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Foto: ©iStockphoto.com/jirivondracek
In den Alpen überleben 90 Prozent der Lawinenopfer bis rund 18 Minuten.
 
Intensiv- und Notfallmedizin 20. Februar 2012

Überleben in der Lawine

Vergleich an Daten bringt überraschendes Ergebnis: Alpiner Schnee ist trockener als der in Küstennähe. Das erhöht Überlebenschancen.

Ein Forscherteam aus Südtirol, der Schweiz und Kanada hat Anfang 2011 in einer gemeinsamen Studie Daten zu Lawinenunfällen aus der Schweiz und Kanada neu erhoben und miteinander verglichen – mit überraschenden Ergebnissen.

 

Vor rund zehn Jahren veröffentlichte der Südtiroler Lawinenexperte Hermann Brugger – heute Leiter des weltweit ersten Instituts für Alpine Notfallmedizin an der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) – gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Hans-Jürg Etter und dem Südtiroler Biostatistiker Markus Falk eine Studie zur Überlebenschance bei Lawinenverschüttung. Sie hatten Schweizer Daten zu Lawinenunfällen gesammelt und herausgefunden, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von Verschütteten bis rund 18 Minuten über 90 Prozent beträgt.

Inwieweit gelten diese Erkenntnisse auch für Bergregionen außerhalb der Alpen? In den vergangenen Jahren aktualisierten die Lawinenforscher die Daten der Schweizer Studie und verglichen zusammen mit den Kanadiern Pascal Haegeli und Jeff Boyd die Schweizer Daten mit Daten aus Kanada. Das überraschende Ergebnis: Die sogenannte Überlebensphase ist in Kanada mit rund zehn Minuten nur etwa halb so lang wie in der Schweiz.

Wie lassen sich diese großen Unterschiede erklären? Abgesehen von einer höheren Verletzungsrate in Kanada ist vor allem das Klima ein ausschlaggebender Faktor für die Überlebenswahrscheinlichkeit unter Lawinen: Im maritimen Klima am pazifischen Küstenstreifen östlich von Vancouver beeinflusst die feuchte Meeresluft die Konsistenz und Dichte des Schnees derart, dass Verschüttete dort schneller ersticken als unter dem Schnee im trockenen, kalten und kontinentalen kanadischen Klima, das auch dem Klima der europäischen Alpen ähnlich ist.

Eine weitere Erkenntnis der Studie betrifft die Zahl der Langzeitüberlebenden, also jener Lawinenopfer, die trotz ihrer vollständigen Verschüttung keine lebensgefährlichen Verletzungen davontragen und überleben. Ihre Anzahl ist in Kanada im Vergleich deutlich niedriger. Zurückzuführen ist dies auf die großen Entfernungen, die Unzugänglichkeit der kanadischen Bergregionen und die damit verbundenen Schwierigkeiten in der medizinischen Versorgung von Lawinenopfern.

 

Haegeli, P. et al.: Comparison of avalanche survival patterns in Canada and Switzerland. Canadian Medical Association Journal 2011; doi:CMAJ 10.1503/cmaj.101435

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