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© Niehoff / imago
Gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen sollte man schon vor der Schwangerschaft impfen. Die Influenza-Impfung ist immer möglich.
 

Impfen in der Schwangerschaft

Die Influenza-Impfung ist – so wie alle Impfungen mit Totimpfstoffen – auch noch während der Schwangerschaft möglich und sogar dringend anzuraten.

Wie kann eine werdende Mutter sich und ihr Kind vor Krankheiten schützen? Welche Impfungen sind unbedingt anzuraten?

Um diese Fragen zu beantworten, lud die Österreichische Gesellschaft für Infektionen in der Geburtshilfe und Gynäkologie (ESIDOG) zum Gespräch. Die große Bedeutung von ausreichendem Impfschutz gegen die wichtigsten Infektionskrankheiten vor und während der Schwangerschaft wurde dabei hervorgehoben.

Zu Recht gefürchtet

Masern, Mumps, Röteln und Varizellen – diese hochansteckenden Infektionen können bei Schwangerschaft mit ernsten Komplikationen einhergehen und zum Teil zu schweren kindlichen Fehlbildungen führen. Sie alle sind durch rechtzeitige Impfung vermeidbar.

Eine Rötelninfektion vor der 18. Schwangerschaftswoche ist gefährlich. Besonders in der Frühschwangerschaft besteht ein hohes Risiko für die Entwicklung einer schweren Embryopathie mit Taubheit, Katarakt und Herzfehlern (Gregg-Syndrom).

Auch Varizelleninfektionen während der Schwangerschaft können für Mutter und Kind gefährlich werden. Eine Primärinfektion kann bei der Schwangeren sehr schwer verlaufen und besonders im dritten Trimenon mit Komplikationen einhergehen. „Das Risiko für eine Varizellenpneumonie bei Schwangeren liegt je nach Gestationsalter und anderen Risikofaktoren zwischen 0,1 und 18,3 Prozent. Die Letalität beträgt 11 bis 35 Prozent“, berichtet Prof. Dr. Heidemarie Holzmann von der Abteilung für Angewandte Medizinische Virologie, MedUni Wien. Erkrankt die Mutter in der ersten Schwangerschaftshälfte, kann das Ungeborene ein fetales Varizellen-Syndrom davontragen, das Augenerkrankungen, neurologische Defekten, Skeletthypoplasien, psychomotorische Retardierung und Organdefekte zur Folge haben kann. Um den Geburtstermin herum wird eine Varizelleninfektion der Mutter für das Kind nochmals riskant, da diese Infektion ohne die rechtzeitige Gabe eines Hyperimmunglobulins beim Neugeborenen besonders schwer und unbehandelt häufig tödlich verlaufen kann. „Alle Frauen im gebärfähigen Alter sollten daher gegen das Varizellen-zoster-Virus immun sein“, appelliert Holzmann.

Dass Masern keineswegs harmlos sind, hat sich mittlerweile bereits auch in der Allgemeinbevölkerung herumgesprochen. Bei jedem fünften Erkrankten treten Komplikationen auf: von der Otitis media über Bronchopneumonie bis zur Enzephalitis. Eine Masern-Erkrankung um den Geburtstermin kann zur Infektion des Neugeborenen führen. Vor dem zweiten Lebensjahr erworbene Maserninfektionen bergen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung der gefürchteten subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE). Diese Spätkomplikation ist zwar selten – in Österreich wurden zwischen 1998 und 2007 16 Fälle diagnostiziert – sie endet aber immer tödlich; und wäre durch eine Impfung vermeidbar gewesen.

Ausrotten ist WHO-Ziel

Dass Masern und Röteln Krankheiten sind, die zur Gänze ausgerottet werden könnten, zeigt das Beispiel Amerika: Durch konsequente Durchimpfung bei Kindern und zusätzliche Impfkampagnen für ungeschützte Populationen sind seit 2003 keine „einheimischen“ Masern mehr am amerikanischen Kontinent aufgetreten, aber vereinzelte, von anderen Kontinenten (oft aus Europa) eingeschleppte Masernvirus-Infektionen. „Voraussetzung für die Elimination ist eine hohe Durchimpfungsrate“, betont Holzmann und empfiehlt allen Kollegen, einen Blick in die Impfpässe ihrer Patienten zu werfen. Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung sollte darin zweimal durchgeführt worden sein. In Österreich werden die meisten Masern-, und Mumps- und Rötelnvirus-Infektionen in der Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen beobachtet. Da diese Altersgruppe selten den Allgemeinmediziner aufsucht, appelliert Holzmann an die Gynäkologen, bei Mädchen und jungen Frauen den Impfstatus zu überprüfen, bevor sie schwanger werden.

