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In Schweden oder Norwegen wissen einer Studien zufolge rund 70 Prozent der Bevölkerung, was bei einem plötzlichen Herzstillstand als Ersthelfer zu tun ist.
 
Intensiv- und Notfallmedizin 28. September 2015

Alle könntens, keiner tuts

„Deutschland lebt reanimationstechnisch im Mittelalter“, sagt ein Intensivmediziner.

Bei einem plötzlichen Herzstillstand entscheiden Minuten über Leben und Tod. Um sofortige Hilfe zu gewährleisten, lernen auch Laien seit Jahrzehnten in Erste-Hilfe-Kursen, wie man nach dem Absetzen des Notrufs eine Herzdruckmassage durchführt. In Deutschland fragt man sich, warum man trotzdem im europäischen Vergleich in Sachen Wiederbelebung ganz hinten liegt.

Es ist Mittwochmittag, kurz nach 12.00 Uhr. Stellen Sie sich vor, Sie wären gerade mit ihrem Arbeitskollegen auf dem Weg in die Mittagspause. In einem Moment unterhalten Sie sich noch angeregt über den Skandinavientrip, den Sie für den nächsten Urlaub geplant haben, im nächsten sackt Ihr Gegenüber plötzlich bewusstlos zu Boden. Alarmiert knien Sie sich neben ihren Kollegen und stellen fest, dass dieser weder auf Rufen noch auf Rütteln reagiert und nicht mehr atmet. Geistesgegenwärtig ziehen Sie Ihr Handy aus der Hosentasche und verständigen per „112“ sofort den Rettungsdienst. Und dann?

In Schweden oder Norwegen zumindest wüssten die meisten Menschen, was nun zu tun wäre: Studien zufolge springen dort nämlich rund 70 Prozent der Bevölkerung in Situationen wie diesen, die auf einen plötzlichen Herzstillstand hindeuten, sofort als Ersthelfer ein und führen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte eine lebensrettende Herzdruckmassage durch. In Deutschland fällt die Statistik dagegen weitaus nüchterner aus: Nur in gerade einmal rund drei von zehn Fällen beginnen Umstehende, die Zeuge eines solchen Vorfalls werden, eigenständig mit Wiederbelebungsmaßnahmen. (Anm. d. Red: Zahlen aus Österreich liegen nicht vor, man vermutet aber, dass der Prozentsatz dem in Deutschland ähnelt.)

„Bis 2012 sahen diese Zahlen sogar noch düsterer aus“, sagt Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum in Köln. Er setzt sich seit mehr als 20 Jahren mit den Themen plötzlicher Herztod und Wiederbelebung auseinander, inzwischen unter anderem auch als Vorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung – German Resuscitation Council (GRC) – und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) sowie der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Vor drei Jahren, so berichtet er, konnten sich Betroffene noch nicht einmal in 20 Prozent der Fälle darauf verlassen, dass jemand zur Herzdruckmassage ansetzte, bevor der Notarzt schließlich ankam.

Schlusslicht in Europa

Die Angaben stammen aus dem Deutschen Reanimationsregister, das 2003 von der DGAI ins Leben gerufen wurde. Es deckt derzeit etwa 20 Prozent aller Wiederbelebungsversuche ab, die außerklinisch durchgeführt werden. Krankenhäuser und Rettungsdienste stellen ihre Daten freiwillig zur Verfügung; vollständigere Erhebungen gibt es bislang nicht. Da hier sicherlich tendenziell jene Institutionen mitmachen, die sich ohnehin auch im Bereich der Reanimation engagieren, ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Wiederbelebungsquoten eher noch ein wenig schwächer ausfallen. „Deutschland lebt reanimationstechnisch noch im Mittelalter“, sagt Böttiger. Nur Rumänien und Andalusien stünden im europäischen Vergleich noch schlechter da, auch in den USA wüssten immerhin rund 35 bis 40 Prozent der Bürger, was im Notfall zu tun sei.

Dabei ließen sich durch eine einfache Herzdruckmassage viele Leben retten. „Der plötzliche Herztod mit nicht erfolgreicher Wiederbelebung ist die Todesursache Nummer drei in Deutschland“, erklärt Böttiger. Es kann jeden treffen, rund 70 Prozent aller Fälle ereignen sich im häuslichen Umfeld: Durch Kammerflimmern oder den Ausfall des taktgebenden Knotens versagt das Herz plötzlich seinen Dienst. Die Folge: Es wird kein sauerstoffreiches Blut mehr durch den Körper und vor allem nicht mehr zum Gehirn gepumpt, der Betroffene wird innerhalb weniger Sekunden bewusstlos und atmet nicht mehr oder zumindest nicht mehr normal. Werden dann nicht sofort Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet, stirbt der Patient in den meisten Fällen; die Überlebensrate liegt infolgedessen hierzulande bei unter zehn Prozent.

