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Infektiologie 24. Jänner 2008

"Die Welt ist pockenfrei" (Narrenturm 127)

Vor mittlerweile 28 Jahren erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Pocken für ausgerottet. Der Kampf gegen das Virus war lang gewesen. Noch 100 Jahre zuvor hatte eine Seuche gewütet.

Am 27. Oktober 1977 erkrankte Ali Maow Maalin als Letzter an „natürlichen“ Pocken. Er war Krankenhauskoch in Somalia. Eine sofort durchgeführte Ringimpfung – 57.000 Menschen im Umkreis des Pockenfalles wurden geimpft – beendete endgültig den Lebenszyklus des Pockenvirus auf unserem Planeten. Erstmals in der Geschichte der Menschheit war es gelungen, eine Seuche vollständig auszurotten. Am 8. Mai 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Welt für „pockenfrei“.
Der Weg dorthin war durchaus schwierig. Trotz der Vakzination – der Impfung mit Kuhpocken –, die der englische Wundarzt Edward Jenner (1749–1843) im 18. Jahrhundert erfolgreich als Schutz gegen die gefährlichen „Schwarzen Blattern“ einführte, dauerte es fast ein Jahrhundert, um die Pocken zumindest zu einer seltenen Krankheit zu machen. Noch in den 1870er Jahren durchzog eine verheerende Pockenepidemie ganz Europa. Und es dauerte ein weiteres Jahrhundert, um mit rigorosen Impfkampagnen und damals umstrittenen staatlich verordneten Impfpflichten die Seuche auf der ganzen Welt auszurotten.

Kooperation trotz Kaltem Krieg

Im Jahr 1965 publizierte Donald Ainslie Henderson, der Leiter des Center for Disease Control im US-amerikanischen Atlanta, einen Vorschlag, wie man Pocken in Westafrika auslöschen könnte. Wie fast alle seine Kollegen glaubte er allerdings nicht daran, dass die Pocken völlig vernichtet werden könnten. Dass dies in einer begrenzten Region gelingen könnte, hielt er aber für möglich.
Um die Beziehung zur Sowjetunion, die seit Jahren in der World Health Assembly die weltweite Auslöschung der Pocken forderte, zu verbessern, entschlossen sich die Amerikaner, die Idee der Sowjets zu unterstützen, und beordneten Henderson ans WHO-Hauptquartier in Genf mit dem Auftrag, ein weltweites Eradikationsprogramm für Pocken auf die Beine zu stellen. Henderson ging davon aus, dass der eigentlich nur aus politischen Gründen gestartete Versuch rasch scheitern würde und rechnete bald mit seiner Rückkehr nach Atlanta. Man war ja mitten im Kalten Krieg. Aus dem geplanten Kurzaufenthalt in Genf wurden zwölf Jahre.

Perfektes Virus

Um eine Seuche erfolgreich ausrotten zu können, muss der Erreger bestimmte Kriterien erfüllen. Er darf nur einen einzigen natürlichen Wirt haben, muss ohne Zwischenwirt übertragbar und genetisch stabil sein, und ohne Therapie muss die Infektion immer zur Krankheit führen. Weiters darf es keine persistierende latente Infektion geben. Schlussendlich muss natürlich auch eine Schutzimpfung verfügbar sein.
Alle diese Kriterien erfüllt das Variola-Virus perfekt. Seine Schwäche ist, dass bisher nur der Mensch der einzige natürliche Wirt ist. Das Virus kann sich nicht in einem anderen Reservoir – etwa einem Nagetier – verstecken, um bei Gelegenheit wieder aktiv zu werden. Ist die menschliche Spezies umfassend mit einem tauglichen Impfstoff immunisiert, ist es um das Variola-Virus geschehen. Es findet nirgendwo mehr eine Nische zum Überleben und ist von dieser Erde getilgt.
Alle Menschen dieser Erde – oder zumindest 80 Prozent – gegen Pocken zu impfen war aber so gut wie unmöglich. Das wurde den Leitern des Pocken-Eradikationsprogramms natürlich bald klar. Ein Zufall kam hier jedoch zu Hilfe. Als Verzweiflungsakt – er hatte nicht mehr genug Impfstoff, um eine ganze Region zu immunisieren – begann der Arzt William H. Foege 1966 in Nigeria Pockenherde mit einem Kreis geimpfter Menschen zu umgeben und damit die Seuche praktisch zu ersticken. Das funktionierte überraschenderweise hervorragend. Foeg gilt heute als Pionier der Ringimpfung, jenem Verfahren, mit dem es letztlich gelang, die Pocken weltweit auszurotten. Heute bezeichnet man dieses Vorgehen auch als Abriegelungsimpfung.

Unbedankte Großtat

Vor dem Eradikationsprogramm, das die WHO im Jahr 1965 startete, starben weltweit jährlich etwa zwei Millionen Menschen an Pocken. Die Ärzte und Mitarbeiter des Projekts, denen es letztendlich tatsächlich gelang, eine der gefährlichsten Seuchen der Menschheit auszurotten, hatten damit rein rechnerisch etwa 50 bis 60 Millionen Menschen das Leben gerettet. Eine wohl kaum zu überbietende medizinische Großtat. Einen Nobelpreis dafür erhielt keiner.

Kein Virenbesitz

Die Sonderaustellung im Narrenturm informiert über diese mörderische Seuche, die über Jahrtausenden Millionen von Menschen dahinraffte. Anhand von Moulagen, Feuchtpräparaten, Fotos und historischen Dokumenten zeigt die Schau drastisch die Geschichte der Seuche, ihre weltweite Verbreitung, ihre Bekämpfung durch die Entwicklung der Pockenimpfung und die Herstellung von Impfstoff. Highlights der Schau sind die äußerst realistischen Moulagen der klassischen Variolapusteln und ihres Verlaufes während der Krankheit. Ein Krankheitsverlauf, den heute auch spezialisierte Seuchenmediziner, außer auf Fotos, noch nie in Natur gesehen haben. Auch die oft grauenhaften Nebenwirkungen der Pockenimpfung – ein wenig bekannter Grund für das Eradikationsprogramm war es auch, die nicht ungefährliche Vakzination zu eliminieren – sind heute kaum noch bekannt. Besonders interessant und vermutlich weltweit nicht mehr in vielen Exemplaren vorhanden, ist das Feuchtpräparat einer mit Pockenbläschen übersäten Oberschenkelhaut. Das Formaldehyd, in dem alle Feuchtpräparate gelagert werden, hat die darin enthaltene Pocken-DNS sicher zerstört. Die WHO verbietet ja weltweit allen Institutionen, Pockenviren zu besitzen, mit zwei Ausnahmen, dem CDC (Center für Disease Control) und dem Forschungszentrum Vektor in Novosibirsk.
Die Sonderausstellung über die Pocken kann im Rahmen der Spezialführung „Die großen Seuchen“ im Narrenturm besucht werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 4/2008

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