zur Navigation zum Inhalt
© Eduard Härkönen/ fotolia.com
 
Kardiologie 28. Februar 2014

Nur scheinbare Normalisierung

Schlecht eingestellter Blutdruck „maskiert“ sich oft.

Einzelmessungen des Blutdrucks in der Praxis oder Klinik täuschen bei behandelten Hypertonikern oft eine optimale Blutdruckeinstellung vor, die – gemessen an den Werten bei ambulanter Langzeitmessung – nicht der Realität entspricht. Experten sprechen von „maskierter unkontrollierter Hypertonie“.

Der Blutdruck schlägt bekanntlich immer wieder gern ein Schnippchen und verleitet so zu Fehleinschätzungen. Mal steigt er just zum Zeitpunkt der Messung in der Arztpraxis oder Klinik deutlich an, während sich die Werte des Patienten ansonsten weitgehend im Normalbereich bewegen (Weißkittelhypertonie). Auch das Gegenteil kann passieren: Während bei der Praxismessung erfreuliche Normalwerte angezeigt werden, ergeben ambulante Langzeitmessung oder häusliche Selbstmessungen eindeutig erhöhte Blutdruckwerte. In diesem Fall spricht man von einer „maskierten“ Hypertonie.

„Maskierung“ auch unter der Therapie

Bisher ist das Phänomen der Maskierten Hypertonie (MH) vor allem bei bis dato unbehandelten Patienten untersucht worden, bevor die Diagnose Hypertonie gestellt wurde. Eine entsprechende „Maskierung“ scheint es aber auch bei Patienten mit Bluthochdruck zu geben, die bereits antihypertensiv behandelt werden. In diesem Fall gaukelt die Praxismessung eine gute Blutdruckkontrolle als Effekt der medikamentösen Therapie vor, während die ambulante Langzeit-Blutdruckmessung (ABDM ) ganz im Gegenteil eine unbefriedigende Einstellung offenbart. Eine Gruppe spanischer und britischer Forscher hat sich dafür den Begriff „maskierte unkontrollierte Hypertonie“ (abgekürzt MUCH: masked uncontrolled hypertension) ausgedacht.

Die Forschergruppe um Dr. José R. Banegas aus Madrid ist diesem „MUCH-Phänomen“ nun in einer großen Studie genauer auf den Grund gegangen (Jose R. Banegas et al.:, Eur Heart J 2014, online 3. Februar). Besonderen Wert legten sie dabei auf die ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung. Denn in bisherigen Studien seien häufig nur die Tageswerte per Selbstmessung oder ambulantem Monitoring erfasst worden – was zur Folge hatte, dass nächtliche Blutdruckerhöhungen unberücksichtigt blieben. Dieses Manko wollten Banegas und seine Kollegen in ihrer Studie explizit beheben.

Erhöhte ABDM-Werte bei jedem Dritten

Grundlage ihrer Analyse bildeten Daten aus dem großen spanischen ABPM-Register. In dieses Register waren bis Dezember 2010 insgesamt 99.884 Patienten mit Bluthochdruck aufgenommen worden.

Von 62.788 Hypertonikern, die bereits mit Blutdrucksenkern behandelt wurden, lagen komplette Daten der Blutdruckmessung in der Klinik sowie der ambulanten automatisierten Langzeitmessung vor. Aus dieser Population wurden wiederum 14.840 Patienten herausgefiltert, deren Blutdruck sich unter der Behandlung bei der punktuellen Messung in der Klinik normalisiert gezeigt hatte (‹140/90 mmHg).

Die Frage war nun, ob sich die Blutdrucknormalisierung auch in der ambulanten Langzeitmessung widerspiegeln würde. Bei der Mehrzahl der Patienten war das der Fall: Ihr mittlerer 24-Stunden-Blutdruck blieb unterhalb eines Schwellenwerts von 130/80 mmHg . Also alles optimal. Aber: Bei immerhin 4.608 Patienten (31,1 Prozent) lag der 24-Stunden-ABDM-Wert oberhalb dieser Schwelle – trotz optimalem Wert bei Messung in der Klinik. Per definitionem bestand somit bei dieser nicht gerade kleinen Subgruppe eine „maskierte unkontrollierte Hypertonie“ oder MUCH.

Erhöhter nächtlicher Blutdruck von Bedeutung

Betroffen davon waren signifikant häufiger Männer, Raucher, Patienten mit einem hohen kardiovaskulären Risiko aufgrund multipler kardiometabolischer Risikofaktoren (Diabetes, Fettleibigkeit) sowie Patienten mit hoch normalen Blutdruckwerten bei Klinik-Messung („Borderline“-Bereich: 130-9/80-9 mmHg).

Vor allem deutlich höhere nächtliche Blutdruckwerte trugen bei den Patienten mit MUCH entscheidend dazu bei, dass die ABDM-Werte nicht im Einklang mit den optimalen Blutdruckwerten der Klinik-Messung standen. Banegas und seine Forscherkollegen spekulieren, dass Störungen wie Schlafapnoe oder Sympathikus-Überaktivität dafür eine Erklärung sein könnten.

Das Fazit der Studienautoren

Sich bei scheinbar gut eingestellten Hypertonikern allein auf die in der Praxis oder Klinik gemessenen Einzelwerte zu verlassen, reiche oft nicht aus, um die Blutdruckeinstellung adäquat beurteilen zu können. Wünschenswert sei eine breitere Nutzung der Blutdrucküberwachung mittels 24-Stunden-ABDM – vor allem bei Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko, bei denen eine schlechte Einstellung des nächtlichen Blutdrucks relativ häufig ist und die deshalb am meisten von einer Optimierung der blutdrucksenkenden Therapie profitieren würden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben