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Geschichte 5. Juni 2007

Wiener Meilensteine im Mikroskopbau (Narrenturm 102)

Carl Reichert war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Seine in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Wien gegründete Mikroskopherstellung war von Anfang an ein Erfolg. Mit dem neuen Spiegelkondensor beobachtete Reicherts Sohn als Erster die Geißeln lebender Bakterien.

 Sammlung Mikroskope aus Messing
Die Sammlung im Narrenturm verfügt über einige frühe Mikroskope aus Messing.

Foto: Regal/Nanut

Als Carl Reichert (1851–1922) am 11. November 1876 seine „optisch-mechanische Werkstätte“ in Wien gründete, war hier tatsächlich einmal der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Der Pathologe Rudolf Virchow, fasziniert vom Mikroskop, hatte in Deutschland mit seiner Zellularpathologie – wonach sich die krankhaften Lebensvorgänge in den Zellen abspielen – einen Grundstein zur modernen Medizin gelegt; die Entdeckung von Bakterien als Krankheitserreger durch „Mikrobenjäger“ wie Robert Koch und andere Protagonisten des Mikroskops und die Blütezeit der zweiten Wiener medizinischen Schule, die Wien tatsächlich zum „Mekka“ der Medizin machten, kamen der Gründung der Firma Reichert damals sehr zustatten. Auch dass es in Wien nach dem Tod des berühmtem Wiener Mikroskopbauers Simon Plößl seit 1868 keine Mikroskoperzeugung mehr gab, war für Reichert sicherlich kein Nachteil.

Von Anfang an hervorragend

Der in Sersheim, Württemberg, geborene Mechanikergeselle Carl Reichert walzte – wie damals üblich – durch Deutschland, die Schweiz und Österreich. Er arbeitete beim bekannten Optiker Ernst Leitz in Wetzlar und plante eine Beteiligung an der Werkstätte von Leitz. Nach Differenzen mit Frau Leitz, deren Einfluss auf die Geschäftsgebarung der Firma ihm nicht passte, trennte er sich einvernehmlich von Leitz, übersiedelte mit zwei Mechanikern nach Wien und gründete hier seine Firma im 8. Bezirk in der Mölkegasse 3.
Da seine Mikroskope von Anfang an von hervorragender Qualität waren, wurde seine Firma rasch erfolgreich. Bei der Pariser Weltausstellung 1878 stellte sich das junge Unternehmen mit allen seinen Mikroskopen vor, verkaufte alle ausgestellten Instrumente und erhielt noch dazu die größte Auszeichnung dieser Weltausstellung, die große goldene Medaille. Die Nachfrage nach Reichert-Mikroskopen wurde danach immer stärker und die Firma Reichert musste expandieren und übersiedelte in die Bennogasse 24 - 26, ebenfalls im 8. Bezirk. 1883 verkauft Reichert bereits das Mikroskop mit der Seriennummer 1.000. Die Firma erlebt einen rasanten Aufstieg und die „Optischen Werke Reichert“ mussten stetig expandieren und übersiedelten schließlich in die Hernalser Hauptstraße. Im Jahr 1891 verlässt das 10.000. Mikroskop das Werk und vor der Jahrhundertwende erreichte man noch die Seriennummer 20.000.
Berühmt wurde Reichert, der sich jetzt auch internationale Verbindungen aufbaute, durch eines der ersten Mikroskope für die Untersuchung von Metallflächen. Die Firma Reichert konstruierte auch neue Objektive, neue Beleuchtungseinrichtungen – mit dem neuen, von Carl Reichert gebauten Spiegelkondensor beobachtete sein Sohn Karl im Zuge seiner Dissertation 1909 als Erster die Geißeln lebender Bakterien –, baute Mikrotome, entwickelte ein Erhitzungsmikroskop und konnte im Jahr 1912 das 50.000. Mikroskop dem Institut für Krebsforschung in Wien widmen. Nach Rückschlägen im Ersten Weltkrieg erholte sich die Firma aber rasch. Bereits 1922, im Todesjahr des kaiserlichen Rates Carl Reichert, waren im Werk bereits wieder 400 Arbeiter beschäftigt. Die beiden Söhne Reicherts, Karl und Otto, führten nun gemeinsam das Werk ihres Vaters weiter.

 Mikroskop
Die Mikroskope von Carl Reichert waren von Anfang an von hervorragender Qualität.

Foto: Regal/Nanut

Bedeutende Forschung

Als wissenschaftlicher und technischer Leiter des Unternehmens verbesserte Karl Reichert (1883–1953) die Dunkelfeldmikroskopie und leistete bedeutende Forschungsarbeiten für die Fluoreszenzmikroskopie. Das Wiener Unternehmen war 1911 das erste der Welt, das ein Fluoreszenzmikroskop entwickelte. Ultramikrotome für die Elektronenmikroskopie und eine Reihe von Zusatzgeräten, wie etwa Tiefgefriereinrichtungen, die nötig sind, um ultradünne Gewebsschnitte herstellen zu können, gehörten ebenfalls zur von Wissenschaftern, Forschern und Medizinern hochgeschätzten Produktpalette der Firma.
Auch die Weltwirtschaftkrise und den Zweiten Weltkrieg überstand das Unternehmen. Am Ende des Weltkrieges hatte man zwar nur mehr 12 Mitarbeiter, aber die Firma wuchs wegen ihrer weltweit anerkannten Entwicklungs- und Präzisionsarbeit in der Nachkriegszeit wieder rasch. Im Jahr 1951 verließ das 225.000. Mikroskop die Firma. Man überreichte es feierlich dem Entdecker des Penicillins, Sir Alexander Fleming. Das 250.000. Instrument erhielt 1957 „Urwalddoktor“ Karl Schweizer in Lambarene. Heute gehört die Firma zum internationalen „Leica Microsystem Konzern“, der einen seiner Standorte noch immer in Wien hat und als Entwickler und Hersteller optischer Präzisionssysteme weltweit führend ist. Nach Carl Reichert ist am Schafberg in Hernals seit 1951 eine Gasse benannt.
Die umfangreiche Mikroskopsammlung im Narrenturm besitzt einige wunderschöne frühe Reichertmikroskope aus Messing. Dekorativ signiert und zum Teil mit handgeschlagener Seriennummer versehen, sind die Instrumente aber nicht nur dekorative Stücke für die Vitrine. Auf Grund ihrer hervorragenden optischen Systeme und der präzisen Mechanik sind die Instrumente heute noch ebenso gut verwendbar wie vor hundert Jahren.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 23/2007

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