Herdenschutz auch bei Influenza

Virale Atemwegserkrankungen werden zumeist von Rhino- oder Coronaviren verursacht, aber schon an dritter Stelle stehen Influenzaviren. Eine echte Influenza ist charakterisiert durch hohes, plötzlich auftretendes Fieber, extreme Müdigkeit, Muskel-, Gelenks- und Kopfschmerzen, trockenen Reizhusten und nicht selten auch Pneumonie. Bei Säuglingen sind auch Magen- und Darmbeschwerden häufig. Im Gegensatz dazu beginnt der grippale Infekt meist schleichend mit Schnupfen, Halskratzen und schleimigem Husten.

Trotz heftiger Bemühungen seitens der Ärzte lassen sich viel zu wenige Österreicher gegen Influenza impfen. Prinzipiell wird die Impfung jedem empfohlen, besonders aber Kleinkindern, Schwangeren, chronisch kranken und älteren Menschen sowie Mitarbeitern im Gesundheitswesen. „Wer sich gesund fühlt, hat vielleicht keine Angst vor der Grippe. Ungeimpfte sollten aber bedenken, dass sie das Virus weiterverbreiten und damit andere gefährden können“, meint Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Wien. „In Studien konnte sehr eindrucksvoll gezeigt werden, dass die Impfung des Pflege- und Ärztepersonals die Erkrankung und Sterbefälle bei den kranken Personen signifikant reduzieren kann.“

Um den Ausbruch einer Epidemie zu vermeiden, wäre eine Durchimpfungsrate von 50–75 Prozent erforderlich, je nachdem wie gut der Match des Impfstoffes in der jeweiligen Saison gelingt. „In Österreich ist man weit davon entfernt“, sagt Wiedermann-Schmidt. „Besonders erschreckend ist, dass sich auch von den Mitarbeitern im Gesundheitswesen nur etwa 17 Prozent impfen lassen.“

Vermeintlich mangelnde Wirksamkeit ist einer der Gründe für die große Ablehnung der Influenza-Impfung in der Bevölkerung – ein Argument, dass Wiedermann-Schmidt nicht gelten lässt: „Gerade weil die Impfung nicht hundertprozentig wirkt, sollte eine hohe Durchimpfungsrate erreicht werden, um die Erkrankung einzudämmen.“ Der Effekt des „Herdenschutzes“ ist nicht zu unterschätzen: Eine Impfrate von 20 Prozent bei Schulkindern würde bereits zu einer effektiven Reduktion der Sterberate bei Personen über 65 führen (Longini: Pediatrics 2012; 129). „Am effektivsten wäre daher eine Kombination aus Impfung der Risikogruppen und derjenigen Gruppen, die für die Erregerverbreitung am meisten verantwortlich sind, also Kinder und Jugendliche, oder auch das Gesundheitspersonal“, so Wiedermann-Schmidt. Dies gilt nicht nur für die Influenza-Impfung, sondern generell für alle Impfprogramme.

Todesgefahr für Mutter und Kind

Bei den von der WHO festgesetzten Zielgruppen für die Influenza-Impfung stehen schwangere Frauen an erster Stelle. Dies hat einen guten Grund, denn Infektionen mit Influenzaviren können fatale Folgen für Mutter und Kind haben. „Aufgrund des in der Schwangerschaft veränderten Immunsystems erkranken Schwangere häufiger und heftiger als nichtschwangere Frauen“, erklärt Prof. Dr. Herbert Kiss, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien. Superinfektionen (Bronchitis, Pneumonien) können dann die Gabe von Antibiotika notwendig machen. Besonders im dritten Trimenon kann es zu sehr schweren Verläufen und Komplikationen kommen. Kiss berichtet von Fällen, die mit extrakorporaler Oxygenierung oder sogar mit dem Tod der werdenden Mutter endeten. Bei Infektionen mit A/H1N1 während der Schwangerschaft ist das Hospitalisierungsrisiko vier- bis zehnfach erhöht, das Risiko für einen Aufenthalt auf der Intensivstation sechsfach und das Mortalitätsrisiko 54-fach.

Wenn die Mutter schwer erkrankt, steigt das Risiko einer Frühgeburt auf bis zu 30 Prozent. Für die Frühgeborenen, aber auch für termingerecht Neugeborene besteht bei Infektion der Mutter eine besondere Gefahr, da ein neugeborenes Baby noch keine Antikörper ausbilden kann.

Ein dringender Appell geht daher wiederum an die Gynäkologen, bei Schwangeren den Impfstatus zu kontrollieren und eine Influenza-Impfung zu empfehlen. „Viele Schwangere wissen gar nicht, dass sie geimpft werden können“, sagt Kiss. Dabei sind sie sogar im Vorteil: Schwangere Frauen sprechen auf die Influenza-Impfung besser an als nichtschwangere. Ein zusätzlicher Pluspunkt: Auch das Baby wird geschützt – vor der Geburt durch plazentagängige Antikörper, nach der Geburt durch Antikörper in der Muttermilch.

Quelle: Pressegespräch „Impfprophylaxe vor und während der Schwangerschaft“, Wien, 27. September 2013

C. Lindengrün, Ärzte Woche 41/2013

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