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616 000 000 Kippen für den Staat

Über 60 Millionen Euro Tabaksteuern bezahlen Kinder und Jugendliche in Österreich. In die Tabakprävention und den Jugendschutz wird im Gegenzug kaum investiert.

Bei eine Bewertung der Tabakpolitik in der Europäischen Union erhielt Österreich mit 35 von 100 erzielbaren Punkten die schlechteste Benotung unter 30 Staaten. Basis zur Benotung sind effiziente Maßnahmen zur Eindämmung der Tabakepidemie. Die Weltbank nannte dafür die Erhöhung der Zigarettenpreise über Steuern sowie Rauchverbote an Arbeitsplätzen und öffentlichen Plätzen zum Schutz der Nichtraucher, verbunden mit Warnungen vor Folgen des aktiven und passiven Rauchens, ein vollständiges Verbot von Tabakwerbung und -promotion und einen erleichterten Zugang zu effizienten Entwöhnungstherapien. (www.ensp.org/files/tobacco_control_new_ranking_2007.pdf).

Besonders schlecht beurteilt wurde die geringe Investition in Maßnahmen zur Tabakkontrolle. Zwar leistet sich endlich auch Österreich seit 2006 ein Rauchertelefon zur flächendeckenden Raucherberatung, aber die Tabakprävention wurde bisher auf Bundesebene praktisch nicht finanziert und nur durch unbezahlte Nebentätigkeit von Ärzten und anderen Gesundheits- und Lehrberufen aufrechterhalten, und zwar ohne gesetzliche Grundlage.

Die erste Studie zu volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens in Österreich wurde vor kurzem abgeschlossen. Sie errechnete einen jährlichen Verlust von über einer halben Milliarde Euro, um welche die „Passiva“ (Gesundheits- und Sozialkosten) die „Aktiva“ (Tabaksteuereinnahmen und Ersparnis durch Wegfall von Alterspensionen vorzeitig verstorbener Raucher) übersteigen.

Zudem ist Österreich von den Empfehlungen der Weltbank, pro Einwohner und Jahr drei Euro für Tabakkontrolle bereitzustellen, weit entfernt und hat nicht – wie andere Länder – einen Teil der Tabaksteuereinnahme für Tabakprävention zweckgebunden.

30.800.000 Packungen jährlich

Den Bemühungen der Tabakindustrie um neue Kunden unter Kindern und Jugendlichen kann daher relativ wenig entgegengesetzt werden. Zur Schätzung des Tabaksteueraufkommens aus dem Zigarettenkonsum von Minderjährigen in Österreich im Jahr 2006 wurden Raucher-Prävalenzraten der 11- bis 17-Jährigen aus zwei rezenten internationalen Studien verwendet: Ergebnisse der letzten Datenerhebung aus 2006 der WHO-Studie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC)1 und Prävalenzraten der europäischen ESPAD-Studie (European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs)2. Zur Schätzung der von Jugendlichen bezahlten Tabaksteuer wurde mit 1,96 € pro Packung die Tabaksteuer der 2006 gängigsten Zigarettenmarken zugrunde gelegt.

Tabelle 1 zeigt die mit dem Alter zunehmende Häufigkeit und Intensität des Zigarettenkonsums. Österreichische Jugendliche weisen die nach Grönland zweithöchste Raucherprävalenz im europäischen Vergleich auf. Sie übertreffen den Raucheranteil der hiesigen Erwachsenen, wobei es bei Jugendlichen kaum mehr geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.

Die aus Tabelle 1 und den Bevölkerungsdaten geschätzte Anzahl rauchender Jugendlicher unter 18 Jahren sowie das daraus berechnete Tabaksteueraufkommen sind in Tabelle 2 angegeben.

Umgerechnet in Verkaufseinheiten beläuft sich der Zigarettenkonsum der Minderjährigen auf insgesamt 30,8 Millionen Packungen im Jahr 2006 und die daraus resultierende Tabaksteuer auf rund 60,5 Millionen Euro. Somit stammen 4,3 Prozent des gesamten Tabaksteueraufkommens im Jahr 2006 (1,4 Milliarden Euro, das sind 0,55 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt) aus dem Zigarettenkonsum von Minderjährigen. Grafik 1 zeigt die eingehobene Tabaksteuer nach Altersstufen und Grafik 2 das gesamte Tabaksteueraufkommen von 1990 bis 2006 (Seite 25).

Anzahl der minderjährigen Raucher wird unterschätzt

Für Deutschland wurden pro Jahr „nur“ 193 Millionen Euro Tabaksteueraufkommen für 12- bis 17-Jährige geschätzt, allerdings auf Basis von Telefonumfragen, und im Jahr der Anhebung des Bezugsalters für Tabakprodukte von 16 auf 18 Jahre, was möglicherweise falsch negative Angaben zum Raucherstatus erhöhte.

In früheren Erhebungen von Statistik Austria wurden nur Personen ab 16 Jahren und ab 1997 ab 15 Jahren befragt. Die Methode der Haushaltsbefragung mit einem relativ hohen Anteil von Fremdbefragungen bei den jüngeren Altersgruppen unterschätzt die Raucherprävalenz von Jugendlichen, da diese noch gar nicht rauchen dürften. Im Gegensatz dazu sind die repräsentativen Ergebnisse, die bei HBSC von der WHO alle vier Jahre erhoben werden, und die Ergebnisse von ESPAD international vergleichbar und wurden deshalb als Grundlage der Berechnung herangezogen.

Es kommen beträchtliche und regelmäßige Einnahmen des österreichischen Staates durch das Rauchen von Kindern und Jugendlichen zustande, denen bislang keine entsprechenden Ausgaben für die Tabakprävention gegenüberstehen.

Von den Maßnahmen, welche die Weltbank zur Eindämmung der Tabakepidemie empfahl, erreichte Österreich nur bei den (entsprechend den EU-Direktiven umgesetzten) Tabakwerbeverboten und Warnhinweisen (auf Zigarettenpackungen) eine akzeptable Wertung. Mit Ausnahme des Rauchertelefons gibt es keine flächendeckende Raucherberatung und keine speziell für Jugendliche. Die Rauchertherapie beim niedergelassenen Arzt wird von der Krankenkasse nicht honoriert und beschränkt sich häufig auf die Empfehlung von Nikotinersatz oder die Verschreibung von Vareniclin oder Bupropion. Der größte Rückstand in der Wertung ergab sich aber durch die relativ niedrigen Zigarettenpreise und Tabaksteuern (13 von 30 Punkten), den schlechten gesetzlichen Nichtraucherschutz (4 von 22 Punkten) und das fehlende Budget für zielführende Maßnahmen (0 von 15 Punkten).

Im Vergleich dazu erzielte das Vereinigte Königreich in diesen Kategorien 30, 21 und 15 Punkte. Während z. B. in Irland über 20 Millionen Euro pro Jahr in Tabakkontrolle investiert werden und die Schweiz Hersteller und Importeure von Zigaretten verpflichtet, pro verkaufter Zigarette 0,13 Rappen an die Zollbehörde und ebensoviel an einen Tabakpräventionsfonds abzuliefern, hat Österreich auf Bundesebene bisher keine Finanzierungsgrundlage für die Tabakprävention geschaffen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Rauchbeginn in Österreich zunehmend früher erfolgt und sein Raucheranteil unter 15-Jährigen zu den höchsten in Europa zählt. Dazu trägt nicht nur der (im Vergleich zu Nord- und Westeuropa) niedrige Zigarettenpreis bei, sondern auch die leichte Verfügbarkeit von Rauchwaren in Österreich: Zigaretten sind hier rund um die Uhr leichter erhältlich als Grundnahrungsmittel. Die sogenannte Kindersicherung der Automaten erwies sich bisher nicht als ausreichend wirksam. Zunehmend wird versucht, Jugendlichen das Inhalieren von Rauch mittels Wasserpfeife oder gesüßten und parfümierten Zigaretten schmackhaft zu machen.

