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Geschichte 13. März 2007

... in das Licht des Todes (Narrenturm 90)

Trotz bildgebender Verfahren der höchsten Technologie und aufwändiger Laboruntersuchungen bleibt der kranke menschliche Körper manchmal sogar für Operateure und Endoskopiker auch heute oft genug eine „black box“. Dem Pathologen obliegt es dann, den Krankheitsursachen auf den Grund zu gehen, was er meist mit Erfolg, aber immer zu spät tut.

„Erst durch die Obduktion tritt die Krankheit vom Dunkel des Lebens in das Licht des Todes“, behauptete der Philosoph und Schriftsteller Michel Foucault (1924–1986). Und tatsächlich, trotz Röntgen, Computertomographie, Magnetresonanz, Ultraschall und noch vielen anderen bildgebenden Methoden und Laboruntersuchungen bleibt der kranke menschliche Körper manchmal sogar für Operateure und Endoskopiker auch heute oft genug eine „black box“. Eine rätselhafte „black box“, in die dann häufig nur mehr vom Pathologen Licht gebracht werden kann. Oft genug kann allerdings auch dieser Spezialist – der zwar alles weiß, aber zu spät – diese letzten Rätsel nicht lösen. Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) aus Padua gilt als Begründer der modernen Pathologie. In seinem im Jahr 1761 veröffentlichten Hauptwerk „De sedibus et causis morborum per anatomen in­dagatis“ („Über Sitz und Ursache der Krankheiten, aufgespürt durch die Anatomie“) versuchte er erstmals die Frage „Ubi est morbus?“ anatomisch zu beantworten. Anhand von über 600 Obduktionen gelang es ihm, Krankheitssymptome nicht, wie bis dahin in der Humoralpathologie üblich, auf ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte zurückzuführen, sondern durch sichtbare Veränderungen der Organe zu erklären und damit Krankheiten auf organische Ursachen zurückzuführen. Mit seiner Methode, klinische Symptome und pathologisch-anatomische Organbefunde direkt nebeneinander zu stellen und in Zusammenhang zu bringen, wurde er zum „Vater der pathologischen Anatomie“. Morgagnis fünfbändiges Werk wurde zur Grundlage der wissenschaftlichen Pathologie, die der französische Anatom und Physiologe Marie François Xavier Bichat (1771–1802) erweiterte. Ohne Mikroskop entdeckte er 21 verschiedene Gewebssysteme im menschlichen Körper und auch histologische Strukturstörungen des Gewebes. Diese Betrach­tungsweise erlaubte ihm, Krankheiten nicht nur in den einzelnen Körperteilen und Organen zu sehen, sondern bis in die Gewebe zu verfolgen. Eine weitere tragende Säule der pathologischen Anatomie wurde der 1827 als unbesoldeter Praktikant in die Prosektur des Allgemeinen Krankenhauses in Wien aufgenommene Carl von Rokitansky (1804–1878). Bereits vier Jahre später war er allein für Lehrkanzel, Prosektur und Museum voll verantwortlich.

Wissenschaftliche Revolution

Von Rokitanskys Reich, diesem armseligen „Leichen- und Sectionshaus“ im Allgemeinen Krankenhaus, ging von nun an eine weltweite wissenschaftliche „Revolution“ aus. Gemeinsam mit dem Internisten Josef Skoda und dem Dermatologen Ferdinand von Hebra begründete er die Zweite Wiener Medizinische Schule. Rokitansky machte die pathologische Anatomie für die gesamte klinische Medizin zur Grundlage für Krankheitslehre und Diagnose. In Wien wurde die Pathologie 1844 ein selbständiges Studienfach und Rokitansky deren erster Lehrstuhlinhaber weltweit. Hier im Leichenhaus im 10. Hof des Allgemeinen Krankenhauses entstand die moderne, rein naturwissenschaftlich orientierte Medizin, die der Wiener Medizin den Weltruf verschaffte, von dem sie heute noch teilweise zehrt. Erst 1862 – Carl von Rokitansyky war bereits weltberühmt und die zahlreichen ausländischen Besucher waren entsetzt über die „Elendsbaracke“, in der Rokitansky und seine Mitarbeiter arbeiten mussten – erhielt er das neue pathologische Institut in der Spitalgasse. Das Haus hatte drei „Zergliederungsräume“, wovon zwei mit Tribünen für die Studenten ausgestattet waren.

Geschichtsträchtige Tische

Aus diesen „Zergliederungsräumen“ stammen die zwei alten Marmorobduktionstische, die heute noch im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum zu sehen sind. Beide Seziertische sind im Marmor signiert. Der rote Marmortisch mit der Gravur „Kundrat“, erinnert an Hanns Kundrat (1845–1893), einen Assistenten Rokitanskys, der 1882 dritter Ordinarius der pathologischen Anatomie in Wien wurde und in die Medizingeschichte als einer der Pathologen einging, der die Leiche von Kronprinz Rudolf, der sich gemeinsam mit Mary Vetsera am 30. Jänner 1889 in Maierling erschossen hatte, obduzierte.

Die Ehre der „Conservierung“

Der Tisch aus weißem Marmor trägt die Inschrift „Kolisko“. Alexander Kolisko (1857–1918), ein Schüler Kundrats, wurde 1916 fünfter Ordinarius in Wien. Er beschrieb die symmetrische Hirnerweichung bei Kohlemonoxidvergiftung und schrieb gemeinsam mit Carl Breuss das Buch über „die pathologischen Beckenformen“, wobei er vorwiegend das reichhaltige Material aus der Sammlung des Museums verwendete. Die Belegexemplare zu dem Buch, das 1904 bis 1912 entstand, befinden sich auch heute noch fast zur Gänze im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum. Kolisko hatte auch die Ehre, die „Conservierung“ der Leiche Kaiser Franz Josef I. am 23. November 1916 durchzuführen. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 11/2007

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