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Nicht nur im britischen Imperium waren ägyptische Mumienteile Pflichtgegenstände auf den Kaminen der Oberschicht. Auch in Österreich gab und gibt es einige schöne Raritäten.
 
Geschichte 6. November 2008

Sprechende Mumien

Auf den Spuren uralter Leiden und Krankheitserreger.

In Österreich haben Knochen- und Mumiensammlungen durchaus Tradition. Zunächst dienten sie als Wegweiser auf der Suche nach unseren Urahnen und pervertierten später zu obskuren Forschungsprojekten diverser Rassentheoretiker.

 

Der knöcherne Schädel einer ägyptischen Mumie kam mit der umfangreichen Skelett- und Schädelsammlung des Anatomischen Instituts in Wien in den Narrenturm. Sie besteht zum Teil aus der zu seiner Zeit weltberühmten „Hyrtl-Sammlung“ – begonnen etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts – und Objekten, die seine Nachfolger am Lehrstuhl für Anatomie in Wien gesammelt haben. Angelegt wurde die Knochensammlung von Menschen aus allen Teilen der Welt für vergleichende anthropologische und ethnographische Beobachtungen auf der ehrlichen Suche nach dem Urahn der Menschheit. Pervertiert wurde diese Wissenschaft allerdings im 20. Jahrhundert durch zweifelhafte Rassentheoretiker und Schöpfer von anthropometrisch abgeleiteten „rassendiagnostischen Formeln“, die im weiteren Verlauf zu einer angeblich wissenschaftlich begründeten Rassenideologie mit allen ihren schrecklichen Folgen führte.

Der Mumienschädel erinnert aber auch an die Ägyptomanie des 19. Jahrhunderts. Keine ernstzunehmende naturwissenschaftliche Sammlung konnte es sich damals leisten, keine ägyptische Mumie zu besitzen. Aber nicht nur Museen rissen sich um ägyptische Mumien oder zumindest Mumienteile. Auch bei wohlhabenden Amateuren bestand ein zunehmendes Bedürfnis nach altägyptischen Leichen. Das Auswickeln von Mumien war der Partyknüller im 19. Jahrhundert. Nach einem mehrgängigen Dinner wurde die Mumie – am Billardtisch oder einem anderen geeigneten Möbelstück – langsam, Stoffbahn für Stoffbahn, „pseudowissenschaftlich“ ausgewickelt. Im Vordergrund stand bei diesen Vergnügungen wohl zumeist die Schatzsuche. Man erhoffte sich zwischen den braunen Binden wertvolle Amulette, Ketten, Papyrusrollen oder andere Schätze zu finden, die dem Toten auf seiner Reise ins Jenseits mitgegeben wurden. An den mumifizierten Leichen selbst hatte diese Art von – oft adeligen – „Amateuren“ wenig Interesse. Sie wurden einfach entsorgt.

Mumienspektakel

Wissenschaftliche Untersuchungen gab es vereinzelt aber doch. So veranstaltete der Chirurg und Anatom T.J. Pittigrew (1791–1865) in den 1830er Jahren in London öffentliche Enthüllungen von Mumien, die er bei Sotheby‘s ersteigert hatte. Der Andrang zu seinen Veranstaltungen, zu denen er Ärzte, Archäologen, Lords und andere Adelige einlud, war zeitweise so groß, dass selbst der Erzbischof von Canterbury keinen Platz mehr bekam. Zu seinen Aufsehen erregenden Spektakeln, die er auch in der Aula des Royal College of Surgeons abhielt, sollen bis zu sechshundert Zuschauer gekommen sein. Durch Pittigrews Arbeiten erfuhr man viel über den technischen Prozess der Mumifikation im alten Ägypten. Er wickelte Mumien nicht nur aus, sondern mumifizierte auch selbst den zehnten Herzog von Hamilton im Jahr 1852 auf ägyptische Art. Der Herzog hatte dies testamentarisch verfügt.

