Gespräch mit Doz. Dr. Johannes Schalomon, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz."/>
zur Navigation zum Inhalt
 
Chirurgie 19. Februar 2013

Kinder- und Jugendchirurgie heute

Gespräch mit Doz. Dr. Johannes Schalomon, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz.

Wir gratulieren zur Ernennung zum Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie.

Wie ist diese Gesellschaft strukturiert, welche Ziele verfolgt sie?

Schalamon: Danke für die Gratulation! Die Kinderund Jugendchirurgie ist als Fachgesellschaft der Erwachsenen-Chirurgie assoziiert. Der Präsident wird üblicherweise alle vier Jahre im Rahmen der Jahreshauptversammlung neu gewählt. Im Vorstand sind an der Seite von Präsidenten, Vizepräsidenten, Kassier, erstem und zweitem Sekretär auch alle amtierenden Klinikvorstände der sieben Kinderchirurgien in Österreich vertreten. Neben den österreichischen KinderchirurgInnen und Assistentinnen wurden auch korrespondierende, fördernde und Ehrenmitglieder aus dem In- und Ausland in die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie aufgenommen. Ziel der Gesellschaft ist es, die Kinderchirurgie in Österreich zu fördern und weiter zu entwickeln, um eine gleichmäßig qualifizierte chirurgische Betreuung der Kinder und Jugendlichen in allen Bundesländern zu erreichen.

Welche Themen bewegen die Kinder- und Jugendchirurgie heute?

Schalamon: Im Moment herrscht in der Gesellschaft so etwas wie Aufbruchsstimmung“. Im Bereich der Klinikvorstände zeichnet sich ein Generationenwechsel ab, Graz wurde mit Prof. Holger Till neu besetzt, auch in Innsbruck, am AKH Wien und in Salzburg wird es zu einer Neubesetzung der Leitungsfunktionen kommen. Die Ausbildungsordnung wird derzeit überarbeitet. Ein neues Zeitalter der Kommunikation ist angebrochen – neben der Überarbeitung der Homepage soll im Internet ein gemeinsames kinderchirurgisches Portal geschaffen werden, das die Aktivitäten der einzelnen Abteilungen bündelt und nach außen hin repräsentiert. Zusätzlich sollen die Kontakte zwischen den Abteilungen intensiviert werden, was z.B. den Erfahrungsaustausch bei seltenen Fällen erleichtern und gemeinsame Forschungsprojekte fördern wird. Dabei ist mir persönlich die Unterstützung der in Ausbildung befindlichen KollegInnen ein großes Anliegen; Hospitationen an anderen Kinderchirurgien in Österreich werden zukünftig logistisch und finanziell seitens der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie unterstützt.

Wo sind die Schnittpunkte zwischen Pädiatrie und Kinderchirurgie, und welche Wünsche haben Sie an die Zusammenarbeit?

Schalamon: Wir betrachten Pädiatrie und Kinderchirurgie als gleichwertige Partner in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen, die bereits ausgezeichnet zusammenarbeiten. Schnittpunkte gibt es in allen Bereichen, einzelne Punkte hervorzuheben ist sehr schwierig. Besonders weitreichende Überschneidungen gibt es am ehesten im Bereich Kinderonkologie und Neonatologie. Aber nicht nur im klinischen Alltag, sondern auch im wissenschaftlichen Bereich gibt es ein hervorragendes Miteinander, wie z.B. gemeinsame Sitzungen bei Kongressen, gemeinsame Studien, Fachgruppensitzungen etc. Ich wünsche mir, dass die Zusammenarbeit weiter so gut bleibt wie bisher, aber insbesondere im wissenschaftlichen Bereich gibt es noch „Luft nach oben“ – eine intensivere Zusammenarbeit bei der Analyse unserer Fälle, bei der Erstellung von Studien und wissenschaftlichen Projekten würde für beide Fachgesellschaften vorteilhaft sein. Pädiatrie und Kinderchirurgie haben ein gemeinsames Ziel: Gesunde Kinder und zufriedene Eltern!

Welchen Schwerpunkt hat Ihre eigene Tätigkeit, welchen Ihre Klinik?

