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Geschichte 6. März 2007

Wirksam, billig und „ganz human“ (Narrenturm 89)

Zahlreiche Feuchtpräparate von Haut- und Schleimhautschäden erinnern im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum an die furchtbaren Auswirkungen des Kontaktgiftes Gelbkreuz, das innerhalb kürzester Zeit in den Körper eindringt, verheerende Schäden anrichtet und auch heute noch einer der abscheulichsten chemischen Kampfstoffe ist.

Gelbkreuz, Blaukreuz, Grünkreuz und Weißkreuz, hinter diesen recht harmlos klingenden Namen verbergen sich die grauenhaftesten chemischen Waffen des Ersten Weltkrieges. Seine Namen erhielt das Teufelszeug von den farbigen Kreuzen, mit denen die Giftgasgranaten – je nach Art des Kampfstoffes, den sie enthielten – markiert waren. Das bei den Soldaten gefürchtete Gelbkreuz, Senfgas oder nach den beiden Anfangsbuchstaben der beiden Chemiker, die an der Entwicklung maßgeblich beteiligt waren, Lommel und Steinkopf, auch Lost genannt, ist eine hochgiftige, großtechnisch relativ leicht und billig herstellbare ätzende Substanz, die sowohl über die Atemwege als auch über die Haut – sogar durch Kleidung und Schuhe – aufgenommen wird. Erstmals in größerem Umfang wurde Gelbkreuz im Ersten Weltkrieg von den Deutschen am 12. Juli 1917 in Ypern, im heutigen Belgien eingesetzt. In Frankreich wird die Substanz deswegen auch Yperit genannt. Das Kontaktgift Gelbkreuz dringt innerhalb von Minuten in den Körper ein und hinterlässt große, einer Verbrennung ähnelnde Blasen, schwere Entzündungen und schlecht heilende Wunden. Über die Lunge aufgenommenes Gas führt zu schwersten Erstickungsanfällen mit Lungenödem und fatalen Schäden an den Schleimhäuten. Da Lost auch das Knochenmark angreift und zu ausgeprägten Agranulozytosen und damit zu Immunschwäche führt – Stickstofflost wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als erstes brauchbares Zytostatikum gegen Leukämie und bösartige Lymphknotenerkrankungen eingesetzt – starben auch viele Soldaten an den erst später auftretenden schweren Infektionen.

Qualvoller Tod

Der späte Tod wird von den Militärs zynisch als durchaus gewünscht angesehen. Es galt und gilt in diesen Kreisen als „vorteilhaft“, den Gegner nicht sofort zu töten, sondern „ganz human“ eher kampfunfähig zu machen oder derart zu schädigen, dass das Gesundheitssystem durch die aufwändige Behandlung und Pflege der Opfer längerfristig blockiert wird. War die Dosis des aufgenommenen Senfgases aber entsprechend hoch, war der Tod alles andere als human. Die Opfer starben langsam und qualvoll unter großen Schmerzen. Eindrucksvoll beschrieb Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ einen Giftgasangriff: „Die ersten Minuten mit der Maske entscheiden über Leben und Tod: ist sie dicht? Ich kenne die furchtbaren Bilder aus dem Lazarett: Gaskranke, die in tagelangem Würgen die verbrannten Lungen stückweise auskotzen.“ Bei Überlebenden kam es vor­übergehend oder dauerhaft zur Erblindung. Interessanterweise machten sich viele „Ärzte“ – sie waren wohl mehr „Mediziner“ – im Ersten Weltkrieg eher Gedanken, wie die Simulanten unter den Scharen von Kriegsblinden zu identifizieren seien, als lautstark gegen die menschenverachtenden Giftgase zu protestieren, die zu Hautverätzungen mit großflächigen Narbenbildungen und zu chronischen Lungenschäden führten, die sich manchmal erst Jahrzehnte später zu einer Lungen­fibrose entwickelten.

Farbenfrohes Schlachtfeld

Bei den Militärs im Esten Weltkrieg war das höhnisch genannte „Buntschießen“ beliebt. Man schoss zuerst Blaukreuz, das wegen seiner die Atemfilter durchdringenden Reizwirkung auf die Atemwege zum Abnehmen der Gasmaske zwang, und kombinierte diesen „Maskenbrecher“ dann mit dem lungenschädigenden, erstickenden Grünkreuz und dem ätzenden Gelbkreuz – ein Cocktail, den sich der Leibhaftige sicher nicht besser hätte ausdenken können. Das Ende war ein furchtbarer Erstickungstod bei fast völlig erhaltenem Bewusstsein. Obwohl die Verwendung von Giftgas im Ersten Weltkrieg bereits ein eklatanter Verstoß gegen die Haager Landeskriegsordnung von 1899 war und schon in diesem Gemetzel klar wurde, dass eine derartig grausame, inhumane, bestialische und letztendlich unberechenbare Waffe eigentlich nicht eingesetzt werden durfte, gelang es nicht einmal durch das Genfer Giftgasprotokoll von 1925, das den Einsatz von erstickenden und giftigen Gasen im Krieg untersagte, chemische Kampfstoffe weltweit zu ächten und zu verbieten – genau genommen bis heute nicht.

Erst zehn Prozent zerstört

Das so genannte Chemiewaffenübereinkommen, einer der wichtigsten internationalen Abrüs­tungsverträge, sieht vor, weltweit alle C-Waffen und ihre Fertigungsanlagen bis 2012 zu vernichten. Das Abkommen trat 1997 in Kraft und wurde bisher von 147 Staaten – sie vertreten immerhin 90 Prozent der Weltbevölkerung – unterzeichnet. Zehn Prozent der gemeldeten C-Waffen wurden bisher angeblich zerstört. Da viele Länder, vermutlich nicht nur „Schurkenstaaten“, neue chemische Waffen – natürlich streng geheim – erforschen und auch herstellen, weiß auch heute niemand, welche, wie viele und wo chemische Kampfstoffe, diese, wie sie wahrscheinlich auch heute noch von den Militärs bezeichnet werden, „wirksamen, billigen“ und natürlich überaus „humanen“ lautlosen Kriegswaffen lagern.

Die Versorgung der Verwundeten im 1. und 2. Weltkrieg Narrenturm, Altes AKH
Ab 16. März, Eröffnung der Ausstellung am 16. März um 18 Uhr, www.narrenturm.at

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 10/2007

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