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Komplementärmedizin 6. September 2007

Acht Schätze (Narrenturm 110)

Unter der schier unendlichen Vielfalt der Objekte im Narrenturm finden sich immer wieder Ausstellungsstücke, die in den unteren Ebenen der Vitrinen ein recht unbeachtetes Dasein fristen. Manchmal finden sich hier veritable Schätze. In diesem Fall sogar acht, die Acht Schätze der Chinesischen Medizin. Acht ist in China eine heilige Zahl und die Acht Schätze spielen in China nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Philosophie und bekanntermaßen auch in der Küche eine nicht unbedeutende Rolle.

In dem auffallenden, einem westlichen Aktenkoffer nicht unähnlichen feuerroten Kästchen befinden sich acht Produkte aus dem Nordosten Chinas, die zur Verlängerung des Lebens beitragen sollen. Das zumindest verspricht das Zertifikat, das neben einer Inhaltsbeschreibung der Medikamente und diverser Produktionsdaten das Ablaufdatum – Haltbarkeit: zwei Jahre – nennt. Ein chinesisches Sprichwort rundet die Gebrauchsinformation ab: „Man möge so reich werden wie das Ostmeer und so alt wie das Nan shan-Gebirge.“
Dass die Produkte laut „Beipackzettel“ aus dem Chang-bai-shan-Gebirge stammen, signalisiert auch die Zeichnung mit äsenden Hirschen in einer gebirgigen Gegend im Deckel des Köfferchens. Hirschgeweihscheiben sind auch Bestandteil dieses „Notfallkoffers“ der Kraftmittel. In der Traditionellen chinesischen Medizin (TCM) spielt der Hirsch eine große Rolle als universelles Tonikum. Verwendet werden das Geweih, der Bast, sein Blut und die Galle.
Ein weiteres Kraftmittel des Koffers ist neben dem Ren Shen, in Europa besser bekannt unter dem Namen Ginseng – Aphrodisiakum, „Lebenselexier“ und „König der Heilkräuter“–, mittlerweile der auch in Europa weithin bekannte und in alternativmedizinischen Kreisen hymnisch gepriesene Pilz Ling Zhi, die „Geist-Pflanze“, der „göttliche Pilz der Unsterblichkeit“, das „Langlebigkeitskraut“.

Obere Klasse der Heilmittel

Dieser Heilpilz gilt in Asien als eines der ältesten und bedeutendsten Heilmittel, noch wichtiger als Ginseng. Bereits im ältesten Kräuterbuch Chinas – dem um 500 n. Chr. entstandenen Shen Nong Bencao Jing – wird er zu der Oberen Klasse der Heilmittel gerechnet: „Sie erhalten die menschliche Natur und gleichen dem Himmel. Willst Du deine Kräfte stärken, und willst du lange leben ohne zu altern, so nutze diese Mittel!“ Die 120 Arzneimittel dieser Gruppe sind unabhängig von der Dosierung niemals giftig. Der Heilpilz gilt als einer der Eckpfeiler der TCM und wird als eine der „acht großen Erfindungen Chinas“ gerühmt. Jahrhundertelang war der Pilz so kostbar, dass er nur dem Kaiser und dem Hochadel vorbehalten war. Den Taoisten war er heilig und manche machten sich ein Leben lang auf die Suche nach dem Pilz in geweih­ähnlicher Form, dem „Kraut spiritueller Kraft“, das als besonders wertvoll galt. Der glänzende Lacksporling (Ganoderma lucidum), wie er in unseren Breiten genannt wird, ist ein Baumpilz, der weltweit vorkommt und mittlerweile auch in Europa auf Grund seiner vielfältigen Nutzung als Heil- und Stärkungsmittel in Kulturen angebaut und als Nahrungsergänzungsmittel oder Teepulver verkauft wird. Einige wertvolle Kräuter, eine Giftschlange und eine grüngefleckte Kröte, Ge Jie, eine Geckoart, vervollständigen die Arzneien zur Verlängerung des Lebens im roten chinesischen Koffer.

Größter medizinischer Erfahrungsschatz

Auch wenn für den klassisch erzogenen westlichen Schulmediziner dies alles ein bisschen seltsam klingt, auch heute noch werden in chinesischen Apotheken diese und ähnliche Arzneimittel nach uralten Rezepten und Regeln zusammengestellt. Die Erfahrung, über welche die Ärzte im „Reich der Mitte“ verfügen, ist, glaubt man Heilpflanzen-Experten, der größte medizinische Erfahrungsschatz der Menschheit.
Aber China beschränkt sich heute nicht auf Tradition und Erfahrung. Traditionelle Heilmittel – gegenwärtig finden 5.767 Heilmittel pflanzlicher, tierischer und mineralischer Herkunft Verwendung – werden an der chinesischen Akademie der Wissenschaften mit modernsten Mittel auf ihre Wirkstoffe hin untersucht und überraschen oft durch sensationelle Ergebnisse.
In unserer naturwissenschaftlichen, evidenzbasierten Medizin sind natürlich viele Behandlungsmethoden und die Wirksamkeit von Medikamenten der TCM heftig umstritten. In China wird gegenwärtig die von allen metaphysischen und esoterischen Anteilen gereinigte TCM gleichberechtigt neben der westlichen, der „Notfallmedizin“ praktiziert. Deren Stärke ist die lebensbedrohliche akute Erkrankung. Da aber bei den meisten Patienten keine akut lebensbedrohliche Krankheit vorliegt, hat die TCM, eventuell auch schulmedizinisch unterstützt, deren Verbreitung letztlich auch die WHO empfahl, durchaus ihre Berechtigung.
Die Philosophie hinter der TCM beschreibt sehr schön das etwa 2.000 Jahre alte chinesische Sprichwort: Der „einfache“ Arzt behandelt das Symptom, der „bessere“ die Krankheit, der „überragende“ aber verhindert die Krankheit und bewahrt die Gesundheit.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2007

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