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Urologie 22. November 2007

Das "Hemd der Venus" (Narrenturm 121)

König Minos von Kreta soll bereits 1200 v. Chr. welche aus Ziegenblasen verwendet haben. 1564 empfahl der italienische Arzt Gabriele Fallopio mit Medikamenten und Salzen getränkte Leinenbeutel. Casanova bevorzugte, ebenso wie Ludwig XIV, jene, die mit Samt und Seide gefüttert waren. Die Exemplare aus Gummi bezeichnete der englische Schriftsteller Georg Bernhard Shaw 1855 als die „größte Erfindung des Jahrhunderts“. Die Rede ist vom Kondom, dem einzigen Verhütungsmittel, das nicht nur gegen ungewollte Schwangerschaft, sondern auch gegen Infektionskrankheiten schützt.

 Kondommodell
Zwei Porzellanmodelle zur Herstellung von Kondomen im Frommschen Tauchverfahren.

Foto: Nanut/Regal

Die Geschichte des Kondoms be­ginnt irgendwann im alten Ägypten. Schon 1200 v. Chr. sollen sich die alten Ägypter mit Kondomen aus Tierblasen und Tierdärmen gegen Krankheiten und Infektionen geschützt haben. Die alten Japaner bevorzugten für ihre „Kabutogata“ genannten Präservative Schildpatt. Aber auch Leder, Fischblasen vom Stör oder Wels, Tierdärme – egal ob von Ziege, Hammel, Kalb oder Lamm – und Ölpapier kamen zur Anwendung. Als Erfinder des Kondoms wird heute oft der italienische Anatom und Chirurg Gabriele Fallopio (1523 – 1562) – einer der bedeutendsten Anatomen des 16. Jahrhunderts – genannt. Er empfahl in seinem Buch „De morbo Gallico“ – „Über die französische Krankheit“, erschienen in Venedig 1564 – gegen die von Seefahrern aus Amerika eingeschleppte Lustseuche, die Syphilis, ein von ihm entwickeltes, mit Medikamenten und anorganischen Salzen getränktes Leinensäckchen, das „Linteolum“. Etwa hundert Jahre später empfahl der Hofarzt von Charles II. von England, ein gewisser Dr. Condom, Hammeldärme zur Infektions- und Empfängnisverhütung. Für diesen Einfall wurde er zum Ritter geschlagen. Diesem Dr. Condom – vielleicht hieß er auch Condon, Contom oder Quondam – soll das Verhütungsmittel auch seinen heute üblichen Namen verdanken, sagt man.

Englische Reitmäntel

Der wohl berüchtigtste Liebhaber aller Zeiten, Giacomo Casanova (1725 – 1798) bevorzugte „redingote anglais“ (englische Reitmäntel), wenn er zur Sache kam. Die handgefertigten Verhütungsmittel gab es in einfachen, aber auch in höchst luxuriösen Versionen, gefüttert mit Samt und Seide. Diese Luxuskondome wurden üblicherweise mehrfach verwendet, nach Gebrauch gereinigt, getrocknet und, wenn nötig, repariert. Casanova war stolz auf seinen großen Vorrat und seine Sammlung. In London gab es um 1750 bereits ein von zwei Damen geführtes Kondomgeschäft. Hier konnte der verwöhnte Kunde zwischen den handgefertigten Modellen „normal“, „fein“ und „superfein“ wählen. Casanova würde sich vermutlich freuen, wenn er heute eine „Kondomerie“ betreten würde. Mit Sicherheit würde er ohne zu zögern aus den Hunderten verschiedenen Modellen, die heute angeboten werden – vom Leuchtkondom bis zum „geschmackvollen“ Schokoladepräservativ – einige Exemplare begeistert in seine Kollektion aufnehmen.
Der entscheidende Durchbruch zur „größten Erfindung des Jahrhunderts“ – wie G. B. Shaw das Gummikondom bezeichnete – brachte das Jahr 1839. In diesem Jahr entwickelte Charles Nelson Goodyear das Verfahren der Vulkanisation aus dem in Europa bereits seit über hundert Jahre verwendeten Kautschuk. Derart behandelt, konnte der Pflanzensaft Kautschuk reißfest, stark und dauerhaft elastisch gemacht werden. Goodyear entwickelte daraus den Gummireifen und stellte 16 Jahre später das erste Gummikondom her. Es hatte noch eine Längsnaht und eine Wandstärke von ein bis zwei Millimeter. Heute sind Kondome durchschnittlich 0,06 Millimeter dick. Trotz aller Warnungen und Verbote der Kirche gegen den „kondomistischen Verkehr“ griffen immer mehr Paare – zumeist aus wirtschaftlichen Gründen – zu dem Verhütungsmittel.
Ein bahnbrechendes Herstellungsverfahren – „die Sternstunde des Kondoms“ – entwickelte 1912 der deutsche Gummifabrikant Julius Fromm (1883 – 1945). Er tauchte Glaskolben in eine Gummilösung und konnte so erstmals nahtlose, hauchdünne Kondome herstellen. Maschinell gefertigte Kondome stellte Fromm ab 1919 her. Ende der 1920er Jahre verließen bereits jährlich eine Million „Frommser“ – wie man in Deutschland umgangssprachlich das Kondom jahrzehntelang nannte – die Fabrik in Berlin. 1934 verboten die Nazis jede Werbung für Verhütungsmittel – man brauchte ja Soldaten – und enteigneten Fromm, dessen Vater Jude war. „Zurück“ kamen die Präservative wieder mit der Landung der Amerikaner 1944 in der Normandie. Alle Soldaten trugen ein Kondom über dem Lauf ihres Gewehrs, als Schutz gegen Sand und Salz.

Das Kondom wird salonfähig

Nur ganz langsam entspannte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der in unseren Breiten recht verklemmte Umgang mit dem Präservativ. Erst die fulminante globale Ausbreitung des HI-Virus befreite das Kondom aus seiner Schmuddelecke, in der es sich trotz aller Aufgeklärtheit befand. Es erlangte eine zentrale Bedeutung beim „saver sex“, der plötzlich in aller Munde war. 1987 wurde „Kondom“ sogar zum Wort des Jahres. Bis heute sind Kondome das einzige Verhütungsmittel, das vor ungewollter Schwangerschaft und gleichzeitig auch wirkungsvoll vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt. Seit 1995 gibt es für Präservative auch eine europäische Norm: EN 600. Das genormte europäische Standardkondom hat eine Länge von 170 bis 180 Millimeter und einen Durchmesser von 52 Millimeter. Im Test muss es 18 Liter Luft fassen können. Das „Hemd der Venus“ – wie ihn Portugiesen und Brasilianer liebevoll nennen – „Capote anglaise“, „Verhüterli“, „Pariser“, „Olla“, „Blausiegel“ oder Kondom – wie es offiziell heißt – ist seriös geworden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 47/2007

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