Schalamon: Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie in Graz deckt das gesamte Spektrum der Kinder- und Jugendchirurgie ab, von der Neugeborenen-Chirurgie über die allgemeine Kinderchirurgie, Tumorchirurgie, minimal invasive Chirurgie, bis hin zur Unfallchirurgie bei Kindern und Jugendlichen. Ein Schwerpunkt ist sicherlich die Kindertraumatologie und Unfallprophylaxe; wir behandeln sowohl Kinder mit Schädeldachbrüchen nach Sturz vom Wickeltisch wie auch 16-jährige Mopedfahrer mit schweren Mehrfachverletzungen, das angeschlossene Kindersicherheitshaus „Bärenburg“ ist einzigartig in Österreich. In Zusammenarbeit mit den entsprechenden Fachspezialisten am LKH Graz werden aber auch Patientinnen aller anderen Fachbereiche, von „A“ wie Augenklinik bis „Z“ wie Zahnklinik im Sinne eines Kinderzentrums für alle Fachdisziplinen stationär betreut. Ich bin Kinderchirurg mit Leib und Seele – das Operieren fällt mir leicht. Mein persönlicher Schwerpunkt liegt daher nach wie vor in der chirurgischen Tätigkeit, obwohl meine Zusatzaufgaben zunehmend Zeit in Anspruch nehmen. Ich bin in verschiedenen Gremien der Medizinischen Universität Graz tätig, unter anderem als Studienrektor. Ich freue mich aber sehr über die Möglichkeit, die Entwicklung der Kinder- und Jugendchirurgie in Österreich in den nächsten Jahren als Präsident aktiv mit gestalten zu können. Was sind die großen Errungenschaften in der Kinderchirurgie, wenn wir die vergangenen 50 Jahre betrachten? Die Kinderchirurgie hat enorme Fortschritte gemacht Wir können heute fast jedes chirurgische Krankheitsbild mit einer geringen Morbidität und Mortalität behandeln. Diese Fortschritte wurden aber nicht nur durch Weiterentwicklungen in der OP-Technik, sondern insbesondere durch die Weiterentwicklungen in der pädiatrischen Intensivmedizin und in der Kinder-Anästhesie ermöglicht. Unsere PatientInnen werden immer kleiner – durch die intensive Partnerschaft mit der Pädiatrie und den gemeinsamen spitzenmedizinischen Leistungen gibt es teilweise unglaubliche Erfolge bei der Betreuung von Frühgeborenen und angeborenen Fehlbildungen. Dadurch grenzt sich unser Fach deutlich von der Erwachsenenchirurgie ab.

Hat sich das Spektrum der OP-Indikationen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen 50 Jahren verändert?

Schalamon: Die Indikation zu einem operativen Eingriff hängt von vielen Faktoren ab, einerseits von der technischen Machbarkeit eines Eingriffes, andererseits vom Vorhandensein eventueller nichtoperativer Behandlungsalternativen. So sind heute einige Operationen möglich, wie z.B. endoskopische Eingriffe, die es vor 50 Jahren noch nicht gegeben hat. Andererseits werden die Indikationen zur Behandlung von Infektionen und Tumoren auf Grund der weiterentwickelten  Medikamente immer präziser auf die notwendigen Fälle fokussiert. Neue Herausforderungen finden sich durch veränderte Essgewohnheiten im Bereich der übergewichtigen Patientinnen und Patienten.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Zukunft in Ihrem Fach? - Stichwort „Knopflochchirurgie“.

Schalamon: Gerade bei der Knopflochchirurgie hat es einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess gegeben, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Nachdem anfänglich große Euphorie auf dem Sektor der minimal invasiven Chirurgie herrschte, liegen heute für zahlreiche Verfahren gute Daten über die Machbarkeit zugunsten der Kinder vor. Die Ergebnisse der „Knopflochchirurgie“ werden laufend kritisch hinterfragt und in großen Multicenterstudien der Vergleich mit offen chirurgischen Techniken angestellt. Dabei zeigt sich, dass die Knopflochchirurgie bei vielen Eingriffen (z.B. in der Refluxchirurgie) klare Vorteile hat, bei anderen Eingriffen (z.B. Hernienchirurgie im Neugeborenenalter) sind offen chirurgische Techniken überlegen. Was die Zukunft bringt, ist kaum vorherzusagen. Die chirurgische Forschung im Bereich tissue-engineering, regenerativer Medizin und fetaler Chirurgie, der Einsatz neuer Materialien zum Gewebsersatz und in der Traumatologie sowie verbesserte Instrumente in der minimal invasiven Chirurgie lassen jedenfalls eine spannende Weiterentwicklung der Kinder- und  Jugendchirurgie erwarten.

