zur Navigation zum Inhalt
© www.mediendienst.com
DDr. Peter Voitl, Ärztlicher Leiter am Ambulatorium für Kinderkardiologie, Kindergesundheitszentrum Donaustadt in Wien

 

 
Kardiologie 7. Juli 2014

„Höchste Zeit, zu handeln“

Kinderkardiologen befürchten eine hohe Dunkelziffer an Kindern und Jugendlichen mit zu hohem Blutdruck.

Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen gehört in die Hände des Facharztes, betont Prim. Univ.-Lektor DDr. Peter Voitl vom Kindergesundheitszentrum Donaustadt, Wien, im Gespräch mit der Ärztewoche.

Zu hoher Blutdruck bei Kindern und Jugendlichen tritt vor allem bei Übergewichtigen auf und wird derzeit noch massiv unterdiagnostiziert. Schuld daran sind neben mangelndem Bewusstsein auch fehlerhafte und falsch geeichte Messgeräte, kritisiert Voitl. Der Experte fordert regelmäßige Blutdruckmessungen auch für die Zeit nach den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen sowie die Überweisung gefährdeter Kinder an den Kinderkardiologen.

Herr Primarius Voitl, wie viele österreichische Kinder und Jugendliche sind Hypertoniker?

Voitl:Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht genau. Erstens wird der Blutdruck ab einem bestimmten Alter nicht mehr gemessen, das endet ja mit den Untersuchungen, die im Mutter-Kind-Pass vorgesehen sind. Zweitens, auch wenn beispielsweise eine Hausärztin oder ein Schularzt eine punktuelle Messung durchführt, ist dieser Wert ja nicht gerade sehr aussagekräftig. Im Prinzip gibt er nur wieder, wie entspannt oder genervt das Kind oder der Jugendliche zu diesem Messzeitpunkt eben ist – eine fade Schulstunde, eine aufregende Pause – mehr kann man aus diesem Wert nicht herauslesen. Sicher ist aber, dass wir in Österreich eine enorme Dunkelziffer für Kinder und Jugendlichen mit Hypertonie haben.

Ohne Messungen fehlen auch die entsprechenden Daten – woher weiß man denn dann, dass viele Kinder und Jugendliche betroffen sind?

Voitl: Wir wissen zumindest, dass Adipositas ein wichtiger Risikofaktor für Hypertonie ist, da der Körper ja diese größere Masse durchbluten muss. In Österreich sind bereits 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, wobei die Bandbreite natürlich weit gestreut ist und von geringem Übergewicht bis zu maligner Adipositas reicht. Aber genau diese Gruppe sind die Risikokinder, und man kann daraus extrapolieren, dass hier viele Betroffene sind, die wir nicht sehen. Derzeit sind es häufig Zufallstreffer, wenn wir ein solches Kind erreichen.

Müsste bei diesen Kindern der Hausarzt von sich aus messen?

Voitl: Das wäre ein erster Schritt. Die Hauptproblematik ist ja, dass es in dieser Altersgruppe keine wirklichen Symptome gibt; die bei Erwachsenen häufigen Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Nasenbluten treten bei Kindern eben nicht so oft auf, ergo gibt es hier keinen ‚Grund‘, einen Arzt aufzusuchen. Das nächste Problem ist die eigentlich Blutdruckmessung: Wir wissen, dass viele Geräte zu alt sind, nicht regelmäßig oder überhaupt geeicht werden, dass die falsche Manschettengröße eingesetzt wird, die Geräte also überhaupt nicht für Kinder geeignet sind. Wenn diese Faktoren aber alle stimmen, wäre es schon ein Vorteil, wenn beispielsweise bei allen übergewichtigen Kindern, die in eine Hausarztpraxis kommen, einmal vernünftig der Blutdruck gemessen wird.

Welche gesundheitlichen Probleme können hinter einem zu hohen Blutdruck bei Kindern stecken?

