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Geschichte 18. Oktober 2007

Die Blume der Demeter (Narrenturm 116)

Fast alle Menschen verbinden mit dem Begriff Mohn spontan drei Dinge: wertvolles Nahrungsmittel, schmerzstillendes Heilmittel, unheilvolles Rauschgift. Eine chinesische Opiumpfeife, eine Opiumwaage mit einem speziellen Gewicht und eine Kopfstütze, auf die der tagträumende Opiumraucher einst sein Haupt bettete, erinnern in einer Vitrine des Narrenturms an diese finstere Seite der „Blume der Demeter“. So poetisch nannten die alten Griechen den Schlafmohn.

 Zeitgenössische Darstellung einer Opiumhöhle
Zeitgenössische Darstellung einer Opiumhöhle in China. 20 bis 40 Opiumpfeifen am Tag zu rauchen galt im 19. Jahrhundert als normal. Ein „Großer Raucher“ schaffte mehr als 80.

 Opiumpfeife
Opiumpfeife aus dem 19. Jh.

Fotos: Regal/Nanut

Wie der Mohn zum Attribut der Erdgöttin Demeter wurde, berichtet eine griechische Sage: Als der „Mutter der Erde“ ihre geliebte Tochter Persephone geraubt und von Hades in die Unterwelt entführt wurde, versank Demeter in tiefe Trauer und irrte in Gestalt einer alten Frau umher, um ihre Tochter zu suchen. In der Stadt Mekone fand sie den Mohn und betäubte damit ihren Kummer. Hier in Mekone schenkte sie die segensbringende Blume schließlich auch den Menschen. Dass der Mohn bei den ausschweifenden und vermutlich auch nicht ganz jugendfreien Orgien und Mysterien der Demeter eine Rolle gespielt hat, ist ziemlich sicher, ob auch Opium an den rauschhaften Riten beteiligt war, ist jedoch ungewiss.

Wundermittel gegen Schmerzen

In Griechenland war der Schlafmohn noch weiteren Göttern gewidmet: Thanatos, dem Gott des Todes, und Hypnos, dem Gott des Schlafes, sowie Morpheus, dem Gott der Träume. Ob die Gewinnung von Opium aus Schlafmohn durch Anritzen der Mohnkapsel den griechischen und römischen Ärzten bereits vor unserer Zeitrechnung bekannt war, ist nicht ganz sicher.
Hippokrates (460–377 v. Chr.) dürfte die Methode jedenfalls noch nicht gekannt haben. Mohnsaft – „Mekon“ – nannte er das Wundermittel gegen Schmerzen, das durch Auspressen der ganzen Pflanze hergestellt wurde. Es dominierte zwar die medizinische Anwendung des Opiums, aber dennoch gab es bereits Opiumsüchtige in der römischen Kaiserzeit. So verdanken wir dem Arzt Galenus (129–199 n. Chr.) den ersten Bericht über einen Opiumabhängigen in der Antike; es ist die Krankengeschichte eines sogar recht prominenten Süchtigen: Kaiser Marc Aurel (121–180 n. Chr.). Er pflegte täglich eine Dosis des damals weitverbreiteten Universalgegengiftes Theriak zu seiner Immunisierung einzunehmen. Unter der Vielzahl von Zutaten – immerhin 50 bis 100 verschiedene Bestandteile – war Opium eine der wichtigsten und sicher auch wirksamsten Ingredienzien dieses sagenhaften Universalheilmittels. Als Marc Aurel einmal auf Anraten Galens den Mohnsaft wegließ, bekam der Kaiser prompt Entzugserscheinungen. Galen beschrieb hier erstmals eine echte Opiumabhängigkeit.

Zweifelhafter Ehrentitel

Von Mitteleuropa breitete sich „die Träne des Mohns“ mit dem Islam nach Osten hin aus, nach Arabien, Persien, Indien und China. Da der Prophet Mohammed den Gläubigen den Genuss von Wein verboten hatte, wurde in der Welt des Islam Opium neben Hanf zu einer beliebten Rauschdroge. Es ist anzunehmen, dass der Prophet den Hanf oder das Opium nicht gekannt hat, sonst hätte er es wahrscheinlich auch verboten. Das wird in der islamischen Welt allerdings seit Jahrhunderten heftig diskutiert – bislang ohne eindeutiges Ergebnis.
In chinesischen Arzneibüchern finden sich erste Erwähnungen des Mohns bereits im 8. Jahrhundert. Ein gesellschaftliches Problem als Rauschmittel wurde das Opium in China aber erst wesentlich später: genaugenommen erst dann, als die Chinesen dazu übergingen, das Opium nicht zu essen, sondern zu rauchen. Holländische und portugiesische Seeleute brachten bereits im 15. Jahrhundert das Tabakrauchen nach China. Im Jahr 1644 verbot der letzte Ming-Kaiser das las­terhafte Tabakrauchen in China. Er trieb damit allerdings den Teufel mit dem Beelzebub aus. Die Bevölkerung wich auf Opium aus. Und das Rauchen von Opium verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit über ganz China. Opium wurde zum Rauschmittel, nicht nur der einfachen und armen Bevölkerung. 20 bis 40 Pfeifen am Tag zu rauchen war in einer Opiumhöhle fast normal. Mit 80 Pfeifen galt man als „Großer Raucher“, ein recht zweifelhafter Ehrentitel.
Aus ehrlicher Sorge um die Gesundheit seines Volkes versuchte im Jahr 1839 der chinesische Kaiser Daoguang den illegalen Opiumhandel der britischen East India Company mit aller Gewalt zu unterbinden und löste damit den Ersten Opiumkrieg von 1839 bis 1842 aus. Großbritannien siegte und zwang China zur Öffnung der Märkte und Duldung des Opium­imports. Im Vertrag von Nangkink verlor China Hongkong, das dann für 157 Jahre britische Kronkolonie wurde.

Missionare gescheitert

Die Opiumhöhlen Chinas wurden legendär, die Opiumsucht zu einem gravierenden Problem der chinesischen Gesellschaft. Naturgemäß scheiterte auch der Versuch christlicher Missionare, der Sucht mit Morphium – das Hauptalkaloid des Opiums, das etwa ab 1880 vermehrt nach China importiert wurde – beizukommen. In gutem Glauben verteilten sie es als „Jesus-Opium“ an die Süchtigen. 13 Millionen Süchtige zählte man im Jahr 1906 in China. 1945 waren es bereits 40 Millionen. Erst Mao Zedong gelang es 1949, das Opiumproblem in China in den Griff zu bekommen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2007

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