Würden Umstehende, Arbeitskollegen oder Familienangehörige, die Zeuge eines solchen Vorfalls werden, sofort nach Absetzen eines Notrufs häufiger mit einer Herzdruckmassage beginnen, ließe sich die Prognose womöglich deutlich verbessern, wie das Beispiel Dänemark nahelegt. Hier leiteten die Menschen bis 2001 ebenfalls höchstens in zwei von zehn Fällen Wiederbelebungsmaßnahmen ein, bevor man sich 2005 dazu entschloss, die Bevölkerung mit einem ganzen Paket von Maßnahmen stärker auf das Thema aufmerksam zu machen. 2010 wurde bereits in rund 45 Prozent aller Fälle durch Laien reanimiert, die Überlebenswahrscheinlichkeit beim plötzlichen Herztod hat sich im selben Zeitraum verdoppelt bis verdreifacht. Rechnet man das auf Deutschland um, könnten hier im günstigsten Fall vielleicht jährlich rund 5.000 bis 10.000 Menschenleben mehr gerettet werden, so Böttigers Hoffnung.

Stayin´ Alive

Wie eine Herzdruckmassage funktioniert, lernt man im Führerschein-Erste-Hilfe-Kurs: Man kniet sich neben den Betroffenen, drückt mit beiden Händen fest und schnell etwa fünf Zentimeter tief in die Mitte des Brustkorbs und summt dabei gedanklich zum Beispiel den Disco-Song „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees. Der sorgt nämlich mit einer Taktfrequenz von 103 Schlägen pro Minute dafür, dass man im Idealfall jede Minute 100- bis 120-mal drückt. Nach jeweils 30-mal Drücken wird zweimal beatmet. Aufgehört wird erst, wenn der Rettungsdienst eintrifft. Sind mehrere Helfer zugegen, macht es Sinn, sich nach spätestens zwei Minuten gegenseitig abzulösen, da die Herzdruckmassage richtig ausgeführt, anstrengend ist.

Aber wenn das Ganze im Prinzip so simpel ist, warum macht es dann im Ernstfall kaum jemand? Studien zeigen, dass es eine ganze Reihe von Faktoren gibt, die beeinflussen, ob Laien mit einer Herzdruckmassage beginnen. So deutet etwa eine Untersuchung aus Nordostengland darauf hin, dass vor allem in ökonomisch schwächeren Regionen Menschen wenig mit Erster Hilfe am Hut haben: Dort ist die Reanimationsquote durch Umstehende noch einmal um bis zu zehn Prozent schlechter als in gut situierten Vierteln. Ältere Menschen werden generell seltener wiederbelebt als junge, Frauen nicht so häufig wie Männer. Letzteres könnte auch mit soziokulturellen Normen zusammenhängen. Kanadische Forscher ließen 69 Probanden entweder an einem männlichen oder einem weiblichen Patientensimulator Wiederbelebungsmaßnahmen trainieren. Dabei stellte sich heraus, dass die Teilnehmer selbst bei den künstlichen Patienten zögerlicher waren, wenn diese eine Frau darstellten. In diesem Fall hatten etwa sowohl weibliche als auch männliche Ersthelfer mehr Hemmungen, störende Kleidungsstücke beiseitezuschieben oder den Oberkörper gar ganz zu entblößen.

Einen deutlichen Unterschied im Bezug auf die Hilfsbereitschaft von Laien macht es offenbar auch, ob man diese anweist, ganz klassisch eine Herzdruckmassage samt Beatmung durchzuführen, oder ob man sie instruiert, letztere Komponente im Zweifelsfall einfach wegzulassen. So zeigen Studien, dass häufiger reanimiert wird, wenn die Umstehenden im wahrsten Sinn des Wortes einfach nur drücken müssen, bis der Arzt kommt. „Wir sagen immer: Drücken ist die Pflicht, beatmen ist die Kür“, so Böttiger. Die vorsichtige Abkehr von der Mund-zu-Mund-Beatmung hänge auch damit zusammen, dass es inzwischen neuere Studien gibt, die zeigen, dass in den ersten Minuten nach einem Herzstillstand in aller Regel noch genug Sauerstoff im Blut vorhanden ist. Daher reicht es zunächst tatsächlich aus, wenn Laienhelfer die Funktion der Pumpe übernehmen und das Blut weiterhin durch den Körper und vor allem zum Gehirn schicken.

Rippen brechen auf jeden Fall

Viele Menschen hält zudem auch die Angst davor, im Eifer des Gefechts etwas falsch zu machen, vom Helfen ab. Was passiert, wenn man etwa zu heftig drückt und dem ohnehin schon Bewusstlosen auch noch eine Rippe bricht? Bernd Böttiger findet für solche Sorgen klare Worte: „Das Einzige, was man in so einer Situation falsch machen kann, ist nichts zu tun!“ Rippen würden in etwa der Hälfte aller Fälle brechen, erklärt der Mediziner, vor allem dann, wenn die Herzdruckmassage korrekt ausgeführt wird und man tatsächlich fest genug drückt.

Spektrum.de, Ärzte Woche 40/2015

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