Voitl: Grundsätzlich muss man an kardiale Grunderkrankungen denken und an Probleme mit der Schilddrüse; wichtig ist auch ein umfassender Hormonstatus und eine Überprüfung der Nieren, es kann beispielsweise eine verengte Nierenschlagader vorliegen.

Wie geht man therapeutisch vor?

Voitl: An erster Stelle steht die Abklärung der möglichen Ursachen, die ich bereits erwähnt habe; nachfolgend ist diese Grunderkrankung natürlich zu behandeln, etwa die Korrektur der verengten Nierenschlagader. Es ist nicht zu empfehlen, eine Hypertonie sofort medikamentös zu behandeln. Denn wenn man etwa bei einem übergewichtigen Kind den Blutdruck senkt, ohne das Gewichtsproblem anzugehen, löst man damit lediglich einen Schwindel aus, was die Compliance stark beeinträchtigen kann.

Das heißt, die Gewichtsreduktion steht an erster Stelle ...

Voitl: Ja, auf jeden Fall. Die erforderlichen Änderungen des Lebensstils sind im Übrigen dieselben wie bei erwachsenen Patienten, die von Hypertonie betroffen sind: Gewichtsabnahme und mehr Bewegung, also mehr Sport – damit kommt man bereits sehr weit. Erst wenn diese Vorgehensweise erfolglos bleibt, sollte man auf Medikamente zurückgreifen. Je nach Alter werden als Erstlinienmedikamente ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker eingesetzt; auf beide Wirkstoffklassen greifen wir bei der Therapie der Hypertonie sehr gerne zurück. Klar ist, dass die Therapie sehr komplex ist und immer individuell eingestellt werden muss. Es kommt sehr auf das Alter des Kindes an, die spezielle Situation – hier sind einfach zu viele Faktoren zu beachten, als dass man eine allgemein gültige Aussage treffen könnte. Positiv zu erwähnen ist die grundsätzlich gute Verträglichkeit, die wiederum eine gute Compliance zur Folge hat.

In wessen Verantwortung sollte die Betreuung der hypertonen Kinder und Jugendlichen liegen?

Voitl: Kinder gehören zum Facharzt, für junge Patienten mit Hypertonie ist das nicht anders. Meine Forderung: Hat ein Allgemeinmediziner ein übergewichtiges Kind vor sich, ist zunächst eine ordentliche Blutdruckmessung mit dem entsprechend geeichten Gerät durchzuführen. Bei Verdacht auf Hypertonie gehört das Kind aber jedenfalls zum Spezialisten, in diesem Fall also zum Kinderkardiologen – für diese Fälle haben wir ja unsere Fachleute. Die Hypertonie-Behandlung von Erwachsenen beim Allgemeinmediziner ist sicherlich in Ordnung, das gilt aber nicht für Kinder! Deren Therapie und Therapieüberwachung ist einfach viel komplexer als bei Erwachsenen, das kann nur der Spezialist übernehmen.

Arterielle Hypertonie im Kindesalter

Laut Studien ist die Inzidenz der Hypertonie im Kindesalter zwar viel niedriger als bei Erwachsenen (20 % der Bevölkerung), liegt aber immer noch bei 1 bis 3 % der Bevölkerung1,2.

Eine arterielle Hypertonie ist bei Kindern und Jugendlichen häufig symptomlos, kann aber in manchen Fällen mit Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder Tinnitus assoziiert sein.

Die Hypertonie ist mit Atherosklerose, koronaren und zerebrovaskulären Erkrankungen sowie chronischer Niereninsuffizienz assoziiert, wobei Endorganschäden wie Enzephalopathie oder Retinopathie bereits im Kindesalter auftreten können; manche sind nicht nur Folge einer Hypertonie, sondern können diese auch verstärken (erhöhte Reninausschüttung bei Niereninsuffizienz, verminderte Aortenelastizität, verminderte Gefäßreagibilität).

1 Norwood VF. Hypertension. Pediatr Review 2002; 23:197–209

2Kay JD et al., Pediatric hypertension, Am Heart J 2001;142: 422–432

Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 28/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben