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Geschichte 10. Mai 2007

Der Tod des Laokoon als Ensemble aus Knochen (Narrenturm 98)

Für einen der geschicktesten Präparatoren und leidenschaftlichsten Sammler anatomischer Präparate der Wiener Schule, dem zu seiner Zeit weltberühmten Anatomen Joseph Hyrtl, war die Präparationskunst ein Handwerk, das nicht nur wissenschaftlich brauchbare Objekte, sondern auch ästhetisch ansprechende, künstlerisch gestaltete, „schöne“ Präparate hervorzubringen hatte.

Die Anatomie war für Joseph Hyrtl (1810–1894) „theils Wissenschaft, theils Kunst“, und über sich selbst pflegte der weltberühmte Anatom selbstkritisch zu sagen, er „leide an der Schwäche, die Schönheit seiner Arbeiten für eine Hauptsache zu halten“. Ein hervorragendes Beispiel dieser Geisteshaltung ist die von Hyrtl um 1860 gestaltete Laokoongruppe, ein Skelett­ensemble, das eines der bekanntesten antiken Kunstwerke nachstellte. Hier ging Hyrtl noch einen Schritt weiter. Medizinische Ziele waren beim Nachbau dieses Ensembles für sein Anatomisches Museum wohl nicht vorhanden. Vermutlich wollte der künstlerische Anatom mit diesem großartigen Ensemble aus menschlichen und tierischen Skeletten nur auf die enge Verbindung von Kunst und anatomischer Präparation hinweisen. Die Darstellung des Laokoon und seiner Söhne, die von zwei riesigen Schlangen erwürgt werden, gilt seit der Antike als „exemplum doloris“, als vorbildliche künstlerische Darstellung des Schmerzes. Am 14. Januar 1506 fand der römische Bürger Felice de Fredis die Plastik in seinem Weingarten. Die Skulptur – als Bildhauer gelten Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos – ist vermutlich die Marmorkopie einer um 200 v. Chr. entstandenen Bronzeplastik aus Pergamon. Der Fund der römischen Marmorgruppe auf dem Esquilin in Rom erregte damals gewaltiges Aufsehen. Papst Julius II. schickte sofort zwei Experten, den Architekten Giuliano da Sangallo und den Maler und Bildhauer Michelangelo Buonarotti, die den Fund begutachten sollten. Sangallo bestätigte die Echtheit des Fundes und Michelangelo nannte das Fundstück das „Wunder der Kunst“. Da in der Folge Schaulustige das Haus des Finders stürmten, über­gab er die Skulptur gegen ein recht ansehnliches Entgelt an Papst Julius II. Seit dieser Zeit befindet sich die Gruppe in den Vatikanischen Museen in Rom. Die beim Fund fehlenden drei rechten Arme der Figuren ergänzte ein Schüler Michelangelos. Im Jahr 1905 fand man das Original von Laokoons rechtem Arm und ersetzte den ergänzten gestreckten Arm durch das im Ellenbogen abgewinkelte Original. Wieso Hyrtl bei seinem „Laokoon von Bein“ den rechten Arm bereits 50 Jahre vor dem Fund des Originals abgewinkelt dargestellt hat, könnte wohl nur der Meister selbst erklären. Die derzeit aufgestellte Statue im Vatikan ist eine Kopie. Seit 1968 ist das Original unter Verschluss.

Danaergeschenk

Die bekannteste Version des Mythos vom Tod des Laokoon ist die Überlieferung von Vergil in der „Aeneis“, in welcher der trojanische Priester Laokoon die Trojaner warnte, das von den Griechen zurückgelassene hölzerne Pferd in die Stadt zu ziehen. Nach seiner Warnung „Ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen“ stiegen zwei Seeschlangen aus dem Meer und erwürgten Laokoon und seine Söhne. Die Trojaner sahen das als göttliches Zeichen, schleppten das Pferd mit den Griechen im Bauch in die Stadt und besiegelten damit ihr Schicksal. Die antike Skulpturengruppe gilt als die bedeutendste Darstellung des Todeskampfes in der bildenden Kunst. Bei der Nachbildung des Kunstwerks aus menschlichen und tierischen Skeletten stellte sich aber heraus, dass das „größte Meisterwerk der griechischen Plastik an einem argen zoologischen Fehler leidet“. Es gibt keine Schlangen, welche „bei solcher Länge, wie sie ihnen der Künstler geben musste, um ihre Opfer mit so vielen grauenvollen Windungen zu umschlingen, auch jene Schmächtigkeit des Leibes hätten, wie sie uns hier vor Auge tritt“. Hyrtl versuchte es mit Riesen- und Abgottschlangen, fand aber ihre Leiber viel zu stark und musste schließlich aus „zwei Schlangen eine machen“, um ihnen die erforderliche Länge zu geben. Die erbarmungslos würgenden Schlangen der weltberühmten Laokoon-Gruppe sind also eine zoologische Unmöglichkeit, und um der „Zoologie kein Ärgernis zu geben“, habe man, bemerkte Hyrtl scherzhaft, „unsern Laokoon von Bein, lieber in das Museum für menschliche Anatomie transportirt, wo er von jungen Künstlern studiert und fleißig copiert wurde“.

Laokoon von Bein

Das Original der „Hyrtlschen-Laokoongruppe“ stand bis zum Zweiten Weltkrieg in einem Schrank des anatomischen Museums in Wien. Bei einem Bombenangriff im Jahr 1945 wurde das „Kunstwerk“ jedoch zerstört. Heute besitzt das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm nur mehr zwei historische Fotografien dieses eindrucksvollen Objektes künstlerisch anatomischer Präparierkunst.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 19/2007

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