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Geschichte 8. November 2007

Kriegsverwendungsfähig - Medizin im Kampfgebiet (Narrenturm 119)

Medizin im Krieg ist ein von Ärzten, Ethikern und Medizin­historikern oft heftigst und kontrovers diskutiertes Thema. Es ist und bleibt ein Paradoxon: Die Vorstellungen, Pflichten und Aufgaben eines human denkenden und nach dem hippokratischen Eid handelnden Arztes sind kaum mit den militärischen Anforderungen an einen Mediziner zu vereinbaren, der Soldaten wieder für den Kampfeinsatz „reparieren“ soll. Dieses Dilemma zeigt sich auch in der Sonderausstellung Die Versorgung von Verwundeten im Ersten und Zweiten Weltkrieg im Narrenturm.

 Sanitätstasche
Sanitätstasche für Sanitätsoffiziere 1938.

Foto: Nanut/Regal

Die Ausstellung mit hervorragenden Objekten aus der Sammlung von Prof. Dr. Anton Schaller – Gynäkologe, Medizinhistoriker, vor allem aber leidenschaftlicher Sammler – und Ausstellungsstücken anderer Leihgeber und Präparaten aus dem Narrenturm informiert drastisch über die Situation von Verwundeten in den beiden Weltkriegen.

Abseits vom Zauber der Montur

Die oft liebevoll restaurierten Objekte des medizinischen Alltags – Sanitätstaschen, Verbandsmaterial, Medikamente – sind heute oft eine gesuchte Rarität, da viele Materialien und Ausrüstungsgegenstände in den Nachkriegsjahren routinemäßig Verwendung fanden und praktisch niemand daran dachte, dass diese Objekte einmal viel bestaunt in einem Museum landen könnten. Ein ähnliches Schicksal erleiden gegenwärtig die vielfältigen, in praktisch allen medizinischen Sparten verwendeten Einmal­geräte. Kein Mensch denkt heute daran, diese Massenartikel zu sammeln. Nach Gebrauch landen sie durchwegs im Müll. In einigen Jahrzehnten wird man einige dieser Objekte – falls es dann noch welche gibt – vermutlich ebenso in Vitrinen bestaunen und vielleicht auch belächeln. Lehrbücher der Kriegschirurgie, informative Schautafeln, Erste-Hilfe-Fibeln, ­ k.u.k. Reglements für den Sanitätsdienst im Kriege, ein wunderschönes Dreieckstuch mit aufgedruckter Verbandlehre nach Prof. Esmarch aus dem Jahr 1900, kritische Texte und zahlreiche Fotos aus den Archiven des Heeresgeschichtlichen Museums machen den – im wahrsten Sinn des Wortes – Rundgang durch die Ausstellung im Turm informativ, abwechslungsreich und kurzweilig.
Die umfangreiche Schau im Narrenturm informiert aber nicht nur über Sanitätsausrüstung, Sanitätswesen und Organisation des österreichischen und deutschen Heeres. Zahlreiche Präparate von Schwerstverwundeten zeigen drastisch die Gräuel jedes Krieges: Schädel mit Durchschussverletzungen, Granatsplitter in der Wirbelsäule, schlecht verheilte, vereiterte Schussbrüche an den Extremitäten dokumentieren das Grauen eines Krieges abseits vom Zauber der Montur. Ebenso wie Moulagen des so genannten „Schützengrabenfußes“ – ein durch tagelang durchnässtes Schuhwerk „brandig“ gewordener Fuß, der gehäuft im Ersten Weltkrieg auftrat, aber auch im 20. Jahrhundert bei Kriegen im feuchten Klima beobachtet wurde und hier etwa mit dem Namen „Vietnam­ulcus“ oder „Falklandulcus“ bezeichnet wurde.
Kaum verständlich, dass angesichts dieser im Museum zwar stummen und sauberen, aber noch immer grauenvollen Präparate durchwegs blutjunger Soldaten – teilweise sogar mit Krankengeschichte, Dekurs und Obduktionsergebnis – sich damals die meisten Ärzte nicht vehement gegen diesen Wahnsinn ausgesprochen haben.

Friedens-Vorbereitung

Der berühmte deutsche Pathologe Rudolf Virchow definierte 1870 die Rolle des Arztes im Krieg so: „Die Medizin ist zunächst berufen, die Ära des Friedens vorzubereiten. Inmitten der Schrecken des Krieges ist sie dazu berufen, auf den Schlachtfeldern anwesend zu sein, als Vertreterin der Humanität, als Repräsentantin des Friedens.“ Schöne Worte eines berühmten Arztes und Politikers. Die Realität in den Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts sah allerdings etwas anders aus. Viele Mediziner konnten oder wollten sich keineswegs nur dem Frieden verschreiben. Perfekt funktionierend sorgten sie dafür, dass verwundete Soldaten rasch kuriert und als „kriegsverwendungsfähig“ wieder an die Front zurückgeschickt werden konnten. Die Einsetzbarkeit – auch bereits verwundeter Soldaten – an der Front und damit die Kampfkraft der Truppe so lange wie möglich zu erhalten, hatte zunehmend höhere Priorität als humanitäres Handeln. Ein ethischer Konflikt, der für viele Ärzte – leider viel zu wenige – unerträglich wurde.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 45/2007

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