Brauchen wir eine eigene Kinder- und Jugendchirurgie? – Vielleicht würden spezialisierte „Erwachsenen-Chirurgen“ den Bedarf decken.

Schalamon: Die Kinder- und Jugendchirurgie ist im Vergleich zur  Erwachsenenchirurgie mit völlig anderen Gegebenheiten konfrontiert. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Es müssen technisch höchst aufwändige Operationen bei Kindern durchgeführt werden, die teilweise weniger als 500g Körpergewicht haben. Dazu sind spezielle Instrumentarien erforderlich, die auch beherrscht werden müssen. Für Forschung, Lehre und ärztliche Ausbildung sind große Fallzahlen an spezialisierten Abteilungen unabdingbar, daher sollten auch ältere Kinder- und Jugendliche unbedingt von Kinderchirurgen versorgt werden. Der gleichzeitige Umgang mit Kindern und deren Eltern erfordert viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung sowie eine ganzheitliche Sichtweise. Der Krankenhausaufenthalt sollte möglichst altersgerecht gestaltet sein. Auch die peri- und postoperative Betreuung seitens anderer Fachdisziplinen z.B. Anästhesie, Pflege, aber auch Lehrer, Kindergärtner, etc. muss speziell auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abgestimmt sein. Die Nähe zu einer pädiatrischen Abteilung, am besten im Rahmen einer Zentrums-Bildung ist heutzutage Standard. Dieses Gesamtpaket ist an einer Erwachsenen-Chirurgie nicht denkbar, die „nebenbei ein paar Kinder“ behandelt.

Sind Sie mit der  Ausbildungssituation in Ihrem Fach zufrieden?
 
Schalamon: Ja und Nein. Einerseits sind die OP-Kataloge, die im Rahmen der Ausbildung gefordert werden, teilweise überholt. Daran wird derzeit gearbeitet. Außerdem sollte der Austausch von Assistenzärztinnen und Assistenzärzten zwischen den österreichischen Abteilungen gefördert werden, da er bisher kaum stattfindet. Andererseits sehe ich derzeit bei meinen Besuchen an den Abteilungen eine engagierte und versierte neue Generation an Kinder- und JugendchirurgInnen heranreifen, die von Anfang an mit modernsten chirurgischen Techniken vertraut ist und sich sehr aktiv in den Ausbildungsprozess einbringt.

Was könnte/sollte man in der Ausbildung zum Kinder- und Jugendchirurgen verbessern?

Schalamon: Die kinderchirurgische Ausbildung in Österreich ist (so wie in allen Fächern) sehr stark von den jeweiligen Klinikvorständen bzw. Oberärzten geprägt und hängt trotz aller Richtlinien auch vom eigenen Engagement ab. Da aber nicht alle Ausbildungsinhalte in allen kinderchirurgischen Abteilungen in Österreich in gleichem Maße angeboten werden, muss zukünftig ein Angebot geschaffen werden, das es den jungen Kolleginnen und Kollegen ermöglicht, auch seltene kinderchirurgische Krankheitsbilder während der Ausbildung zu erlernen.

Ab 2014 kommt eine neue Ausbildungsordnung, welche keine verpflichtenden Gegenfächer vorsieht. Sollte die Allgemeinpädiatrie als Gegenfach beibehalten werden, und wie kann das umgesetzt werden?

Schalamon: Eine Ausbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendchirurgie ohne fundierte Kenntnisse in der Pädiatrie ist nicht vorstellbar. Pädiatrie muss integrativer Bestandteil der Ausbildung bleiben. Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass das bisherige „Gegenfach Pädiatrie“ verpflichtend in der neuen Ausbildungsordnung der Kinder- und Jugendchirurgie enthalten ist.

Das Gespräch führte Renate Höhl.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben