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Intensiv- und Notfallmedizin 11. Jänner 2008

Rettender Schock (Narrenturm 125)

Wenn inmitten der pathologisch-anatomischen Präparate im Narrenturm plötzlich ein feuerroter, in seiner Funktion eindeutig zuordenbarer Behälter einer bekannten Herstellerfirma für Hartschalenkoffer steht, ist man
zunächst etwas überrascht und verwundert. Hat vielleicht eine der reizenden Damen im Turm nach Dienstschluss etwas Elegantes vor und ihr Köfferchen hier deponiert? Bei näherer Betrachtung scheint dies aber doch nicht der Fall zu sein: Das Ding hat eine Musealnummer und ist korrekt inventarisiert. Im geöffneten Zustand lüftet sich das Geheimnis des roten Kosmetikköfferchens rasch: Was sich hier elegant in einem handelsüblichen Beauty-Case versteckt, ist einer der ersten transportablen Defi­brillatoren.

 Defibrilator
Defiscope 1, Revolution im Jahr 1975. Transportabler Defibrillator im Schminkköfferchen. Er wog nur neun Kilo.

Foto: Nanut/Regal

Den ausgestellten Defibrillator konstruierte der französische Ingenieur Albert Cansell im Jahr 1975 für die Firma Bruker. Er hatte auch die Idee, den lebensrettenden Apparat in einen handelsüblichen Schminkkoffer einzubauen. Defiscope 1 nannte die Firma den nur neun Kilogramm schweren Apparat. Damals eine Sensation, denn die bis dahin üblichen portablen Geräte wogen immerhin 20 bis 25 Kilo. Der Apparat wurde ein riesiger Verkaufserfolg. Heute hat das kleinste Gerät am Markt etwa die Ausmaße von drei übereinander gestapelten CD-Hüllen und wiegt nicht mehr als 490 Gramm, inklusive Batterien natürlich. Hergestellt wird es übrigens von Schiller Médical, diese Firma übernahm Bruker im Jahr 2000.

Herz unter Strom

Wissenschaftliche Versuche und Beobachtungen über Herzbewegungsstörungen begannen so um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1842 beschrieb etwa John Erichsen eine interessante Be­obachtung: Nach Ligatur einer Koronararterie traten im Tierversuch absolut irreguläre Herzkammeraktionen auf. Einige Jahre später berichteten Carl Ludwig und Moritz Hoffa, dass sie – ebenfalls im Tierversuch – bizarre und absolut unregelmäßige Herzaktionen durch starke faradaysche Ströme ausgelöst hätten. Ein Zustand, der auch nach Beendigung der Elektrostimulation anhielt und bei dem die Herzauswurfleistung komplett aussetzte.
Dieses Phänomen – Ludwig und Hoffa hatten es nicht benannt, da sie es als Laborphänomen interpretierten – bekam in der Folge mehrere Namen: Delirium cordis, Herzdelir, Herzflimmern und Kammerflimmern. Der britische Phy­siologe John MacWilliam vermutete, dass Kammerflimmern – und nicht wie bis dahin angenommen ein Stillstand des Herzens in der Systole – die Ursache des plötzlichen Herztodes sein könnte. Damit begründete er letztlich die Idee der Defibrillation.
1899 entdeckten und publizierten die Schweizer Jean-Louis Prevost und Frédéric Batelli, dass ein elektrischer Stimulus Kammerflimmern auslösen und ein Stromstoß höherer Intensität die ventrikuläre Fibrillation beenden und wieder einen normalen Sinusrhythmus herstellen kann.
Alle diese Beobachtungen und Entdeckungen gerieten aber längere Zeit in Vergessenheit. Erst in den 1930er Jahren wurde das Kammerflimmern als die Hauptursache des plötzlichen Herztodes allgemein anerkannt und erste Versuche mit externer Defibrillation begonnen. Die erste erfolgreiche Defibrillation eines menschlichen Herzens gelang dem Chirurgen Claude Beck aber erst im Jahr 1947 in Cleveland bei einem Zwischenfall während einer Trichterbrustoperation an einem 14-jährigen Knaben. Er schockte das flimmernde Herz –nach 45 Minuten direkter manueller Herzmassage traf endlich der Defibrillator im Operationssaal ein – mehrfach direkt am Herzmuskel mit 60 Hz Wechselstrom. Einige Jahre später defibrillierte Paul Zoll in Boston – noch immer mit haushaltsüblichem Wechselstrom – erstmals extern über zwei am Thorax angebrachte Elektroden einen menschlichen Patienten.
Der entscheidende Fortschritt kam aber erst mit dem R-Zacken-gesteuerten Gleichstromdefibrillator, den Bernhard Lown in den 1960er Jahren in der Havard School of Public Health entwickelte. Diese Geräte bewährten sich in der Praxis hervorragend und wurden neben anderem Equipment auf den ebenfalls von Lown „erfundenen“ Coronary Care Units in unmittelbarer Nähe der gefährdeten Patienten aufgestellt, um tödliche Herzrhythmusstörung unverzüglich behandeln zu können. Ein üblicher Standard-Defibrillator hatte damals ein Gewicht von rund 112 Kilo.
Mitte der 1960er Jahre entwickelte dann der Ire James Francis Pantridge den ersten tragbaren Gleichstrom-Defibrillator. Schon die erste Version seines mobilen Defibrillators ließ er im Jahr 1966 in Belfaster Ambulanzfahrzeuge – in die von ihm initiierten „mobile coronary care units“ – einbauen.

Belfast als sicherster Ort der Welt

Pantridge hatte erkannt, dass sich der plötzliche Herztod meist außerhalb des Krankenhauses ereignet. Da erwiesenermaßen nur durch möglichst frühes Defibrillieren das Überleben nach Herzinfarkt und Kammerflimmern deutlich gesteigert werden konnte, musste der Defibrillator eben zum Patienten gebracht werden. Diese ersten „portablen“ Apparate wurden mit Autobatterien betrieben und brachten noch immer stolze 70 Kilo auf die Waage. Der Erfolg gab Pantridge aber Recht. „Wenn man einen Herzinfarkt hat“, war Belfast dank seiner Initiative in den 1960er Jahren „der sicherste Platz der Welt“. Der sogenannte „Pantridge-Plan“ war so erfolgreich, dass er weltweit kopiert wurde. Damals wurde aus dem „Defi“ ein aus der Reanimation nicht mehr wegzudenkendes Hilfsmittel.
Tatsächlich ist bis heute die frühzeitige transkutane Defibrillation – natürlich nach den heute gültigen internationalen Richtlinien – die einzige Maßnahme beim Kammerflimmern, die einen bewiesenen therapeutischen Nutzen hat.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 1/2008

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