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US-Blutdruckstudie zeigt: Weniger ist mehr (v. l. n. r.: Watschinger, Weber, Wassertheurer). Und: Nicht jeder, der misst, misst Mist. Mit standardisierten Verfahren vermeiden die Forscher den Weißkitteleffekt.
© Martin Burger

Eine Software deutet die Blutdruckwellen.

 
Kardiologie 18. Jänner 2016

Neues Blut-Bild

Blutdruck sollte bei Risikopersonen noch deutlicher gesenkt werden als bisher.

Derzeit lauten die Empfehlungen für den Blutdruck bei Hypertonikern auf das Erreichen von zumindest 140/90 mmHg. Doch bei Risikopersonen sollten es idealerweise höchstens 120/70 mmHg sein. Das zeigt eine aktuelle Referenzstudie aus den USA. Ein Viertel der österreichischen Hypertoniepatienten würde von der intensivierten Behandlung profitieren, sagt Dr. Thomas Weber.

Taufrisch ist die Erkenntnis, das der Zielblutdruck wohl zu hoch angesetzt ist, nicht. Doch in Zeiten von „evidence based medicine“, die für jede Behauptung Beweise sucht, ist die „landmark study“ aus den USA ein „Meilenstein“. Das sagt PD Dr. Thomas Weber vom Klinikum Wels-Grieskirchen, Präsident der Gesellschaft für Hypertensiologie – und meint damit? „Bis jetzt wurden immer Blutdruck senkende Mittel miteinander verglichen, hier geht es aber ausschließlich um die Bestimmung der Folgen einer größeren Blutdruckreduktion als bisher oft angepeilt.“ Ein Puzzlestein, der bisher gefehlt hat. Publiziert wurde das offenbar bahnbrechende Werk im New England Journal of Medicine am 26. November 2015 und ist ein Ausfluss der großen SPRINT-Studie (Systolic Blood Pressure Intervention Trial Research Group).

Senkte man bei Patienten mit einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko aber ohne Diabetes durch eine intensivere medikamentöse Therapie den systolischen Blutdruck auf rund 120 mmHg (diastolisch knapp unter 70 mmHg) statt durch die Verwendung von weniger Arzneimitteln nur auf etwa 135 mmHg (diastolisch etwas mehr als 75 mmHg), sank das Risiko für Herzinfarkt, andere akute Koronarerkrankungen, Schlaganfall, Herzschwäche oder Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 25 Prozent, die Gesamtsterblichkeit um 27 Prozent. Das war statistisch signifikant, sprich: deutlich.

Die auf ursprünglich 7,5 Jahre angelegte Studie mit rund 9.400 Patienten wurde nach etwas mehr als drei Jahren abgebrochen, weil die Unterschiede so deutlich waren. Was Prof. Dr. Bruno Watschinger, Nieren- und Hypertoniespezialist von der Universitätsklinik für Innere Medizin III im Wiener AKH „schade findet“, die langfristigen Auswirkungen auf die Niere hätten ihn sehr interessiert, „doch das Herz hat gewonnen“.

Webers Prophezeiung

Die Studie sei von der US-Gesundheitsbehörde finanziert und nicht von Pharmafirmen, erklärt Weber, was „laut Verschwörungstheorien etwas Schlechtes ist“. Weber ist kein Verschwörungstheoretiker. „Innerhalb der dreieinviertel Jahre bedeutete die intensivere Behandlung von 90 Hypertoniepatienten die Verhinderung eines Todesfalls“, sagte Weber. Im Fachjargon heißt dieses Verhältnis „number to treat“. Es sei anzunehmen, sagt Weber, dass in Österreich etwa ein Viertel der Hypertoniepatienten von einer solchen intensivierten Behandlung mit einer Wirksubstanz mehr profitieren würde.

Zur Relevanz: „Wir reden vom Gesundheitsproblem Diabetes. Laut Weltgesundheitsorganisation leidet jeder zehnte Mensch weltweit an Diabetes. Ein noch viel größeres Problem ist der Blutdruck. Jeder dritte Mensch über 25 Jahren leidet an einem Bluthochdruck“, sagt Watschinger.

Seit langem anerkannt ist, dass die Hypertonie der größte Risikofaktor für chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Dann kommt das Rauchen. In Österreich weisen 38 Prozent der Menschen einen zu hohen Blutdruck auf, 37,5 Prozent der Todesfälle bei Männern und 47 Prozent bei den Frauen sind durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall bedingt.

Watschingers Pessimismus

Watschinger meint noch, dass Lebensstiländerung zu jeder Blutdruck-Therapie gehören würden. Allein: „Ich bin schon lange im Medizingeschäft und eigentlich immer ein Optimist gewesen, nur was die Einstellung der Österreicher zu Lebensstiländerungen angeht, da nicht.“

Eine erst kurz vor Weihnachten im Journal Lancet erschienene Metaanalyse von 123 Studien mit 600.000 Patienten aus den Jahren 1966 bis 2025 hat den Effekt einer größeren Blutdrucksenkung wie in der SPRINT-Untersuchung auf einer noch breiteren Datengrundlage belegt. „Jede Reduktion des systolischen Blutdrucks um 10 mmHg verringerte die Gefährdung durch Herz-Kreislauferkrankungen um ein Fünftel, das Risiko für einen Schlaganfall oder chronische Herzschwäche um ein Viertel und das Mortalitätsrisiko um 13 Prozent, fasste der Lancet die Ergebnisse zusammen.

Wassertheurers Kelomat

Wissenschaftler des Austrian Institute of Technology (AIT) haben mit ihrer AIT-ARCSolverTechnologie eine Methode gefunden, mit der bei normaler Blutdruckmessung auch eine Interpretation der Blutdruck-Wellenformen bei Hypertonikern ohne invasive Verfahren möglich wird. Laut dem Entwickler Dr. Siegfried Wassertheurer bringt das eine genauere Aussage über das Risiko von Bluthochdruckpatienten. In den Vereinigten Staaten könnten Ärzte die Verwendung des Verfahrens mit ihrer Kasse bereits abrechnen.

Wassertheurer vergleicht den Widerstand der Blutgefäße gegen die Pumparbeit des Herzens mit einem Kelomat, „allerdings pfeift der, wenn der Druck zu hoch wird.“ Er habe sich mit den Veränderungen der Pulswelle (grafische Darstellung des Blutdrucks über die Zeit, Anm.) beschäftigt und dabei Anzeichen für Erkrankungen gefunden, die Rückschlüsse auf die Blutmenge in den Gefäßen und die Steifheit der Gefäße zuließen. Eine kürzere Pulswelle bedeute eine höhere Geschwindigkeit des Blutes. „Das Herz muss viel mehr arbeiten, um die gleiche Menge Blut zu transportieren. Je härter das Blut an seinem Bestimmungsort ankommt, desto stärker wird das kardiovaskuläre Gleichgewicht gestört.“

Martin Burger, Ärzte Woche 3/2016

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