zur Navigation zum Inhalt
Foto: kknms
Im MS-Serum ist die Bindung des Autoantikörpers an die Zellmembran der Gliazellen deutlich erkennbar.
 
Neurologie 10. Oktober 2012

Neuer Marker für Multiple Sklerose?

Münchner Forschungsteam identifiziert Kaliumkanal als Ziel von Autoantikörpern bei MS

Ein neuer potenzieller Biomarker könnte zukünftig die Diagnosestellung bei Multipler Sklerose (MS) vereinfachen. Einem Forscherteam des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS) um Bernhard Hemmer ist es gelungen, den Kaliumkanal KIR4.1 als Ziel von Autoantikörpern bei MS zu identifizieren. „Bei fast der Hälfte der untersuchten MS-Patienten konnten wir einen Autoantikörper gegen KIR4.1 im Blut nachweisen“, erklärte Hemmer, der die Neurologische Klinik des Klinikums rechts der Isar der TU München leitet.

Diese Beobachtung könnte darauf hinweisen, dass KIR4.1 ein wichtiges Ziel der Immunantwort bei MS ist. Die Studienergebnisse sprechen dafür: Der Autoantikörper lässt sich vor allem im Blut von MS-Patienten nachweisen und nur sehr selten bei Menschen mit anderen neurologischen Erkrankungen. Bei Gesunden war der Antikörper nicht nachweisbar. Die Forscher wären damit wieder einen Schritt weiter, Multiple Sklerose besser zu verstehen.

Kaliumkanäle sind beim Menschen an der Regulierung des Elektrolythaushalts beteiligt und damit auch an elektrischen Vorgängen in erregbarem Gewebe wie Nerven- und Muskelzellen. Menschen und Tiere, denen KIR4.1 fehlt, haben neurologische Ausfälle. Außerdem ist bei ihnen die Bildung des Myelins, gestört. Das besondere an KIR4.1 ist, dass es sowohl im Zentralnervensystem (ZNS) als auch in den Nieren vorkommt. „Ähnliches trifft auch auf Aquaporin-4 (AQP4) zu“, sagt Hemmer. Die Entdeckung eines spezifischen Autoantikörpers gegen AQP4 bei Neuromyelitis optica, einer Sonderform der MS, im Jahr 2004 führte dazu, dass diese Patienten nun schneller optimal behandelt werden. „Wir hoffen, dass KIR4.1 eine ähnliche Rolle für die MS spielen wird“, so der KKNMS-Experte weiter. Die Ergebnisse der im Juli im New England Journal of Medicine publiziertern Studie sprechen dafür: Der Autoantikörper lässt sich vor allem im Blut von MS-Patienten nachweisen und nur sehr selten bei Menschen mit anderen neurologischen Erkrankungen (<1 %). Bei Gesunden war der Antikörper nicht nachweisbar1.

Potenzieller diagnostischer Marker

KIR4.1 findet sich vor allem in der Zellmembran von Gliazellen, die für den Stoffwechsel im Gehirn und die Bildung der Markscheide verantwortlich sind. Die Forscher fanden heraus, dass der Autoantikörper genau dort an KIR4.1 bindet, wo das Protein aus der Zellmembran herausragt. Im Tiermodell führt der Autoantikörper zum Verlust von KIR4.1 und zur Aktivierung der Komplementkaskade, einem Teil der Antikörperantwort. „Der Autoantikörper ist also biologisch aktiv und trägt möglicherweise zur Schädigung in der MS-Läsion bei“, glaubt Hemmer.

In bereits eingeleiteten KKNMS-Folgestudien hoffen die Neurologen nun, herauszufinden, welche Bedeutung der Autoantikörper für die Entstehung der MS hat. „Darüber hinaus könnte der Autoantikörper zur Verbesserung der MS-Diagnostik beitragen und uns bei der Abgrenzung zu anderen neurologischen Erkrankungen unterstützen“, meint Hemmer abschließend. Auch dies wird Gegenstand weiterer Studien sein, um den Marker zukünftig auch in der Routinediagnostik nutzen zu können.

Quelle: www.kompetenznetz-multiplesklerose.de  

1 N Engl J Med 2012; 367:115-123

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben