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Versteinertes Baby im Bauch (Narrenturm 95)

„Schauriger Fund – Fötus lag 50 Jahre im Mutterleib!“ Solche und ähnliche spektakuläre Überschriften tauchen gelegentlich auch in durchaus seriösen Zeitungen auf. Tatsächlich sind Steinkinder weder „große Naturwunder“ noch „Horror vom Feinsten“. Mysteriös sind Lithopaeden nicht.

Bei Eileiter-, Bauchhöhlenschwangerschaft oder nach Uterusruptur kann sich das befruchtete Ei oder der Foetus außerhalb der Gebärmutter in der Bauchhöhle einnisten. In der Regel stirbt der extrauterine Foetus aber aus Mangel an Nährstoffen in kurzer Zeit ab und wird rasch resorbiert. Geschieht dies nicht, kapselt sich die tote Frucht durch Aufnahme von Kalk entweder wie ein Kokon ab oder der Foetus lagert überall Kalk ein, wird steinhart und mumifiziert. Zwar haben die Frauen zunächst Beschwerden, diese bessern sich aber oft spontan und so gibt es beschriebene Fälle von Steinkindern, die tatsächlich jahrzehntelang unbemerkt im Körper schlummern und erst durch Zufall oder gar erst bei der Obduktion entdeckt werden.

Das Steinkind von Sens

Den ersten gut dokumentierten Bericht über ein Lithopaedion verfasste der französische Arzt Jean d´Ailleboust im Jahr 1582. Er entdeckte das angeblich bestens ausgebildete weibliche Steinkind bei der Obduktion einer 68-jährigen Frau in der Stadt Sens in Frankreich. Das „Steinkind von Sens“ war lange Zeit eine wissenschaftliche Sensation und wurde in vielen Städten ausgestellt. Viele medizinische Koryphäen begutachteten und beschrieben das „Naturwunder“. Das Präparat verschwand in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem königlichen Museum in Kopenhagen und ist bis heute verschollen. Es wäre heute eine Rarität erster Ordnung.

Zu Kalk gewordener Foetus

Im Jahr 2006 tauchte bei der Entrümpelung eines Kellers der Universität Tübingen in einem Glaskästchen das Präparat eines versteinerten männlichen Foeten auf. Gefunden war das Steinkind 1720 bei der Sektion einer 91-jährigen Frau aus Leinzell bei Schwäbisch-Gmünd worden. Bevor sie starb, hatte die Frau den Pfarrer inständig gebeten, man möge das Kind, das sie seit 46 Jahren im Körper trage, nach ihrem Tod herausholen. Überraschenderweise wurde die Frau ernst genommen. Tatsächlich fand sich bei der Obduktion eine kürbisgroße verkalkte Kapsel, die man mit einer Axt öffnete. Darin befand sich ein gut entwickelter, teilweise zu Kalk gewordener männlicher Foetus. Bei diesem Objekt handelte es sich um ein Kalkschalensteinkind – Lithokelyphopaedion (nach „kelyphos“, griechisch für Eierschale) –, bei dem der Foetus in einer Kapsel aus Kalk liegt. Das Steinkind von Leinzell soll weltweit eines der schönsten sein. Bemerkenswert ist auch, dass die Frau trotz der Steinfrucht im Leib angeblich noch zwei gesunde Kinder zur Welt brachte! Die Geschichte des ebenfalls sehr schön erhaltenen Lithopaedion im Narrenturm ist auch kurios. Der Wiener Gynäkologe Prof. Dr. Paul Speiser und der Radiologe Prof. Dr. Konrad Brezina publizierten den Fall 1995 im Lancet: Die 92-jährige marastische Patientin kam mit den Symptomen einer Pneumonie in einem Wiener Spital zur Aufnahme. Bei der Untersuchung fiel bereits ein großer intraabdomineller Tumor auf. Die Begutachtung des Röntgenbildes verwirrte allerdings die Dienstmannschaft. Man dachte zunächst an eine Verwechslung. Eine schwangere Frau im gesegneten Alter von 92 schien doch etwas ungewöhnlich. Aber sowohl Alter als auch Name stimmten. Die Diagnose stand daher bald fest: Lithopaedion mit dem Kopf nach unten. Da die Patientin komplett desorientiert und verwirrt war, konnte der Fall nur mit Hilfe ihrer Kinder rekonstruiert werden.

60 Jahre beschwerdefrei

Demnach vermutete die Patientin, in ihrem 32. Lebensjahr schwanger gewesen zu sein. Kurz danach klagte sie über heftigste Bauchschmerzen und wurde ernsthaft krank. Sie erholte sich aber bald und ihre monatlichen Blutungen setzten wieder ein. Danach hatte sie keine ernsthaften Erkrankungen mehr. Allerdings war sie ab diesem Zeitpunkt unfruchtbar. Rechnet man zurück, so muss die Patientin den versteinerten Foetus unglaubliche 60 Jahre ohne Beschwerden in sich getragen haben. Bei der Obduktion – die Patientin starb eine Woche nach der Aufnahme – fand man ein gut entwickeltes, am großen Netz anhaftendes verkalktes Steinkind mit einer Femurlänge von etwa sechs Zentimetern, was einem Gestationsalter von 31 Wochen entspricht. Lithopaeden sind extrem seltene Phänomene. In der medizinischen Literatur sind nur etwa 300 Fälle beschrieben. Heute kommen solch „schaurige Entdeckungen“ praktisch nur mehr in Ländern mit schlechter bis gar keiner gynäkologischer oder chirurgischer Versorgung vor. In medizinisch hochentwickelten Ländern werden solche Fälle durch die engmaschige Überwachung und umfangreiche pränatale Diagnostik fast immer rasch entdeckt und üblicherweise sofort operativ saniert.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 16/2007

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