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Die Saugglocke des Tage Malmström (Narrenturm 91)

In der Geburtshilfe hat der Vakuumextraktor, gemeinhin als Saugglocke bekannt, überragende Bedeutung. Erst vor 50 Jahren von einem Schweden entwickelt, fand das Gerät bald breite Akzeptanz unter den Geburtshelfern. Geträumt von so einer Vorrichtung hatte man allerdings schon 150 Jahre zuvor.

Unter den Schätzen der „Sammlung Wiener geburtshilflicher Instrumente“ des Gynäkologiehistorikers Prof. Dr. Anton Schaller im Narrenturm befindet sich auch ein Juwel ersten Ranges: ein vom schwedischen Geburtshelfer Tage Malmström (1911–1995) erfundener und in die Geburtshilfe eingeführter Vakuumextraktor aus den 1950er Jahren. Ein Gerät, das heute als Meilenstein der aktiven Entbindungskunst gilt.
Der Einsatz von Vakuum in der Medizin ist uralt. Bereits lange vor Hippokrates war das so genannte Schröpfen eine häufig angewandte Therapie. Ein halbkugelförmiges Gefäß aus Glas, Metall oder ein Tierhorn wurden bei dieser Prozedur über einer offenen Flamme angewärmt und entweder mit oder ohne vorherige Ritzung der Haut auf genau definierte Stellen am Körper angesetzt. Beim Abkühlen entstand im Inneren des Gefäßes ein Vakuum, das jetzt die bösen Säfte und/oder das schlechte Blut heraussaugte.
Aber nicht nur beim Schröpfen, auch bei primär chirurgischen Krankheiten kam Vakuum zum Einsatz. So richtete der berühmte französische Wundarzt und Chirurg Ambroise Paré bereits 1655 mit Hilfe von Vakuum eine Impressionsfraktur am kindlichen Schädel wieder auf. Der Chirurg James Yonge (1646–1721) versuchte 1694 erstmals, eine protrahierte Geburt mit einer an eine Luftpumpe angeschlossenen Glasglocke zu beenden. Der Versuch war leider erfolglos.

Der Traum des Geburtshelfers

Ende des 18. Jahrhunderts publizierte J. Fr. Saemann aus Jena im „Archiv für Geburtshülfe, Frauenzimmer und neugeborene Kinderkrankheiten“ einen Traum: „Ich sah eine Luftpumpe zur Geburtshilfe verfertigt mit einem Ansatz von elastischem Gummi mit Ventil ... bei einer schweren Kopfgeburt nachdem man selbige an den Kopf angepumpt, konnte man den Kopf des Kindes damit fortziehen, denn durch das Anpumpen und Ziehen bekam der Kopf eine längliche Form und der Durchmesser des Kopfes wurde um vieles vermindert, und die Frau wurde ohne Nachteil, und das Kind ohne Schaden leicht und gut entbunden. Da nun mancher Traum in Erfüllung gegangen ... kann man nicht wissen, ob dieser Traum nicht ebenfalls von Nutzen werden könnte.“
Saemann beschrieb seinen prophetischen Traum im Jahr 1796. Bevor diese nächtliche Wunschvorstellung in Erfüllung ging und tatsächlich zu einem Meilenstein der Geburtshilfe werden konnte, vergingen allerdings noch viele, viele Jahre. Das erste brauchbare Gerät konstruierte und publizierte der Edinburgher Geburtshelfer James Young Simpson (1811–1870) im Jahr 1849. Sein „Air-Tractor“ funktionierte zwar, setzte sich aber letztlich nicht durch. Simpson, Großbritanniens berühmtester Geburtshelfer – er verbesserte unter anderem die Geburtszange und führte das Chloroform in die Geburtshilfe ein – verlagerte sein Interesse bald auf andere geburtshilfliche Themen.
Es sollte noch über ein Jahrhundert dauern, bis das erste wirklich brauchbare, technisch ausgereifte Vakuum-Gerät in die Geburtshilfe eingeführt wurde und sich zuerst in Europa nach und nach neben der Zange weltweit als Methode für die vaginal operative Entbindung durchsetzte.
In Zusammenarbeit mit Inge­nieuren der technischen Hochschule und Instrumentmachern entwickelte der schwedische Gynäkologe und Geburtshelfer Tage Malmström in den Jahren 1952 bis 1956 im Sahlgrenska Krankenhaus in Göteborg die erste wirklich brauchbare Saugglocke für die Geburtshilfe. Die Glockenform mit eingebogener Kante, die einen größeren Durchmesser im Inneren hatte als eine Halbkugel und sich unter Unterdruck durch ein die Glocke ausfüllendes künstliches Caput succedaneum fest mit dem kindlichen Kopf verbinden konnte, löste das bis dahin immer wieder auftretende Problem der erforderlichen festen Verbindung des Systems mit dem Kopf. Mit einer an der Glocke angebrachten Kette konnten Traktionen in alle Richtungen durchgeführt werden.

 Vakuumextraktor
Ein Vakuumextraktor aus den 1950ern. Der Unterdruck am Kopf – von 0,2 über 0,4 auf 0,8 kg/cm² – wird mit einer Handpumpe erzeugt, und das Unterdruckglas mit Manometer befindet sich in einem Drahtgestell zum Anbringen am Bett oder Instrumententisch.

Foto: Regal/Nanut

Kein Hebel notwendig

Auch damit wurde ein alter Geburtshelfertraum wahr, „nämlich am sich präsentierenden Körperteil des Fötus ziehen zu können, ohne irgendeinen Hebel anlegen zu müssen“. In Österreich war es Hugo Husslein (1908–1985), Ordinarius in Wien von 1964 bis 1979, der die Vakuumextraktion in die Wiener Geburtshilfe einführte und die vaginal entbindenden Operationen ganz auf Vakuum ausrichtete.

Weltweite Anerkennung

Beim Vakuumextraktor im Narrenturm ist der Unterdruck am Kopf – von 0,2 über 0,4 auf 0,8 kg/cm² – mit einer Handpumpe zu erzeugen, und das Unterdruckglas mit Manometer befindet sich in einem Drahtgestell zum Anbringen am Bett oder Instrumententisch. Bald kamen auch verschiedene technisch ausgefuchste, elektrisch betriebene Pumpen auf den Markt.
Bei den heute vielfach verwendeten Einhandgeräten wird der Unterdruck aber ebenfalls wieder mit einer Handpumpe hergestellt. 1994 erhielt Malmström den „40th anniversary award“ durch die FIGO (Fédération Internationale de Gynécologie et d’Obstétrique) verliehen und damit die weltweite Anerkennung und Bestätigung der überragenden Bedeutung seines Vakuumextraktors für die Geburtshilfe.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 12/2007

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