Die hohe Kunst der ägyptischen Einbalsamierer eröffnete Medizinhistorikern (heute mehr als früher) sensationelle Einblicke in die medizinische Welt des alten Ägypten. Erkenntnisse über Krankheiten, Leiden und Schmerzen der Bevölkerung und über die Heilkünste der frühen Ärzte im Land am Nil. Die Mumien, diese stummen Zeugen der Leiden jener Zeit, erforschte erstmals der Arzt und Bakteriologe Marc Armand Ruffer (1859–1917). Er gilt heute als Begründer der Paläopathologie und -parasitologie. Ruffer untersuchte systematisch Tausende von Mumien, Skelette und Mumienreste. So entdeckte er, dass die Bilharziose in Ägypten bereits damals verbreitet war, da er die verkalkten Eier des Wurmes in den Nieren zweier Mumien aus der XX. Dynastie fand. Die Krankheit selbst wurde aber erst später enträtselt und war nicht nur für die Menschen vor 3.000 Jahren, sondern auch noch im 20. Jahrhundert der Schrecken aller Bewohner und Touristen im Niltal. Ruffer entwickelte ein Verfahren zur Rehydrierung von Mumienzellen, die er dann mikroskopisch untersuchen konnte. Damit entdeckte er im Mumiengewebe nicht nur eine Kohlenstaublunge, er fand unter anderem auch Symptome arteriosklerotischer Erkrankungen – allesamt Leiden, die man bis dahin als exklusive Erkrankungen des Industriezeitalters wähnte – und konnte überdies nachweisen, dass die altägyptische Bevölkerung bereits an Tuberkulose gelitten hatte.

Hospitalisierter Pharao

Anders als Ruffer und seinen Kollegen stehen modernen Paläopathologen eine Reihe von nicht bis wenig invasiven raffinierten Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Techniken, von denen die Forscher vor 100 Jahren nicht einmal zu träumen gewagt haben. Einmal abgesehen von Röntgenuntersuchungen – der erste Pharao, der 1903 in Kairo röntgenisiert wurde, war die Mumie Thutmosis IV., nachdem man sie mit dem Taxi in eine Klinik in Kairo, wo damals das erste Röntgengerät in Ägypten stand, gebracht hatte – stehen den heutigen Archäologen und Paläopathologen endoskopische Verfahren, Computertomographien, Magnetresonanz und aDNA (ancient DNA)-Untersuchungen zur Verfügung. Man kann damit nicht nur das Geschlecht einer auch weitgehend zerstörten Mumie nachweisen, sondern im Idealfall auch Bakterien, Viren oder Pilze finden und damit erklären, unter welchen Infektionskrankheiten und Seuchen die Bevölkerung litt. So war etwa die Durchseuchungsrate mit Tuberkulose bereits 2.500 v. Chr. überraschend hoch, und Forscher vermuten heute, dass die Tuberkulose für die geringe Lebenserwartung im Alten Ägypten – sie betrug nur 20 bis 40 Jahre – verantwortlich war. Aber auch Spuren ärztlicher Tätigkeiten, wie etwa das Einrichten von Knochenbrüchen oder Amputationen, können an Mumien gefunden werden.

Ein echter Glücksfall

Dass die alten Ägypter ihre Toten nicht einfach vergruben, verbrannten oder verwesen ließen, ist für Medizinhistoriker ein Glücksfall sondergleichen. Die trotz vieler barbarischer Zerstörungen noch immer in großer Zahl erhaltenen Mumien sind unschätzbar wichtige Informationsquellen. Datenbanken, die noch lange nicht umfassend ausgewertet sind. Mumien erlauben es heute tatsächlich, tausende Jahre alte Patienten – weitgehend zerstörungsfrei – zu untersuchen und sie über ihre Lebensbedingungen, Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen „sprechen“ zu lassen.

Foto: Nanut / Regal

Nicht nur im britischen Imperium waren ägyptische Mumienteile Pflichtgegenstände auf den Kaminen der Oberschicht. Auch in Österreich gab und gibt es einige schöne Raritäten.

Foto: Siemens-Pressebild

Die erste Mumie wurde 1903 noch mit dem Taxi durch halb Kairo zum Röntgen chauffiert. Heute sind nicht nur die Transportmethoden moderner, sondern auch die Untersuchungsgeräte.

Foto: North Wind Picture Archive

Schatzsuche der anderen Art: In der Hochblüte der Ägyptomanie trieb man mit vielen Mumien seltsame Spiele. So wurden auf Partys Mumien von ihren Bandagen befreit, in der Hoffnung, dort versteckte Kleinodien zu finden.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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