Die Tabakindustrie hat die Sichtbarkeit des Rauchens im öffentlichen Leben erfolgreich aufrechterhalten, insbesondere in Jugendlokalen und Diskotheken, in denen sogar Gratiszigaretten verteilt wurden. Bis heute ist das Rauchen in fast allen österreichischen Lokalen, vielen Einkaufszentren, vor Schulen und Kinderbetreuungsstätten allgegenwärtig. Versuche, das Rauchen wenigstens in größeren Lokalen auf Raucherzimmer zu beschränken, waren bisher erfolglos, weil der Gesetzgeber die „Schmutzkonkurrenz“ durch viele Ausnahmen aufrechterhielt und sich zu keiner konsequenten Durchsetzung der Verbote (mit Hilfe der Exekutive) entschließen konnte.

Keine Skrupel scheinen zu bestehen, Minderjährigen den Zutritt zu Raucherlokalen und Raucherzimmern zu gestatten. Selbst in Entwicklungsländern, wo noch keine umfassenden Rauchverbote gelten, ist es, wie in Chile, wenigstens untersagt, Kinder in Raucherräume mitzunehmen.

Noch wirksamer waren umfassende Rauchverbote, verbunden mit professionellen Aufklärungskampagnen, wie sie z. B. in Kalifornien durchgeführt wurden und die zu einem starken Rückgang der Raucherraten führten. Als wirksam erwiesen sich auch die Beschränkung von Verkaufsstellen mit Lizenzverlust beim Nikotinhandel mit Jugendlichen (wie in Nordeuropa) sowie die Anhebung des Bezugsalters für Zigaretten von 16 auf 18 Jahre, wie sie z. B. in Deutschland 2007 erfolgte. Begleitstudien zur Einführung von Rauchverboten in Westeuropa und Italien zeigten, dass die Passivrauchbelastung abnahm und mit ihr Gesundheitsbeschwerden des Gastronomiepersonals und sogar die Herzinfarkte in der Allgemeinbevölkerung.

Die Befürchtung, das Rauchen könnte aus der Gastronomie in den häuslichen Bereich zum Schaden der Kinder verlagert werden, wurde nicht bestätigt. Die Denormalisierung des Rauchens in der Öffentlichkeit machte es als Luftverschmutzung bewusst, sodass seine soziale Akzeptanz abnahm und die Raucher auch zu Hause ihren Kindern zuliebe auf den Balkon oder in den Garten gingen, um zu rauchen, was für manchen Anlass war, weniger zu rauchen oder ganz aufzuhören.

Durch das Rauchverbot in Diskotheken und anderen Jugendlokalen wurde auch die Möglichkeit zur Verführung von Jugendlichen reduziert; alles zum Schaden der Tabakindustrie, aber nicht der Gastronomie.

Unterlassene Maßnahmen

Dagegen hat die letzte Tabakgesetznovelle in Österreich so viele Ausnahmen und so wenige Überwachungsmöglichkeiten geschaffen, dass die Rauchverbote kaum durchsetzbar sind und auch in sogenannten Nichtraucherbereichen Alarmwerte der Feinstaubbelastung überschritten werden. Die letzte Regierung hat die Werbemöglichkeiten für Tabakwaren und Nikotinprodukte durch Trafikanten noch ausgeweitet und ihnen eine Ausweitung ihrer Produktpalette gestattet: auf Waren, mit denen Kinder in Trafiken gelockt werden. All diese Maßnahmen entsprechen weder dem von Österreich ratifizierten Rahmenübereinkommen zur Tabakkontrolle der WHO noch Empfehlungen der Weltbank und der EU. Es wäre hoch an der Zeit, dass die österreichische Bundesregierung endlich wirksame Maßnahmen gegen die dramatisch angestiegenen Raucheranteile unter Jugendlichen und die derzeitigen sowie kommenden Gesundheitsschäden durch aktives und passives Rauchen ergreift.

