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Hämatologie 5. März 2013

Hämophilie: gute Nachrichten

Gentechnische Faktor-VIII-Konzentrate führen nicht häufiger zur Antikörperbildung als Plasmapräparate.

Die Ursache der Hämophilie A ist ein Mangel an Faktor VIII, einem essenziellen Bestandteil des endogenen Gerinnungssystems. Unbehandelt kommt es nicht nur zu verlängerten Blutungen nach Verletzungen, sondern auch zu Spontanblutungen in Muskulatur und Gelenke, die über kurz oder lang zu irreversiblen Schäden und Bewegungseinschränkungen führen.

Die Erkrankung lässt sich heute durch die intravenöse Substitution des fehlenden oder defekten Faktors VIII sehr gut behandeln. Die Gerinnungsfaktoren werden entweder aus menschlichem Plasma gewonnen oder gentechnisch erzeugt. Obwohl mittlerweile ein Infektionsrisiko durch Plasmapräparate praktisch ausgeschlossen ist, entscheidet sich die überwiegende Zahl der Patienten bzw. deren Eltern in Österreich heute für rekombinante (=gentechnisch hergestellte) Faktor VIII-Konzentrate. In Schwellen- und Entwicklungsländern bilden aber nach wie vor plasmatische Faktorkonzentrate das Rückgrat der Versorgung.

Ein Viertel bildet Antikörper

Die schwerwiegendste Komplikation der Behandlung ist die Entwicklung von Antikörpern gegen die verabreichten Gerinnungsfaktoren. Die Hemmkörper, die bei etwa 25 Prozent der Patienten auftreten, führen dazu, dass die Substitutionstherapie unwirksam wird. Meist ist es zwar möglich, die Hemmkörper durch Erzeugung einer Immuntoleranz wieder zu eliminieren; diese Therapie, bei der über Monate zweimal täglich sehr hohe Dosen Faktor VIII verabreicht werden müssen, ist allerdings sehr teuer und für die Patienten ziemlich belastend. Umso wichtiger ist die Frage, ob die Entstehung von Hemmkörpern durch das therapeutische Vorgehen beeinflusst werden kann.

Hämophilie-Netzwerk

Da es sich bei der schweren Hämophilie um eine seltene Erkrankung handelt, ist es für einzelne Forschergruppen schwer, die erforderlichen Fallzahlen für aussagekräftige Studien zu erreichen. Deswegen haben sich die führenden Hämophilie-Forschungszentren Europas vor zehn Jahren zum Exzellenznetzwerk PedNet (European Paediatric Network for Haemophilia Management) zusammengeschlossen.

Teil dieses Netzwerks ist auch die Klinische Abteilung für allgemeine Pädiatrie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz. Das Team um Prof. Dr. Wolfgang Muntean hat sich vor allem mit der Erforschung der biochemischen Grundlagen der Hämophilie und der Neugeborenen-Blutstillung international einen Namen gemacht.

Eines der wichtigsten Projekte von PedNet ist die Forschungsdatenbank PedNet Registry, in der die Daten von 29 Hämophilie-Zentren aus 18 Ländern gesammelt werden. Ein erstes Ergebnis wurde nun veröffentlicht ( Gouw SC et al.: NEJM 2013; 368: 231–39 ).

„In unserer Studie sind wir der Frage nachgegangen, ob die Art der Behandlung eine Auswirkung auf die Hemmkörperbildung hat“, berichtet Koautor Muntean. „Sind gentechnisch erzeugte Faktorpräparate tatsächlich immunogener, wie von manchen Forschern postuliert wurde? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der in Plasmapräparaten enthaltene von-Willebrand-Faktor? Erhöht der Wechsel zwischen verschiedenen Präparaten die Wahrscheinlichkeit der Hemmkörperbildung?“

Lauter gute Nachrichten

Das wichtigste Ergebnis: Gentechnische Faktorkonzentrate führten nicht häufiger zur Hemmkörperbildung als Plasmapräparate. „Die positive Nachricht für Schwellenländer ist, dass Plasmapräparate in dieser Hinsicht nicht schlechter abschneiden“, berichtet Muntean. Gezeigt werden konnte auch, dass der unterschiedliche Gehalt des von-Willebrand-Faktors in den verschiedenen Plasmapräparaten keine Auswirkungen auf das Hemmkörperrisiko hat. Eine weitere gute Nachricht ist, dass der Wechsel zwischen verschiedenen Präparaten die Wahrscheinlichkeit einer Hemmkörperbildung offensichtlich nicht erhöht.

Warum manche Patienten Antikörper gegen Gerinnungsfaktoren bilden, ist nach wie vor ungeklärt. Die Wahl des Präparats scheint nicht entscheidend zu sein. Möglicherweise spielt die Behandlungsstrategie eine Rolle. Dieser Frage wird weiter nachgegangen.

MedUni Graz, Ärzte Woche 10/2013

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