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Die Anorexie gilt mittlerweile als mangelnde Fähigkeit, den Bedarf der Nahrungszufuhr zu erkennen.
 
Kinder- und Jugendheilkunde 23. September 2013

Ich esse keine Suppe! Nein!

Woher kommt die Magersucht?

Die Anorexia nervosa ist inzwischen die dritthäufigste chronische Erkrankung in der Adoleszenz. Und immer häufiger trifft es schon neunjährige Mädchen. Ätiologisch relevant sind soziokulturelle und neurobiologische Faktoren.

Die Zahlen sind bedrohlich: Bei einer Befragung von etwa 5.000 Kindern und Jugendlichen fühlte sich etwa die Hälfte der Mädchen zu dick, knapp 20 Prozent machten eine Diät – ein möglicher Einstieg in die Magersucht. Denn – keine Magersucht ohne Diät, betonte Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann, Aachen, auf einer Fortbildungsveranstaltung der Kinderklinik München Schwabing. Altersspezifische Inzidenzraten aus den Niederlanden zeigen bei den 14- bis 18-jährigen Mädchen nahezu eine Verdopplung von 56/100.000 in den Jahren 1985 bis 1989 auf 109/100.000 in den Jahren 2005 bis 2009. Bei den 20- bis 24-Jährigen blieb die Rate weitgehend unverändert bei etwa 35/100.000. Besondere Sorgen bereitet Herpertz-Dahlmann der Anstieg der Anorexie im Kindesalter zwischen dem 9. und 13. Lebensjahr, der seit zwei bis drei Jahren beobachtet wird. „Schon bei den Kleinen kann eine Essstörung vorliegen, die besonders schwer zu therapieren ist.“

Aktuelle Forschungsarbeiten zur Ätiologie der Anorexie zeigen eine multifaktorielle Genese und entlasten dadurch die Familie, insbesondere die Mütter. Wurde die Anorexie in den 1960er Jahren noch als Angst vor der weiblichen Sexualität, in den 1970er Jahren als Störung der Mutter-Kind-Interaktion, später der Familien-Interaktion interpretiert, ist inzwischen klar, dass soziokulturelle und neurobiologische Faktoren von Bedeutung sind, ebenso wie eine genetische Disposition. Diese Erkenntnisse müssen im Umgang mit der Erkrankung berücksichtigt werden.

Die Anorexie gilt nicht mehr als Weigerung der Patientin zu essen, sondern als mangelnde Fähigkeit, den Bedarf der Nahrungszufuhr zu erkennen. „Die Patientinnen sind nicht verantwortlich für die Erkrankung“, so Herpertz-Dahlmann.

Subkulturen mit Schlankheitsdruck

Lohnenswert ist der Blick auf die Familienanamnese. Denn das Risiko für weibliche Angehörige ersten Grades ebenfalls zu erkranken, liegt bei immerhin 10 Prozent. Die Konkordanzrate bei monozygoten Zwillingen wird mit 50 bis 60 Prozent angegeben. Gemeinsam mit prä- und perinatalen Faktoren wie Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen kann eine entsprechende genetische Disposition zu Persönlichkeitszügen führen, die das Risiko für eine Anorexie erhöhen. „Die typischen Persönlichkeiten sind eher ängstlich und perfektionistisch mit negativer Stimmungslage“, so Herpertz-Dahlmann. Hinzu kommen die Anforderungen, die die Pubertät mit sich bringt, hormonelle Veränderungen, aber auch kulturelle Faktoren, die die Entwicklung einer Magersucht vorantreiben können. So ist die Prävalenz höher in westlichen Gesellschaften, in oberen sozialen Schichten, aber auch in Subkulturen mit hohem Schlankheitsdruck wie etwa bei Sportlern.

Hoher Bewegungsdrang

Relevant für das klinische Bild der Starvation sind die niedrigen Leptinspiegel. Mit ihrem Absinken steigt der Bewegungsdrang. „Der Bewegungsdrang kommt durch den Hungerzustand“, erläuterte Herpertz-Dahlmann. „Wir müssen den Patientinnen deshalb die Möglichkeit geben sich zu bewegen.“ Der mit der Anorexie einhergehende Östrogenmangel kann zudem dazu führen, dass sich hippokampale Strukturen im Gehirn nicht adäquat entwickeln – ein Risikofaktor für spätere psychische Störungen. Selbst wenn die magersüchtige Person ihr Gewicht normalisiert, können langfristig Schäden bleiben.

 

Quelle: Fortbildungsveranstaltung „Leben braucht Gewicht. Therapie der Anorexia und Bulemia nervosa im Kindes- und Jugendalter“, Kinderklinik München Schwabing, 26. Juni 2013

springermedizin.de, Ärzte Woche 39/2013

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