Jugendmedizin gegründet. Dort existieren, wie auch in vielen anderen Staaten der Welt, universitäre Zentren, Institute, medizinische Lehrstühle und Forschungsinstitutionen, die die Jugendmedizin als wissenschaftliche Disziplin etablierten.

Ganz anders in Österreich: Bestrebungen seitens der Pädiatrie, auch das Jugendalter und die Jugendmedizin in die Agenden der Kinderheilkunde zu integrieren, wurden von anderen Disziplinen und der eigenen Standesvertretung (ÖÄK) über viele Jahre nicht anerkannt. Erst im Jahr 1993 wurde das Sonderfach entsprechend umbenannt und um „Jugendheilkunde" erweitert, nachdem der damalige Gesundheitsminister Dr. Ausserwinkler von der Sinnhaftigkeit dieser Zuordnung überzeugt werden konnte. Nach wie vor jedoch fehlen auch heute noch an den Universitäten Schwerpunkte auf die Ausbildung in Jugendmedizin, und auch seitens der Krankenhäuser und Ordinationen gibt es noch zu wenig Angebote.

Jugendliche und ihre medizinische Versorgung

Die österreichischen Jugendlichen zählen seit Jahren zu den meistgefährdeten innerhalb der OECD-Länder: Sie liegen, was Alkoholmissbrauch, Rauchen und ungesunde Ernährung betrifft, im traurigen Spitzenfeld. Aber auch chronische Erkrankungen, psychische Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen, Symptome von Essstörungen und Übergewicht nehmen bei österreichischen Jugendlichen zu.

Dazu Oberärztin Dr. Anna Maria Cavini: „Ich sehe es daher als dringende Aufgabe der Kinder- und Jugendmedizin, die psychische und physische Entwicklung der Heranwachsenden, also Adoleszente im Alter von 10 bis 19 Jahren, zu begleiten und ihnen eine angemessene Gesundheitsversorgung anzubieten. Diese Periode ist lebensprägend und entscheidet über spätere Lebensgewohnheiten. Die Reise vom Kind zum mündigen Erwachsenen, der selbstbestimmt über Ausbildung, Politik, Sex, Berufswahl, Familienplanung, Ernährung und Bewegung entscheidet, sollte begleitet sein durch Angebote von Hilfestellungen. Angesicht der stets steigenden Zahl komplexer gesundheitlicher Störungen bei Jugendlichen besteht hier jedoch in Österreich erheblicher Nachholbedarf."

Jugendliche und ihre Bedürfnisse

Wie eine Umfrage unter österreichischen Jugendlichen ergab, unterschätzen diese oft Krankheitssymptome, haben häufig keine Vertrauensperson, an die sie sich mit Fragen zu Verhütung, Krankheit, selbstgefährdendem Verhalten, Pubertätsentwicklung, Konsum von psychoaktiven Substanzen und ähnlichen Problemstellungen wenden können, und suchen auch nicht aktiv nach Hilfe. Depressionen, Gewalt unter Jugendlichen, sexuell übertragbare Krankheiten, Suizidalität und Abhängigkeit haben sofortige und auch mittel- oder langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit und Zukunftschancen der Betroffenen. Besonders weibliche Jugendliche sind vulnerabel für sexuelle Gewalt und ihre Konsequenzen. Auch der intensive Umgang mit den „neuen Medien" (im Schnitt verbringen Jugendliche 4,5 Stunden täglich im Internet) und die Tatsache, dass virtuelle, sogenannte „soziale Netzwerke" immer mehr die reale Kommunikation zwischen Jugendlichen ersetzen, führen vermehrt zu gesundheitlichen Problemen wie Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafstörungen, bis hin zu den Gefahren des Cyber-Mobbing.

Jugendliche wünschen sich daher vor allem leicht zugängige Möglichkeiten zu medizinischen Informationen, Hilfe und Behandlung ohne lange Wartezeiten und ohne notwendige Involvierung der Eltern (Tab. 1).

Tab1Cavini

Auch der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl, sieht in der Bereitstellung präventiver Gesundheitsmaßnahmen speziell für Jugendliche großen Nachholbedarf. Aus diesem Grund forderte er bereits im Herbst des Vorjahres im Namen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde die Ausweitung der Vorsorgeuntersuchungen des Mutter-Kind-Passes ins Schul- und Jugendalter, um die derzeit bestehende Lücke in der Gesundheitsvorsorge für Heranwachsende zu schließen.

Kerbl dazu: „Im österreichischen Gesundheitssystem werden ca. 98 Prozent aller Gesundheitsausgaben für Krankheitsbehandlung ausgegeben und nur 2 Prozent für Verhinderung oder Früherkennung. Gerade im Jugendalter haben jedoch präventive Aktivitäten wegen der noch langen Lebenszeit der Betroffenen eine besonders günstige Kosten-Nutzen-Relation. Wir legen daher mit dieser Fortbildungstagung die Aufmerksamkeit speziell auf unsere Jugendlichen, weil sie dringend unsere Unterstützung und Förderung brauchen, und wir wünschen uns diese Unterstützung auch durch die Politik und das öffentliche Gesundheitssystem."

Abschließend Kaulfersch: „Pädiater verfügen über eine große Erfahrung betreffend Wachstum und der rasch ablaufenden Veränderungen, welchen Organismus und Psyche der Heranwachsenden unterworfen sind. Der rasante gesellschaftliche Wandel und das Auftreten neuer Krankheitsentitäten erfordern heute die Entwicklung spezieller Ansätze und Strategien, um junge Menschen zu erreichen und ihnen eine angemessene Gesundheitsversorgung anbieten zu können."

Literatur:

1. Danon L et al. Procee-dings 2013
2. Fang SB et al. 2009 J Trop Pediatr. 2009 Oct; 55(5):297-301
3. Forestier C et al. Res Microbiol. 2001 Mar; 152(2):167-73

Webseite der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde www.docs4you.at

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