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Foto: Archiv

Prim. Prof. Dr. Wolfgang Popp Vorstand der 11. Medizinischen Abteilung mit Lungenkrankheiten und Langzeitbeatmungszentrum, Geriatriezentrum Am Wienerwald und Ambulatorium, Wien

 
Infektiologie 25. November 2009

„Die weitere Entwicklung ist nicht beantwortbar.“

Wird die Neue Influenza über- oder unterschätzt?

Was das A/H1N1-Virus anzurichten vermag, darüber sind sich die Experten weiterhin uneins. Die ehrlichen Wissenschaftler geben aber zu: Eigentlich können wir diese Frage derzeit gar nicht beantworten, denn zu groß sind die Unwägbarkeiten. Experte Wolfgang Popp rät, man möge sich zum einen an das Sentinellaprogramm halten und zum anderen die Therapie mit Neuraminidasehemmern rechtzeitig einleiten.

 

Die Influenza macht durch die „Schweinegrippe“ nicht nur in der Fachpresse Schlagzeilen. Die Ärzte Woche sprach mit Prim. Prof. Dr. Wolfgang Popp, Vorstand der 11. Medizinischen Abteilung mit Lungenkrankheiten und Langzeitbeatmungszentrum, Geriatriezentrum Am Wienerwald und Ambulatorium, Wien, über Diagnose und Therapie der Influenza.

Wie kann zwischen Influenza und anderen Atemwegsinfektionen unterschieden werden?

POPP: Genau genommen nur durch eine Influenzadiagnostik. Zwar ist die Influenza oft eine schwere Erkrankung mit hohem Fieber, Husten und Gliederschmerzen, aber diese Symptome können auch bei anderen „common colds“ auftreten und umgekehrt kann auch eine Influenza relativ banal verlaufen. Die Influenza kann klinisch erkannt werden, allerdings nicht in allen Fällen. Vor allem bei Kindern zeigen Untersuchungen, dass allein aufgrund der klinischen Symptomatik nicht zwischen Influenza und anderen Infekten unterschieden werden kann.

Leider wird der Nachweis in der Praxis selten so geführt, dass die Diagnose rechtzeitig und sicher gestellt werden kann. Schnelltests und selbst Abstrich und Labordiagnostik werden nicht von allen Kassen bezahlt. Zugegebenermaßen würden wir viel Geld zum Fenster herauswerfen, wenn wir bei jedem fiebernden Infekt sofort einen Influenzaschnelltest durchführen würden. Also müssen wir uns auf die klinische Diagnostik und auf das Sentinella-System* verlassen, das uns sehr gute Anhaltspunkte gibt. Wenn in diesem System die Zahl der Influenzafälle steigt, muss in jeder Praxis mit einem entsprechenden Anteil an Influenza gerechnet werden.

 

Wird die Grippe bei uns „gehypt“?

POPP: In der Schweiz las ich vor kurzem von 1.900 nachgewiesenen Grippefällen. In Österreich lag die Zahl zum gleichen Zeitpunkt bei 500. Das ist schon erstaunlich bei zwei benachbarten Ländern mit ähnlichen Bevölkerungszahlen. Die Frage ist, wie gut wir im Erkennen des Problems sind. Beim ärztlichen Tun muss man sich immer wieder fragen, wie sehr eine Problematik unter- oder überschätzt wird. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Influenzawelle in der Schweiz wesentlich früher oder stärker auftritt als bei uns. Hier müssen sich sowohl die ärztlichen Kollegen als auch die Manager des Gesundheitswesens fragen, ob alles richtig läuft.

Die noch nicht zu beantwortende Frage ist auch jene der weiteren Entwicklung. Wird die A/H1N1-Welle bis ins nächste Jahr andauern und die „saisonale“ Grippe verdrängen oder wird sie abflauen und wird uns eine zweite Welle zum üblichen Termin etwa im Februar mit anderen Influenzaviren überrollen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Grippesaison Ende November endet. Das wäre äußerst ungewöhnlich.

 

Welche Behandlung der Influenza ist sinnvoll?

POPP: Sobald das Sentinellaprogramm eine Grippewelle anzeigt, empfehlen die Gebietskrankenkassen bei hochfiebernden Infekten die Therapie mit Neuraminidasehemmern. Das ist – angesichts des vorhin Gesagten – sinnvoll. Schließlich sind Neuraminidasehemmer die einzige kausale Therapie bei Influenza. Also wenn Sentinella eine Grippewelle anzeigt und ein Patient mit hohem Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Gliederschmerzen, respiratorischen Symptomen zum Arzt kommt, kann von einer Influenza ausgegangen werden. Jedenfalls ist dann in jeder Ordination mit einer dem aktuellen Sentinella-Wert entsprechenden Prozentzahl an Grippefällen zu rechnen.

Die Therapie mit Neuraminidasehemmern sollte möglichst früh einsetzen, optimalerweise innerhalb von 48 Stunden nach Einsetzen der Symptome. Ein Problem stellen jene Patienten dar, deren Temperatur in den ersten Tagen der Erkrankung nur wenig erhöht ist und die erst nach einigen Tagen das Vollbild der Influenza zeigen. Bei diesen Patienten ist der Einsatz von Neuraminidasehemmern fraglich. Eine aktuelle Studie fand eine Reduktion der Krankheitsdauer auch bei Therapiebeginn fünf Tage nach Einsetzen der Symptome. Bei schweren Verläufen ist ein späterer Beginn der Therapie durchaus zu überlegen. Mehrere retrospektive Studien zeigen jedenfalls eine Wirksamkeit auch zwei bis drei Tage nach Krankheitsbeginn.

Sehr gute Studiendaten belegen eine sinnvolle Therapiedauer von fünf Tagen. Es geht ja darum, den Viruszyklus zu unterbrechen. Ideal wäre dafür ein Hämagglutinin-Andock-Hemmer, also ein Medikament mit einem ähnlichen Wirkmechanismus wie bei der Prophylaxe durch den Impfstoff. Aber die Neuraminidasehemmer sind derzeit das Beste, was wir in der Therapie bei akuter Influenza haben.

 

Sollen Neuraminidasehemmer aus Ihrer Sicht auch prophylaktisch gegeben werden?

POPP: Nein. Grundsätzlich nicht. Dazu müsste ich einen Fall konstruieren, dass jemand mit Vorerkrankungen nicht geimpft werden kann und nachweislich mit einem Influenzaerkrankten in engem Kontakt stand. Eine solche Postexpositionsprophylaxe wäre bei Nicht-Geimpften vielleicht anzudenken, aber grundsätzlich ist als Prophylaxe die Impfung das Mittel der Wahl. Gerade für einen Arzt oder eine Pflegeperson ist es meiner Meinung nach unverantwortlich, sich nicht impfen zu lassen, denn es wird wohl kein Arzt seine Patienten anstecken wollen.

 

Das Gespräch führte Livia Rohrmoser

 

*Ein Monitoring-System für impfverhütbare Krankheiten und andere Themen aus der medizinischen Grundversorgung.

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