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Kardiologie 28. September 2007

Der Lebensmuskel (Narrenturm 113)

Das Herz war immer mehr als bloß ein kompliziertes Pumpensystem. Bei fast allen Völkern dieser Erde ist es seit Jahrtausenden nicht nur das bekannteste Organ des Körpers, sondern Symbol und Mythos zugleich.

 Herz-Moulage
Moulage aus dem Pathologisch-anatomischen Museum im Narrenturm.

Foto: Regal/Nanut

Die älteste Abbildung eines Herzens befindet sich auf einer steinzeitlichen Felszeichnung in der Höhle von Pindal in Nordspanien, einem Elefanten wurde dort das rote Organ in Spielkartenform mit Rötelkreide auf die Brust gezeichnet. Ob es tatsächlich von Höhlenmenschen stammt oder vielleicht doch vom Höhlenforscher Abbé Breuil am Beginn des 20. Jahrhunderts, kann hier nicht näher erforscht werden. Fakt ist, dass dieses klassische Piktogramm für Herz weltweit verstanden und als Symbol für das Herz gilt, obwohl es nicht die geringste Ähnlichkeit mit der anatomischen Form des Herzens hat.
Wie kein anderer Körperteil vereint das Herz des Menschen kulturelle und symbolische Bedeutung mit dem eines lebenswichtigen, überaus empfindlichen Organs. Die alten Ägypter hielten das Herz für ein Gefäß, in dem sich alle im Leben angehäuften Sünden ansammelten. Daher war das Herz der unbestechliche Zeuge, der im Falle des Todes für oder gegen seinen Träger aussagen konnte. Das Herz war für sie so wichtig, dass sie es als einziges inneres Organ immer sorgfältig an Ort und Stelle beließen und dem Toten mit ins Grab gaben. Die besondere Bedeutung des Herzens und der Wunsch des Verstorbenen, sein Herz möge an einem besonderen Ort bestattet werden oder dort möglicherweise sogar weiterleben, führte zu dem – vor allem bei den Mächtigen und Reichen – üblichen Brauch der getrennten Herzbestattung.
Vor allem im christlichen Abendland hielt sich der seltsame Brauch – zum Teil auch aus politischen Gründen – bis ins 20. Jahrhundert. Bekanntlich auch bei den Habsburgern. So ruht etwa das Herz der letzten Kaiserin von Österreich – Zita von Bourbon-Parma, gestorben 1989 – im Kloster Muri in der Schweiz, während ihr Leichnam in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt wurde.
Eine besondere Bedeutung hatte das Herz auch für Mayas und Azteken. Sie schnitten tausenden Menschen mit einem Obsidianmesser bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust und opferten den noch zuckenden Muskel ihren Gottheiten. Wir halten heute, im wahrsten Sinn des Wortes, beide – Priester und geopferter Mensch – für „herzlos“.

Mitten im Menschen

Für Aristoteles lag der Sitz der geistigen Kräfte des Menschen im Herzen. Nach seiner Vorstellung hatte eine Verletzung oder Krankheit des Herzens den sofortigen Tod zur Folge. Jede Beschäftigung mit Herzkrankheiten hielt er daher für sinnlos. Diese Ansicht behinderte bis ins Mittelalter die Beschäftigung der Ärzte mit dem Herzen. Paracelsus hielt das Herz für „Sitz und Stätte der Seele, mitten im Menschen“. Auch im alten Testament gilt das Herz als Sitz der Seele. Dass es hier 850-mal erwähnt wird, zeigt, welch wichtige Rolle das Herz im Alten Testament hatte, so saßen für die Israeliten etwa Schmerz und Freude in den Wänden des Herzens. Hätte nie jemand an diesen Dogmen gezweifelt und unter Gefahr für Leib und Leben Tabus gebrochen, wie etwa die Totenruhe – man denke hier nur an die verbotenen anatomischen Studien eines Leonardo da Vinci –, so wäre wohl nie der Blutkreislauf entdeckt und kaum je ein Herz transplantiert worden.
Obwohl der englische Arzt William Harvey 1616 den Blutkreislauf entdeckte, die Anatomie und Physiologie sowie die Entwicklungsgeschichte des Herzens heute weitgehend aufgeklärt ist – 1896 erste Herznaht, 1929 erster Herzkatheter, 1958 erster Schrittmacher, 1967 erste Herztransplantation – und der Sitz der Seele und des Gewissens aus dem anatomischen Bereich verdrängt wurde, hat das Herz im täglichen Sprachgebrauch seine besondere Bedeutung nicht verloren. So gibt es eine Fülle von Redewendungen, von den „herzlichen Grüßen“ bis zum Herz, das „in die Hose rutscht“.

Auch der aufgeklärte Mensch liebt von Herzen

Durch die heute bereits routinemäßig durchgeführten Herztransplantation ist es zwar unmöglich, weiterhin die Seele im Herzen zu lokalisieren, aber trotz aller Fortschritte der Kardiologie und Herzchirurgie sind Empfindungen wie Liebe, Freude, Schmerz und Trauer auch heute – auch beim noch so aufgeklärten Menschen – immer noch irgendwie mit dem Herz verbunden.
Als der berühmte Pathologe Carl von Rokitansky (1804-1878) im Sommer 1875 seine Monographie über „die Defecte der Scheidewände des Herzens“ vorlegte, war dies nach Hans Bankl – selbst Pathologe und Verfasser zahlreicher populärer medizinhistorischer Bestseller – der Grundstein für die moderne Kardio­pathologie. Für seine Arbeit verwendete er ausschließlich Anschauungsmaterial aus der pathologisch-anatomischen Sammlung seines Instituts. Ein Großteil dieser historischen Herzpräparate kann heute noch im Narrenturm studiert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2007

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