zur Navigation zum Inhalt
 
Chirurgie 21. Februar 2007

„Continuirliche Bäder“ für Verbrennungsopfer (Narrenturm 87)

Ursprünglich wurden Wasserbetten nur bei großflächigen Verbrennungen ein­gesetzt. Später dann auch bei Bauchdeckeneiterungen nach Colostomien oder bei ausgedehnten Dekubitalgeschwüren. Einerseits vermindert der Auftrieb den Auflagedruck, andererseits hemmt das Wasser die weitere Keimbesiedlung. Somit war das Wasserbett die erste moderne Lagerungstherapie für Schwerkranke.

 Wasserbett
Ein Wasserbett, vermutlich aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, rostet in einem Innenhof des Narrenturms still vor sich hin.

Foto: Regal/Nanut

Ferdinand Ritter von Hebra (1816–1880), der „Vater der Dermatologie“ im deutschen Sprachraum, fand den Erreger der Krätze, beschrieb und benannte als Erster zahlreiche Hautkrankheiten und erfand auch das Wasserbett zur Behandlung von Verbrennungsopfern. Deswegen waren in Wien Verbrennungen lange eine Domäne der Dermatologie. Die „Nachfolgeabteilung“ der „Wasserbettstation“ im Alten Allgemeinen Krankenhaus ist die Intensivstation für Brandverletzte 13i1 im Neuen AKH. Dort werden heute Verbrennungsopfer interdisziplinär von plastischen Chi­rurgen und Anästhesisten betreut.
Hebra berichtete 1861 erstmals in der Allgemeinen Wiener medizinischen Zeitung „ueber continuirliche allgemeine Bäder und deren Anwendung bei der Behandlung von Verbrennungen“. Wunden oder Geschwüre unter Wasser oder mit einem „continuirlichen Wasserstrom“ zu behandeln war damals nicht neu. Einige Chirurgen verwendeten diese therapeutische Maßnahme bereits seit geraumer Zeit routinemäßig. Neu war die von Hebra vorgeschlagene Anwendung von Allgemeinbädern zu Heilzwecken über Tage, Wochen oder sogar Monate. Auf die Idee kam Hebra durch die Beobachtung, dass „Blatternefflorescenzen an den continuirlich befeuchteten“ Schleimhäuten nur zu oberflächlichen Exkoreationen führen und „nie weder einen eitrigen Inhalt zeigen, noch in die Tiefe greifen und ulceriren .... während – wie jeder weiss – die allgemeine Decke so häufig der Sitz lang bestehender, tief greifender Pusteln und selbst jauchender Geschwüre wird“. Auch bemerkte er, dass völlig unterschiedliche Heilmittel – warme Umschläge, kalte Umschläge, Öl, Lebertran, Glycerin, Seifen, „Theer“, Blei-, Quecksilber-, Borax-, jodhaltige Salben – egal, ob „von dieser oder jener ärztlichen Coryphäe oder aber von einem alten Weibe bereitet und applicirt“, bei denselben Hauterkrankungen Heilung brachten. Er kam zu der der damaligen Vorstellung entsprechenden Ansicht, dass die Wirkung dieser Mittel einzig und allein über die Mazeration (Aufweichung) der Epidermis zur Heilung führte.
Durch Mazeration der Brandschorfe im Wasserbett wollte er die angesammelte „Eiterflüssigkeit“ entleeren und „durch Hemmung des Luftzutritts die septische Umwandlung des Eiters“ verhindern. Er hoffte damit auch größere Schmerzen beim Verbandwechsel zu verhindern. Vorher musste er aber die Frage klären, wie lange „es der gesunde oder kranke Mensch im warmen Bade ohne Nachtheil für seine Gesundheit aushalten“ könne.
Dazu ließ er ein mit Zink ausgeschlagenes, einer normalen Badewanne ähnliches Bett, in dem der Patient auf höhenverstellbaren Gurten „ganz behaglich“ liegen konnte, konstruieren. Mit dem Bett in Verbindung stand ein etwas erhöht stehender kupferner Kessel, in dem Wasser auf eine beliebige Temperatur erwärmt und der Bettwanne kontinuierlich zugeführt werden konnte. Über eine Spalte am Fußteil des Bettes konnte die oberste Schicht des Wassers abfließen. Schon bei den ersten Versuchen erkannte er, dass auch ein längerer Aufenthalt im Wasserbett unschädlich war und auch Kranke dieser Behandlung ohne Probleme zugeführt werden konnten.

 Zeichnung eines Wasserbettes
Abbildung des Wasserbettes im Artikel von Ferdinand Hebra in der Allgemeinen Wiener medizinischen Zeitung aus dem Jahr 1861.

Foto: Regal/Nanut

Nicht nur bei Brandwunden

Hebras Erfolge bei der Behandlung verschiedener Hautkrankheiten führten dazu, dass das erste noch recht primitive Wasserbettzimmer mit sieben Wannen bereits 1877 im Allgemeinen Krankenhaus eingerichtet wurde. Aber erst 1917 entstand unter Hebras zweitem Nachfolger Gustav Riehl (1855–1943) eine neue moderne Wasserbettstation mit 23 Betten. Vor allem wegen der schmerzstillenden und beruhigenden Wirkung wurden in Wien schwere und ausgedehnte Brandwunden fast immer im Wasserbett behandelt. Später waren es auch chirurgische Patienten mit Bauchdeckeneiterungen nach Kolostomien, Darmfisteln oder ausgedehntem Dekubitus. Der Auftrieb im Wasser vermindert den Auflagedruck und das Wasser selbst die Keimbesiedelung.
Das Wasserbett, das in einem Innenhof des Narrenturms still vor sich hin rostet, stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wasserbettstationen gab es in einigen Wiener Spitälern aber bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die für die Patienten psychisch doch recht belastenden Dauerbäder im Wasserbett kommen durch moderne Lagerungshilfen aber heute kaum mehr zum Einsatz.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben