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Influenza 3. November 2009

Nur Halbwahrheiten? Offener Brief zu H1N1

Als Allgemeinmediziner und Gesundheitswissenschafter frage ich mich seit Tagen, warum die österreichischen JournalistInnen so einseitig über die Grippeimpfung berichten. Was ist der Grund? Warum versuchen sie es nicht mit einer etwas differenzierteren Berichterstattung? Es genügt doch wenn Boulevardzeitungen den unverzeihlichen Fehler begehen von einem Einzelfall auf das Risiko einer Bevölkerung zu schließen.

Risikobewertung ist eine Wissenschaft

Jede/r EpidemiologIn – das sind diejenigen die die Verteilung von Krankheiten erforschen – wird Ihnen versichern, dass man so etwas niemals tun darf. Risikobewertung ist eben eine Wissenschaft, nur hat sie in Österreich leider kaum jemand studiert. Diese beschämende Tatsache fällt uns jetzt angesichts einer Grippepandemie auf den Kopf. Risikokommunikation wiederum ist eine Kunst, und JournalistInnen, vor allem MedizinjournalistInnen, sollten darin geübt sein.

Wenn JournalistInnen die laufende Debatte verfolgen, müssten Sie sich doch fragen, warum die Meinungen von so genannten ExpertInnen in Sachen Schweinegrippe so divergieren. Ich kann es Ihnen sagen, die Angelegenheit ist einfach sehr komplex und keineswegs mit einer Schwarzweiß-Berichterstattung zu beantworten.

Das Thema Schweinegrippe hat viele Facetten, viele offene Fragen, wenig konkrete Antworten und präsentiert sich je nach eingenommenem Standpunkt sehr unterschiedlich. Den meinigen kann ich nicht in wenige Worte fassen, deshalb verzeihen Sie bitte meine Ausführlichkeit.

Emotionsloses Zahlenspiel

Lassen wir einmal alle Emotionen beiseite und versuchen wir eine rationale Betrachtung dieser Investition von zirka 300 Millionen Euro Steuergeld in die „Bekämpfung“ dieser Pandemie, wovon allein 100 Millionen für die Impfung und ihre Administration anfallen. Faktum ist, dass jeden Tag in Österreich viele Menschen an vermeidbaren Ursachen versterben oder bleibende Behinderung davontragen. Wenn wir SteuerzahlerInnen also so viel Geld investieren, müssen wir uns immer zwei Frage stellen. Erstens, wo können wir das Geld deshalb nicht mehr ausgeben und zweitens, wo könnten wir es alternativ ausgeben, um Leben zu retten und/oder Behinderung zu vermeiden.

Nur zum Vergleich, das Jahresbudget des Fonds Gesundes Österreich beträgt zirka 8 Millionen Euro. Wir geben also für die Vorbeugung der Folgen dieser einen Pandemie fast 40 Mal mehr Geld aus als diese zentrale Einrichtung für Gesundheitsförderung mit all ihren österreichweiten Projekten in Gemeinden, Schulen und Betrieben. Aber selbst wenn man alle Ausgaben der Sozialversicherung, des Bundes, der Länder und Gemeinden für Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung zusammenzählen würde, käme man nicht annähernd auf diesen gewaltigen Betrag.

Macht diese enorme Investition Sinn?

Machen wir das Richtige und tun wir es auch richtig? Ein Blick auf die laufende Berichterstattung zeigt, dass es anscheinend keine Einigkeit darüber gibt, ob wir das Richtige tun und zwar unter ExpertInnen, Gesundheitsberufen, aber auch in der Bevölkerung. Viele Argumente sprechen dafür, aber auch viele dagegen. Umso wichtiger wäre eine glaubwürdige, vollkommen offene und auf Fakten beruhende Information durch die dafür zuständigen Stellen. Wenn wir Steuerzahler allerdings diese Stellen suchen, werden wir nicht fündig.

