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Geschichte 30. April 2008

Was treibt die Medizin voran?

Bewusst gesetzte Hygienemaßnahmen, die heute als selbstverständlich gelten, haben vor nicht allzu langer Zeit möglicherweise mehr medizinischen Fortschritt gebracht als so manche hochtechnologisch produzierte Vakzine. Über „medizinischen Fortschritt“, den Begriff und seine Inhalte, sprach die Ärzte Woche mit dem Leiter des Wiener Instituts für Geschichte der Medizin, Prof. Dr. Dr. Michael Hubenstorf.

Wie definieren Sie als Medizinhistoriker medizinischen Fortschritt und welche Faktoren sind dafür verantwortlich?
Hubenstorf: Gerade als Historiker medizinischen Fortschritt zu definieren, ist äußerst schwierig: Man kann ihn nur deskriptiv erfassen. Die Frage ist: Wo wird die Kategorie medizinischer Fortschritt verwendet und seit wann finden wir den Begriff vor – das ist etwa seit den 1950er- und 60er-Jahren der Fall.

Motiviert wodurch?
Hubenstorf: Die Verwendung des Begriffs hängt mit markanten medizinischen Maßnahmen zusammen: Einführung der Antibiotika, sicher auch der Polio-Schluckimpfung, die erste Nierentransplantation in den 50er-Jahren. Das sind die fortschrittlichen Ereignisse – bis hin zur Herztransplantation Ende der 60er-Jahre. Im Unterschied zur Nierentransplantation war die Herztransplantation ein großes mediales Ereignis, auch die Wahrnehmung der Polio-Schluckimpfung fand eher verzögert statt. Da ist auch die Frage: Was ist Medienproduktion, was ist Perzeption der Ärzteschaft? Sehr schwierig zu erfassen ist die Wahrnehmung der Patienten, die wahrscheinlich medizinischen Fortschritt über die Interpretationen, die ihnen Ärzte dazu liefern, erfassen. Ein anderes Ereignis war die Einführung des Röntgenbildes um 1900, das geschah blitzschnell. Diese Rapidität verankert den Begriff des Fortschritts.

Ist medizinischer Fortschritt heute mit Lebensverlängerung, mit Gewinn an Lebensqualität gleichzusetzen?
Hubenstorf: Ja. Aber historisch rückschauend ist es so, dass der Anstieg der Lebenserwartung früher größer war, als er heute ist. Heute steigt die Lebenserwartung in den westlichen Ländern noch immer um einige Jahre an. Der deutliche Zuwachs an Lebensjahren ist aber vor dem „großen“ medizinischen Fortschritt zu sehen: in vorbeugenden Maßnahmen, der Senkung der Säuglingssterblichkeit. Vieles hängt mit besserer Säuglingspflege, mit Hygiene, mit Ernährung, Sorgfalt der Ernährung und Nahrungszubereitung, zusammen. Das hat die Lebenserwartung massiv mehr erhöht als das, was wir in den letzten Jahren erleben. Gemeint ist damit ein Zeitraum von ca. 1900 bis 1930, wo die Säuglingssterblichkeit von rund 25 Prozent auf unter zehn Prozent gesunken ist. Eine Rate von unter ein Prozent, wie wir sie heute haben, wäre früher vollkommen utopisch erschienen.

Haben diese medizinisch-hygienischen Maßnahmen mehr Fortschritt gebracht als der aktuelle, große industriell-wissenschaftliche Aufwand?
Hubenstorf: Provokant gesprochen: sicher. Es sind für heutige Begriffe einer technologisch orientierten Medizin unspektakuläre Maßnahmen, die das Überleben von Kindern sichern und dadurch die Lebenserwartung massiv erhöhen. Der Anstieg der Lebenserwartung seit den 1950er-Jahren hat viele verteilte Ursachen: z.B. die Senkung der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten, da gibt es massive Veränderungen. Unsere Lebensweisen, die sich darauf einstellen und just dies zu verhindern versuchen, verändern sich sukzessive. Oder sehen Sie sich die Entwicklung der letzten zehn Jahre beim Rauchen an – diese wäre vor 15 Jahren völlig unvorstellbar gewesen.

Ist „Fortschritt“ ein absoluter oder relativer Begriff, davon ausgehend, dass es in großen Teilen der Welt krasse medizinische Unterversorgung gibt – muss man die jeweilige Gesellschaft, den Versorgungsstandard mit einbeziehen?
Hubenstorf: Es gibt unterschiedliche Entwicklungsniveaus, und die Länder der Dritten Welt orientieren sich daran, was aus der Ersten Welt kommt. Nur ist das oft nicht umsetzbar, oder es werden Gesundheitsstrategien aus der westlichen der Dritten Welt empfohlen und aufgestülpt. Denken Sie an die Projekte zur Malaria-Bekämpfung. Wobei man sagen muss, dass Malaria im Jahr 1945 auch bei uns ein Problem war. Das ist noch nicht so lang her. Damals hatte man als Entsprechung zu den Antibiotika das DDT und meinte, damit alle Malaria-Mücken bekämpfen zu können. Dann wurden in den 50er/60er-Jahren großmächtige Programme zur Ausrottung der Malaria entworfen. Solche Programme gehen übrigens bis auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück: Ein Bespiel ist die Rockefeller-Foundation, deren erstes großes Projekt die Ausrottung der Hakenwurm-Krankheit war.

Hängt das auch mit „Kolonialisierung“ zusammen?
Hubenstorf: Die Krankheitsausrottungsprogramme der Rockefeller-Foundation vor allem von Krankheiten in Ländern Mittel- und Südamerikas haben einen Aspekt des Neokolonialismus, denn die Länder Süd- oder Mittelamerikas sind mit einigen Ausnahmen nie Kolonien gewesen.

