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Gynäkologie und Geburtshilfe 29. November 2007

Die Erfindung des Händewaschens (Narrenturm 122)

„Die Quelle des zersetzenden Stoffes, welcher das Kindbettfieber hervorbringt, ist die Leiche. [...] Der Träger des zersetzenden Stoffes ist in und außerhalb des Gebärhauses der untersuchende Finger, die operierende Hand.“ Das schrieb Ignaz Philipp Semmelweis (1818–1865) in seinem 1861 erschienenen und heute weltberühmten Buch Die Ätiologie, der Begriff und Prophylaxe des Kindbettfiebers. Seine entscheidenden, für abertausende Frauen lebensrettenden Beobachtungen hatte Semmelweis bereits über ein Jahrzehnt vorher gemacht, aber unerklärlicherweise nicht veröffentlicht.

Als Assistent an der ersten geburtshilflichen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien fiel Semmelweis etwas Mysteriöses auf. Es gab damals zwei räumlich unmittelbar benachbarte Abteilungen für Geburtshilfe im Allgemeinen Krankenhaus. An der ersten Abteilung waren Ärzte und Medizinstudenten für die Kreißenden zuständig, an der zweiten Abteilung Hebammen. Als Ursache für das immer wieder auf Gebärkliniken mörderisch grassierende Kindbettfieber galten damals „atmosphärische, kosmische und tellurische Einflüsse“ eines „Genius epidemicus“. Es gab Jahre, in denen 29,3 Prozent(!) der Gebärenden starben. Die Ursache des großen Sterbens im Allgemeinen Krankenhaus glaubte im November 1846 eine behördliche Kommission in „der rohen Untersuchung der Schwangeren und Wöchnerinnen durch ausländische Studenten und Ärzte“ gefunden zu haben. Nach Verminderung der Zahl der Praktikanten sank tatsächlich die Sterblichkeit beträchtlich. Auch das verletzte Schamgefühl der Frauen wurde als Ursache diskutiert. Semmelweis fiel außerdem auf, dass bei Hausgeburten oder vorzeitigen Geburten auf der Straße meist kein Kindbettfieber auftrat. Und vor allem eines irritierte ihn gewaltig: An der I. Gebärklinik in Wien traten wesentlich häufiger Fälle von Puerperalfieber auf als an der II. Gebärklinik. Dies war nun wirklich nicht mit „atmosphärischen, kosmischen und tellurischen Einflüssen“ zu erklären, da beide Kliniken in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft lagen. Auch die Verpflegung und Wäsche war an beiden Kliniken gleich. Semmelweis stand vor einem anscheinend unlösbaren Rätsel.

Der Tod des Freundes brachte den Durchblick

Im März 1847 starb dann Ignaz Semmelweis’ Freund und Lehrer, der Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka (1803–1847). Er verstarb an einer Sepsis, hervorgerufen durch eine Verletzung mit dem Seziermesser bei einer Obduktion. Als Semmelweis den Obduktionsbefund seines Freundes las und hier genau die gleichen Symptome beschrieben fand wie bei den toten Wöchnerinnen, fiel es ihm nach eigenen Worten wie „Schuppen von den Augen“. Das mit „Cadavatheilen inficirte“ Messer hatte Kolletschka die Septikämie und den Tod gebracht. Die mit Leichenteilen – Semmelweis wusste ja noch nichts von Bakterien – infizierten Hände der Ärzte und Studenten, die nach Obduktionen und Sezierübungen die Wöchnerinnen untersuchten, brachten den Schwangeren den Tod. Die untersuchenden Hände beförderten „die Leichenteilchen in das Blutgefäßsystem“ der Frauen. Jetzt war ihm auch plötzlich klar, wieso an der II. Klinik so viel weniger Kindbettfieberfälle auftraten als an der I. Klinik. Die Hebammen, welche die Geburten an der II. Klinik leiteten, obduzierten ja nicht. Semmelweis hatte das Mysterium des Kindbettfiebers gelöst und musste gleichzeitig erschüttert erkennen, dass er selbst es war, der vielen Frauen mit seinen Händen den Tod gebracht hatte. Er hatte routinemäßig früh am Morgen seziert und anschließend die Frauen bei der Visite untersucht.

Die Kollegen sind „Mörder“

Obwohl er durch das von ihm verordnete Händewaschen mit wässriger Chlorkalklösung vor jeder geburtshilflichen Untersuchung – „um die an der Hand klebenden Cadavatheile zu zerstören“ – die Infektionsrate in kurzer Zeit dramatisch reduzieren konnte – innerhalb von nur zwei Monaten von 17 auf 1,2 Prozent – und damit praktisch die Richtigkeit seiner Vermutung bewies, ignorierte oder bekämpfte die Fachwelt seine Thesen. Der Gedanke, dass Wochenbettfieber und Blutvergiftung die gleiche Krankheit ist, war den Geburtshelfern zu dieser Zeit völlig fremd. Allein schon gegen den Gedanken wehrten sich viele, dass sie selbst es waren, die mit ihren unsauberen Händen Tausenden und Abertausenden Frauen den Tod brachten. Tragisch war, dass auch medizinische Koryphäen wie Rudolf Virchow – er erkannte seinen Fehler aber später – und bedeutende Geburtshelfer gegen die Thesen von Semmelweis auftraten. Auch nicht sehr förderlich war es, und das zerstörte vermutlich die Basis für eine emotionsfreie, sachliche Auseinandersetzung, dass Semmelweis in seinen offenen Briefen alle Geburtshelfer, die nicht seine Chlorwaschungen durchführten, einfach als „Mörder“ bezeichnete und seinen Nachfolgern in Wien – er war ja 1850 in seine Heimatstadt Budapest zurückgekehrt – öffentlich zu ihren „großartigen Leistungen in der Vertilgung des gebärenden Geschlechtes und der noch ungeborenen Kinder“ gratulierte.
Semmelweis’ Angriffe auf seine Gegner wurden immer unbeherrschter. Mitte 1865 traten in seinem Verhalten Anzeichen einer Geistesstörung auf. Erste Merkmale waren aber bereits einige Jahre früher zu bemerken. Am 31. Juli 1865 brachten Freunde Semmelweis nach Wien, wo man ihn mit List und Tücke in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt brachte. Die Anstalt befand sich ungefähr dort, wo heute die Türme des neuen AKH stehen. Als Semmelweis bemerkte, wo er war, tobte er und musste mit roher Gewalt festgehalten werden. Am 13. August 1865 verstarb „der Retter der Mütter“ in dieser Irrenanstalt. Am 14. August wurde er obduziert. Eine Kopie des Original-Obduktionsbefundes kann im Narrenturm eingesehen werden. Eigenartigerweise existieren zwei voneinander abweichende Versionen des Obduktionsbefundes. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 48/2007

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