Sachliche, offene Information

Der Oberste Sanitätsrat und sein Impfausschuss haben keine Homepage, es gibt keine öffentlich zugänglichen Unterlagen zur Entscheidungsfindung und es gibt auch keine Offenlegung der Interessenkonflikte seiner Mitglieder. Die Bevölkerung muss also bei dieser gewaltigen Investition viel Vertrauen für die Empfehlungen dieses angeblich unabhängigen Gremiums aufbringen.

Wenn Information fehlt, haben wir nur die halbe Wahrheit. Von der Halbwahrheit zur Lüge ist es oft nur noch ein kleiner Schritt. Faktum ist, dass in der Information der Bevölkerung viele wichtige wissenschaftliche Fakten nur sehr leise oder überhaupt nicht kommuniziert werden.

Kaum bekannt - wenig kommuniziert

So weiß kaum jemand, dass die Impfung keineswegs einen 100 prozentigen Schutz bietet, sondern in gesunden Personen nur zirka 80 Prozent und in der oft zitierten Zielgruppe zirka 50 Prozent und darunter. Für mich als Gesundheitswissenschafter ist es auch interessant, wie wenig versucht wird der Bevölkerung vorhandenes Wissen zu kommunizieren. In der Medizin gibt es verschiedene Qualitätsstufen von Evidenz. Die Analysen der Cochrane Collaboration zählen unstrittig zum Besten die zur Verfügung stehen.

Warum schaffen es diese Ergebnisse nicht in die österreichische Diskussion, der zweifellos ein bisschen Rationalität sehr gut tun würde. Liegt es daran, dass die Empfehlungen sehr kritisch ausfallen und der Nutzen der Impfung keineswegs so eindeutig belegt ist, wie vielfach mitgeteilt?

Zahlen zu den Todesfällen

Die Wirksamkeit alternativer, viel billigerer Maßnahmen wie zum Beispiel einfaches Händewaschen wird zwar erwähnt, aber nie in Relation zur Wirkung der viel teureren Maßnahmen gestellt. Als viertes und letztes Beispiel möchte ich noch die ständig ins Spiel gebrachte Anzahl von Grippetoten anbringen. Diese Zahl schwankt von unter 10 (Todesursachenstatistik) und über 6.000 (Vertreter des Bundesministeriums, Mitglieder der Impfkommission).

Wie kommt es zu dieser unglaublichen Diskrepanz?

Die Antwort lautet, dass es keineswegs so einfach ist, eine angemessene Datenqualität in der Epidemiologie zu gewährleisten. Die damit verbundenen Unsicherheiten müssten somit auch immer erwähnt werden, was aber nur sehr selten passiert. Übrigens, für Schnellrechner, in Österreich sterben jedes Jahr zirka 70.000 Personen. Somit wäre fast jeder zehnte Sterbefall ein/e Grippetote/r, wenn die ständig genannten hohen Zahlen stimmen.

Milliardengeschäft für Konzerne

Unstrittig ist, dass die beteiligten Konzerne ein Milliardengeschäft machen. Die allen Interessierten zugänglichen Jahresberichte dieser Aktiengesellschaften sprechen für sich. Die Diskussion über Opportunitätskosten müsste man also auch auf globale Ebene führen, vor allem die so genannte Weltgesundheitsorganisation. Diese hat jedoch erwiesenermaßen im späten Frühjahr dieses Jahres ihre Pandemiedefinition geändert - das Kriterium Sterblichkeit wurde gestrichen - und damit das Riesengeschäft deutlich erleichtert. Wenn es um so viel Geld geht, dann kommt einer unabhängigen Risikobewertung und Risikokommunikation eine zentrale Bedeutung zu.

Bedauerlicherweise haben wir es in Sachen Schweinegrippe aber nicht nur mit einer Informationsflut, sondern einer Desinformationsflut zu tun – und die staatlichen Stellen in Österreich haben nicht wenig zur Verwirrung der Bevölkerung beigetragen.

War diese Großinvestition somit nicht das Richtige?

Diese Frage hat viele Antworten. Mit Sicherheit können wir jedoch sagen, dass die Entscheidung keineswegs so rational begründbar ist wie uns so mancher Ministerialbeamter glaubhaft machen will. Ganz im Gegenteil, es ist eine intuitive, mit viel Unsicherheit behaftete Entscheidung, die unsere Politik im Namen der österreichischen Bevölkerung getroffen hat.

Bleibt noch zu fragen, was MedizinjournalistInnen meiner Meinung nach besser machen sollten? Mein Tipp ist, bleiben Sie neugierig und kritisch, denn niemand kennt die genaue Wahrheit und niemand kann exakt in die Zukunft schauen, auch nicht die Wissenschaft. Suchen Sie nach den leider immer weniger werdenden unabhängigen Institutionen, die ihre Interessenkonflikte und Quellen vollkommen offen legen. Sammeln und hinterfragen Sie die dort vorhandenen Aussagen und studieren Sie je nach vorhandener Zeit die weiterführende Literatur. Dann schreiben Sie Ihren Artikel, möglichst informiert und unbeeinflusst, so wie Sie es auch sonst hoffentlich immer tun.

Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns Ihren Kommentar

Martin Sprenger, MD, MPH (Auckland/NZ), Postgraduate Public Health Programme, Medical University of Graz

Aktuelle Medien-Zitate

„Meine Anteilnahme gilt der Familie des Mädchens, insbesondere den Eltern, denen ich mein tiefes Mitgefühl ausdrücke. (...) Umso bedauerlicher, wenn sich die befürchteten Fälle mit Komplikationen nun tatsächlich einstellen.“ Alois Stöger diplomé, Gesundheitsminister, 02.11.09, APA-OTS

„Das Schicksal dieses Mädchens tut uns allen weh (…) aber es besteht kein Grund zur Panik. Wir wussten aus dem Ausland, dass so etwas passieren kann.“ MedR Dr. Hubert Hrabcik, Generaldirektor für die Öffentliche Gesundheit, 02.11.09, Kurier

„Bei der saisonalen Influenza sehen wir so schwere Krankheitsverläufe bei jungen Menschen extrem selten.“ Doz. Prim. Dr. Wolfgang Popp, 02.11.09, Kurier

„So lange wir nicht mehr Fälle haben, wird sich wohl auch die Nachfrage in Grenzen halten (...) Empfehlung: Hände waschen und in den Ärmel husten“. Dr. Stefan Meusburger Msc, 03.11.09, Oberösterreichische Nachrichten

„Jeder darf sich und soll sich impfen lassen, der sich oder andere vor dieser Erkrankung schützen möchte. Es ist so, dass dieser Selbstschutz und der Fremdschutz nur gut mit der Impfung möglich und alle anderen Maßnahmen viel schlechter sind.“ Univ.-Prof. Dr. Christoph Wenisch, 03.11.09, Ö3 Wecker

Na ja, ich habe mich schon etwas über die Begründungen der Politiker amüsiert, warum sie sich nicht impfen lassen. Als Spitzenpolitiker sollte man nicht ausfallen, wenn der Hut brennt.“ Univ.-Doz. Dr. Johannes Möst, 03.11.09, TT.com

„Viele Menschen sagen, ich trinke ohnehin täglich mein Probiotikum, deshalb brauche ich mich nicht Grippe impfen lassen. So ein Irrglaube gehört ja verboten!“ Prof. DDr. Wolfgang Graninger, 05.11.09, Ärzte Woche

„In Irland, Belgien oder Holland ist das Virus bereits ebenso weit verbreitet wie in der Ukraine. Es kommt von allen Seiten.“ MinR Dr. Jean-Paul Klein, 02.11.09, Kurier

„Impfungen müssen vielen Menschen gegeben werden, das sind riesige Absatzmärkte, die ununterbrochen bearbeitet werden. Im Vordergrund sind jene Mediziner, die sich für die Produkte der Pharmaindustrie relativ unreflektiert ins Zeug legen. Sicherlich auch, weil sie dafür bezahlt werden, mit großer Sicherheit.“ Dr. Claudia Wild, 03.11.09, Ö1 Morgenjournal

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