Medizinischer Fortschritt im Sinne der Wirtschaft?
Hubenstorf: Das hat auch damit zu tun, Nordamerika gegen Krankheiten wie z.B. Gelbfieber abzuschirmen. Andererseits geht es darum, die Effektivität tropischer Plantagen zu erhöhen. Gerade bei der Hakenwurm-Krankheit waren Unternehmen klarerweise daran interessiert, diese in Süd- und Mittelamerika in ihren Plantagen auszurotten, und da wurde auch Geld investiert. Einerseits ist es im Sinne der Wirtschaft, aber es wird als allgemeiner gesellschaftlicher Fortschritt verkauft. Das entspricht dem, was damals in den USA „the progressive mouvement“ geheißen hat, wobei das nicht unbedingt mit politisch links zu identifizieren ist, sondern mit technokratischer Planung durch Experten, die Maßnahmen empfehlen, die effektiv in der wissenschaftlich angeleiteten Innovation gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Im Übrigen wendete man diesen Ansatz genauso in Österreich in Förderungsprogrammen der 20er-Jahre an, z.B. bei der Bekämpfung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit.
Aus diesen Programmen wurde die Idee der Krankheitsausrottung, die nun bei der Malariabekämpfung weiter entwickelt wird – und das ist eigentlich grandios gescheitert. Aus umweltpolitischen Gründen wandte man sich vom DDT ab. Heute werden billige Moskito-Netze propagiert, eine ganz einfache, aber hoch effektive Maßnahme, zusammen mit DDT-Einsatz in begrenztem Ausmaß.

Wie sehen Sie die Situation bei TBC?
Hubenstorf: Eine Krankheit wurde tatsächlich ausgerottet: die Pocken. Allerdings wurde schon im 18. Jahrhundert begonnen, dagegen zu impfen. Letztlich konnte man mit gezielter Meldung, Überwachung, Durchsetzung der Impfpflicht und Ausheilung der letzten Fälle die Pocken ausrotten. Der Erreger existiert heute nur noch abgeschirmt in Labors, es gab die Diskussion, ihn ganz zu vernichten. Bei der TBC nahm man vor 30 Jahren an, dass man sie bald ausrotten würde. Etwas zeitverzögert zu den Antibiotika wurden die Tuberculostatica entwickelt, hocheffektive Medikamente, mit denen man meinte, die TBC restlos zu besiegen. Noch in den 1950ern hat man TBC-Heilstätten gebaut und ausgebaut, wenige Jahre später war das obsolet. Das war auch ein ganz massiver Fortschritt. Und dann blieb von der TBC ein Restbestand über, und wir haben seit den 80ern die Information, dass neue Mutanten auftraten.

Wer treibt medizinischen Fortschritt voran: die Versorgungsnotwendigkeit oder Interessen der Industrie?
Hubenstorf: Ich denke, es ist ein Mix. Natürlich treibt die Industrie auf verschiedenen Ebenen den Fortschritt voran. Nur bedarf es der medizinischen Anwendung, da spielen auch Wahrnehmungen der Ärzteschaft eine Rolle. Betrachten Sie die Einführung der Polio-Schluckimpfung: Natürlich gibt es dahinter auch wirtschaftliche Interessen der Firmen, die das entwickelt und finanziert haben. Aber die Beschäftigung mit der Krankheit Kinderlähmung ist so verbreitet, ein derartig großes Anliegen, dass es weit über die wirtschaftlichen Interessen der Firmen hinausgeht.

Gilt das auch für die Influenza-Impfung?
Hubenstorf: Da ist es anders, da ein sich beständig wandelnder Erreger vorliegt und ständig neue Impfstoffe produziert werden müssen. Insofern ist der Fortschritt der Bekämpfung der Influenza mit Impfungen kein so eklatanter wie bei Polio. Seit Existenz der Polioimpfung ist die Kinderlähmung schlagartig verschwunden. Das gilt für die Influenza-Impfung nicht: Nächstes Jahr gibt es einen anderen Erreger, und man braucht einen neuen Impfstoff.


Rückblick

Meilensteine der Medizin

Um 5000 v. chr.
Die Bauern der Linienbandkeramischen Kultur (Gebiet des heutigen Elsass) führen Schädeltrepanationen durch und richten gebrochene Arme ein.

Um 2000 v. chr.
Die Sumerer ritzen erste Rezepte in Tontafeln.

10. Jahrhundert
Die erste Medizinische Schule entsteht in Salerno.

13. Jahrhundert
Erste Augengläser zum Lesen.

1316
Mondino dei Liucci schreibt das erste Lehrbuch der Anatomie.

1628
Erstmalige korrekte Beschreibung des Blutkreislaufs durch William Harvey.

1796
Impfung gegen Pocken durch Edward Jenner.

1804
Friedrich Wilhelm Sertürner entdeckt das Morphium.

1811
Charles Bell entdeckt, wie das Nervensystem funktioniert.

1861
Ignaz Philipp Semmelweis veröffentlicht sein Buch Die Ätiologie, der Begriff und Prophylaxe des Kindbettfiebers.

1865
Gregor Mendel entdeckt die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung.

1882
Robert Koch entdeckt den Tuberkelbazillus.

1895
Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt die Röntgenstrahlen.

1901
Karl Landsteiner entdeckt die Blutgruppen.

1938
Alexander Fleming entdeckt das Penicillin.

1967
Christian Barnaard nimmt die erste Herztransplantation vor.

1978
In England wird das erste Retorten-Baby geboren.

1983
Luc Montagnier bzw. Robert Gallo isolieren HIV.

1997
Dolly, das erste Klonschaf, wird geboren.

Quellen: www.fda.gov; www.wikipedia.org; www.deutschlandmed.de

Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 18/2008

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