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Geschichte 28. Februar 2007

Heitschi bumbeitschi (Narrenturm 88)

Bei wohl keiner anderen Pflanze dieser Erde sind Schönheit, Nutzen und Segen so eng verbunden mit Fluch und Verderben wie beim Mohn. Seit Jahrtausenden ist die rot blühende Staude kultisches Symbol, Nahrungsmittel und heilende, schmerzlösende Pflanze. Seine „schlafmachende“ Wirkung wird trotz zahlreicher Verbote ebenfalls seit Jahrtausenden genutzt, um schreiende Säuglinge ruhig zu stellen. 1805 gelang die Isolierung der Quintessenz – des Morphins.

Rezepte und Kochanleitungen, um schreiende Säuglinge mit Mohn oder diversen Abkochungen davon zu beruhigen, finden sich nicht nur in Kräuterbüchern des alten Ägyptens, der griechischen Antike oder des Mittelalters. Nein, bis in die jüngste Zeit sind einschlägige Traktate voll von dubiosen Empfehlungen und Rezepturen für „die Blume des Schlafes“. Trotz aller Warnungen und Verbote war die Verwendung von damals noch frei erhältlichen Opium­zubereitungen und Absud von Mohnköpfen als Schnuller vor allem bei der bäuerlichen Bevölkerung bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet. Tödliche Vergiftungen fielen wegen der damals ohnehin hohen Säuglingssterblichkeit kaum auf.

Problematisches Heilmittel

Das Bundesmuseum im Narrenturm besitzt ein „Circular“, ein amtliches Rundschreiben der „k. k. Landesregierung im Erzherzog­thume Oesterreich unter der Enns“, betreffend den Gebrauch der Mohnköpfe aus dem Jahr 1813, das daran erinnert, dass die bereits am „1. Julius 1802“ verbotenen Mohnabkochungen für Kinder „als Heilmittel oder um sie zur Ruhe zu bringen“ strengstens verboten sind und Zuwiderhandeln unnachsichtlich bestraft wird. Notwendig war diese Warnung, weil der Gebrauch des Mittels „neuerdings anfängt herrschend zu werden“. Auch Samuel Hahnemann (1755–1843), der „Erfinder“ der Homöopathie, wetterte bereits um 1800 gegen dieses problematische „Heilmittel“. Aber auch er konnte sich kaum durchsetzen. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der berühmte „Mohnzuzel“ im niederösterreichischen Waldviertel angeblich recht häufig in Verwendung. Geriebener Mohn mit Zucker in Stoff eingewickelt, ließ die schreienden Kinder wunderbar dahindämmern, damit die Eltern auf dem Feld ungestört arbeiten konnten.

Mohn im Schlummertrunk

Interessant ist die Warnung einer deutschen Institution: „Backmohn ist kein Schlafmittel für Säuglinge“. Das Institut warnte vor Rezepten in alten, aber auch durchaus neueren Kochbüchern, in denen den „ob des nächtlichen Geschreis entnervten“ Eltern geraten wird, Säuglingen die geseihte Milch vom Backmohn zu trinken zu geben und sie so zum Schlafen zu bringen. „Backmohn kann aufgrund qualitativer Schwankungen stark unterschiedliche Mengen der Alkaloide Morphin und Codein enthalten. Bei Säuglingen können diese Alkaloide zu schweren gesundheitlichen Schäden mit Atemnot bis hin zum Atemstillstand führen“. Diese Warnung stammt nicht aus dem vorigen Jahrhundert. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung warnte aus gegebenem Anlass: das deutsche Giftinformationszentrum hatte einen Fall gemeldet – am 29. April 2005. Mohn zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Archäologen fanden Mohnkapseln und Mohnsamen bereits in jungsteinzeitlichen Siedlungen aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. Seit dieser Zeit konsumiert der Mensch offensichtlich – vermutlich aber nur als Nahrungsmittel – Mohn. Wann und wo man gelernt hat, aus Mohn Opium zu gewinnen, lässt sich nicht genau festlegen. Schriftlich erwähnt wurde der Mohn zur Herstellung von Arzneimitteln erstmals in Keilschrifttexten um 4000 v. Chr. Auch im Papyrus Ebers – etwa um 1550 v. Chr. –, einem der ältesten Rezeptbücher der Welt, wird Opium gegen Koliken bei Säuglingen empfohlen und bereits als Mittel gepriesen, um das „Schreien der Kinder zu vertreiben“. Vor Beginn unserer Zeitrechnung berichteten bereits griechische und römische Ärzte über die Zubereitung und Verwendung von Opium. Im 4. Jahrhundert verboten die frühen Christen die Verwendung von Opium als schmerzstillendes Mittel, da für sie Schmerzen und Krankheit eine Strafe Gottes waren.

Die lang gesuchte Quintessenz

Trotzdem wurde Opium zu einer – meist sogar zur wichtigsten – Ingredienz einer Reihe von jahrhundertelang verwendeten Wunder- oder Universalheilmitteln. Im 16. Jahrhundert machte Paracelsus das Opium als Schmerzmittel populär. Erstmals stellte er auch die Frage nach der Quinta Essenzia – den wirksamen Inhalten seiner Rezepte. Diese Quintessenz fand allerdings erst der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner (1783–1841). Ihm gelang im Jahr 1805 die Isolierung des Morphins aus dem Opium. Bereits 1827 stellte die Firma Merck in Deutschland das erste reine Morphin her. Der zweite Meilenstein in der Behandlung starker Schmerzen war dann die Erfindung der Injektionsspritze durch Charles Pravaz im Jahr 1853. Der „englische Hippokrates“ Thomas Sydenham (1624–1689) schrieb über die Bedeutung von Papaver somniferum in der Medizin: „Unter all den Mitteln, die unsere Leiden lindern, ist keines so umfangreich anwendbar und so effizient in seiner Wirkung.“ Ein Satz, der durchaus auch heute noch Gültigkeit hat. Am janusköpfigen Gesicht des Mohns als heilende Pflanze und zerstörende Droge hat sich bis heute nichts geändert.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 9/2007

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