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Hämatologie 14. Juni 2007

Blut ist ein besonderer Saft (Narrenturm 103)

Für die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen mit einem geradezu klassisch einfachen Experiment erhielt der Wiener Arzt Karl Landsteiner 1930 den Nobelpreis. Sein umfangreiches Lebenswerk krönte er mit der Entdeckung des Rhesusfaktors im Jahr 1940.

 Karl Landsteiner
Karl Landsteiner scheute zeit seines Lebens die Untersuchung von Menschen.

Foto: Regal/Nanut

Als der junge Assistenzarzt Dr. Karl Landsteiner (1868–1943) am pathologisch-anatomischen Institut der Universität Wien – das schön renovierte Gebäude befindet sich nur ein paar Schritte vom Narrenturm entfernt und beherbergt heute das Hirnforschungsinstitut – im Jahr 1900 seine Experimente mit der unterschiedlichen Agglutination verschiedener Blutproben seinen Kollegen am Institut vorführte, erntete er nur mitleidiges Lächeln. Er ließ sich aber glücklicherweise nicht entmutigen. Für die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen mit diesem geradezu klassisch einfachen Experiment erhielt er 1930 den Nobelpreis. Sein umfangreiches Lebenswerk krönte er mit der Entdeckung des Rhesusfaktors im Jahr 1940.
Dass Blut ein „besonderer Saft“ ist, wusste nicht erst Geheimrat Goethe. Schon 1667 versuchten Ärzte Lammblut als „Jungbrunnen“ auf Menschen zu übertragen. Dass manche Patienten, anstatt sich zu verjüngen, verstarben, mag die experimentierfreudigen Forscher damals über­rascht haben.
Die erste zufällig erfolgreiche Bluttransfusion von Mensch zu Mensch glückte dem englischen Geburtshelfer James Blundell (1790–1877) im Jahr 1823 bei einer ausgebluteten Wöchnerin. Aber trotz aller Vorsicht verlief nur jede zweite Bluttransfusion ohne schwerwiegende Komplikationen. Niemand konnte sagen, warum. Die katastrophal schlechten Ergebnisse von Bluttransfusionen von Mensch zu Mensch führten dazu, dass diese gefährlichen Übertragungen nur in verzweifelten Fällen eingesetzt wurden, und manche Länder verboten sie per Gesetz überhaupt.

Ewiger Laborant

Es sollte noch bis in Jahr 1900 dauern, dass diesem „besonderen Saft“ seine Geheimnisse nach und nach entrissen wurden. Mit seiner 1900 erschienen Arbeit „zur Kenntnis der antifermentativen, lytischen und agglutinierenden Wirkungen des Blutserums und der Lymphe“ legte der Theoretiker und „ewige Laborant“ Landsteiner den Grundstein zur Entdeckung der Blutgruppen. „Ewiger Laborant“ deshalb, weil er zeit seines Lebens die Untersuchung und Behandlung lebender Wesen scheute, seine chirurgische Ausbildung als Arzt absolvierte er nur mit großer Überwindung. In einer Fußnote dieser Arbeit – heute wohl die berühmteste Fußnote der Medizingeschichte – sprach er die Vermutung aus, dass es sich bei der Interagglutination menschlicher Blutproben um eine physiologische Eigenschaft des Blutes handeln könnte. Als Lehrmeinung galt ja damals, dass die Ursache der Interagglutination menschlicher Blutproben eine krankhafte Veränderung mindestens einer der Blutproben sei.

 Pathologisches Institut
Das ehemalige pathologisch-anatomische Institut der Universität Wien, heute das Hirnforschungsinstitut.

Foto: Regal/Nanut

Blut ist nicht gleich Blut

Seine bahnbrechende Publikation, dass Blut nicht gleich Blut ist, dass es verschiedene Blutgruppen gibt und dass deshalb Blutübertragungen von Mensch zu Mensch bisher wechselnden Erfolg hatten, erschien 1901 in der „Wiener klinischen Wochenschrift“.
In der Arbeit „Über die Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes“ beschrieb er drei verschiedene Typen von Blutgruppen, die er A, B und C bezeichnete. Seine Schüler Adriano Sturli und Alfred von Decastello-Rechtwehr beobachteten 1902 noch eine weitere Gruppe, die sie zunächst als „ohne Typus“ bezeichneten. Acht Jahre später benannten Emil von Dungeren und Ludwig Hirszfeld die Blutgruppen in der bis heute üblichen Art. Die Landsteinersche Gruppe C bezeichneten sie als Blutgruppe 0 und das „typenlose“ Blut mit AB.
Mit der Entdeckung der vier Blutgruppen und der „Landsteiner-Regel“, dass im Serum eines Individuums das Agglutinin gegen die eigene Blutgruppe fehlt, wurde die kontrollierte Bluttransfusion von Mensch zu Mensch erst möglich und das hohe, oft tödliche Risiko einer Bluttransfusion konnte endlich herabgesetzt werden. Mit der Entdeckung der Blutgruppen wurde Karl Landsteiner zu „einem der größten Wohltäter der leidenden Menschheit“.
Aber Landsteiner entdeckte nicht nur die Blutgruppen. Neben Pionierarbeiten auf den Gebieten der Serologie und Immunologie und Erkenntnissen über Antigene und Antikörper, gelang es ihm gemeinsam mit Viktor Mucha, die Syphilis-Spirochäte in der neu entwickelten Dunkelfeldmikroskopie darzustellen und damit die Wirkung antiluetischer Therapeutika wie etwa Salvarsan zu prüfen. Als Prosektor im Wilhelminenspital konnte er mit dem Pädiater Erwin Popper 1908 erstmals Poliomyelitis auf einen Affen übertragen und nachweisen, dass ein „invisibles Virus die Krankheit verursacht“. Diese Entdeckung brachte Karl Landsteiner auch in die „Polio Hall of Fame“ in Georgia Warm Springs, USA, in der 17 Büsten von Personen aufgestellt sind, die sich um die Bekämpfung der Kinderlähmung ausgezeichnet haben.

Überall unsichtbar zugegen

Schon „Pensionist“, entdeckte er 1940 im Rockefeller-Institut in New York, an dem er seit 1923 tätig war, den Rhesus-Faktor. Seine Bedeutung für die Bluttransfusion und den Morbus haemolyticus neonatorum erkannten seine Schüler Alexander S. Wiener und Philipp Levine.
Hermann Chiari würdigte anlässlich der Enthüllung des Landsteinerdenkmals im Arkadenhof der Universität Wien im Jahr 1961 die Leistungen Landsteiners mit den Worten: „Wo immer in aller Welt eine Bluttransfusion durchgeführt wird, wo immer einer besorgten Mutter heute ihr höchst gefährdetes Kind erhalten wird, überall ist er unsichtbar zugegen.“ Der Weltblutspendetag wird seit 2004 am 14. Juni, dem Geburtstag von Karl Landsteiner, begangen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 24/2007

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