Eine angemessene Maßnahme wäre, die von Jugendlichen eingehobenen Tabaksteuern in die Tabakprävention zu investieren. Dazu sollte wie in der Schweiz ein von Finanzministerium und Interessensgruppen unabhängiger Fonds geschaffen werden, der diesen Teil der Tabaksteuer erhält, um mit Hilfe von unabhängigen Experten die Inzidenz und Prävalenz des Rauchens bei Jugendlichen zu senken. Ein Teil der gesamten Tabaksteuer sollte zur Schmuggelbekämpfung eingesetzt werden, um diese Steuer und damit die Zigarettenpreise weiter anheben zu können, was nachweislich den Konsum bei Jugendlichen senkt. Ein weiterer Teil der gesamten Tabaksteuer von 1,4 Milliarden Euro müsste in Aufklärungskampagnen zu gesundheitlichen Folgen des Passivrauchens investiert werden, da auf diesem Wissensgebiet noch ein großer Nachholbedarf besteht.

 

1 Dür, W; Griebler, R. 2007: Die Gesundheit der österreichischen SchülerInnen im Lebenszusammenhang: Ergebnisse des WHO-HBSC-Survey 2006. BM für Gesundheit, Familie und Jugend, Wien

2 Uhl, A. et al. 2005: ESPAD Austria 2003: Europäische Schüler- und Schülerinnenstudie zu Alkohol und anderen Drogen. BM für Gesundheit und Frauen, Wien

 

Prof. Dr. Neuberger ist am Institut für Umwelthygiene, MedUni Wien, tätig und Mag. Dr. Pock am Institut für Höhere Studien in Wien.

 

Der ungekürzte Originalartikel inkl. Literaturangaben ist nachzulesen in Wiener Klinische Wochenschrift 2009; 121: 515–9

Tabelle 1: Rauchverhalten Jugendlicher nach Alter und Frequenz
„Wie viele Zigaretten hast Du in den letzten 30 Tagen geraucht?“
Quelle Alter n =HBSC-20061 11 J. 13 J. 15 J. 1.441 1.429 1.235ESPAD-20032 16 J. 17 J. 1.991 530
nie 97,9% 86,5% 63,1% 45,1% 36,2%
< 1 pro Woche 1,1% 5,0% 7,4% 8,0% 5,3%
< 1 pro Tag 0,4% 2,4% 4,6% 4,7% 3,4%
1–5 pro Tag 0,3% 2,7% 8,1% 11,0% 13,0%
6–10 pro Tag 0,2% 1,3% 7,9% 13,6% 14,3%
11–20 pro Tag 0,0% 1,1% 5,3% 13,9% 19,2%
> 20 pro Tag 0,1% 1,0% 3,6% 3,8% 8,5%
Tabelle 2: Geschätzte Zahl von täglich rauchenden Jugendlichen, Zigarettenkonsum und Tabaksteueraufkommen 2006
Zigarettenkonsum nach Alter
Alter (Jahre)Anzahl Täglich RauchendeZigaretten pro TagPackungen pro JahrTabaksteuer in € 1.000
11 93.505 561 5.143 93.856 184
12 96.925 3.247 34.166 623.531 1.222
13 98.987 6.038 64.342 1.174.233 2.301
14 99.961 15.494 169.934 3.101.290 6.079
15 99.608 24.802 273.922 4.999.077 9.798
16 98.228 41.550 456.073 8.323.325 16.314
17 98.541 54.198 686.240 12.523.871 24.547
11-17 685.755 145.891 1.689.818 30.839.182 60.445

Von Prof. Dr. Manfred Neuberger und Mag. Dr. Markus Pock, Ärzte Woche 14 /2010

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