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Geschichte 13. Februar 2007

Ein dem Bruder angewachsener Bruder (Narrenturm 86)

Die auf Einblattdrucken aus dem 16. und 17. Jahrhundert abgebildeten zusammengewachsenen Zwillinge gehörten, vor allem wenn sie längere Zeit überlebten oder sogar das Erwachsenenalter erreichten, zu den rarsten Fehlbildungen überhaupt. Die Ursache dieser Wundergeburten war den Autoren der Flugblätter sonnenklar: Gott wollte die Menschheit mit diesen Zeichen warnen.

In seinem berühmten Buch über Monster und Abnormitäten, das im 17. Jahrhundert in mehreren Auflagen erschien, berichtet der Paduaner Professor der Medizin und Philosophie Fortunio Liceti (1577–1657) über die extrem seltene asymmetrische Doppelbildung des Lazarus und Johannes Baptista Colloredo. Der lateinische Text aus dem Buch „de monstrorum natura“, erschienen 1665 in Amsterdam, seine Übersetzung ins Deutsche und eine Abbildung der Genueser Zwillinge Lazarus und Johann Colloredo im Kostüm eines Höflings können im Narrenturm studiert werden. Junctura thoracoepigastrica pa rasitica heißt diese Doppelbildung in der modernen Teratologie, wobei der größere Individualteil Autosit, der kleinere Parasit genannt wird.

Ein frühes Revolverblatt

Die auf so genannten Einblattdrucken – Flugblätter, die in der reißerischen Art eines modernen „Revolverblattes“ über verschiedenste Sensationen berichteten – aus dem 16. und 17. Jahrhundert überlieferten asymmetrischen Doppelbildungen gehören, vor allem wenn sie längere Zeit überlebten oder sogar das Erwachsenenalter erreichten, zu den seltensten Fehlbildungen überhaupt. Bekannt sind hier etwa „Der Knabe von Hispania“ (1560) und die „Abconterfeiung der wunderbaren gestalt“ des Hans Kaltenbrunner – er soll 41 Jahre alt geworden sein – aus dem Jahr 1566. Die Ursache dieser Wundergeburten war den Autoren dieser Einblattdrucke damals sonnenklar: Gott wollte die Menschheit mit diesen Zeichen warnen. Die bedauernswerten Menschen wurden bei Hof oder in höchsten kirchlichen Kreisen als Schauobjekte gehalten oder verdienten sich ihr Geld mit der öffentlichen Schaustellung ihrer angeborenen Fehlbildung.

Aufs Engste verbunden

Die bekannteste, historisch belegte asymmetrische Doppelbildung sind sicherlich die 1617 in Genua „an diese Welt geborenen und getaufften“ Zwillinge Lazarus und Johannes Baptista Colloredo. „Diesem Lazarus war ein kleiner Bruder an der Brust angewachsen“ schrieb Liceti in seinem Buch über Monster und andere Abnormitäten – übrigens eine der frühesten Klassifikationen von Missbildungen, die auch noch im 19. Jahrhundert oft zitiert wurde. Der Parasit mit seinem großen Kopf, zwei Armen mit nur drei Fingern und einem linken Fuß hing, wie auf mehreren Flugblättern dargestellt, kopfüber aus dem Epigastrium des größeren Bruders. Er sprach nicht, hatte die Augen immer geschlossen und den Mund immer offen. Der kleine Bruder bewegte die Hände, die Lippen, und schlief, wenn sein großer Bruder schlief. Liceti, der die Möglichkeit hatte, das „Monster“ im Alter von 28 Jahren genau zu untersuchen, konnte „im Thorax Pulsationen“ bemerken. Innere Organe wie Leber, Milz und Herz hatten die beiden gemeinsam. Die Atmung war „gemindert, denn eine herangeführte Feder wurde nur wenig bewegt“. Aus dem offenen Mund floss ihm fast immer der Speichel und ernährt wurde er mit dem, was der Größere aufnahm. „Der Kleine hat sein Leben, so wohl als der Grosse, doch ohne Verstand, Stim und Red.“ So beschrieb ein Einblattdruck „diese Wundergeburt, die von jederman zu Straßburg gesehen worden ist, im Augustmonat 1645“. Zeitgenössische Berichte beschrieben Lazarus, den großen Bruder, als überaus höflich, „von feinen Sitten“, stattlich und nach „höfischer Art“ gekleidet. Wenn er sich nicht gerade als Schauobjekt präsentierte, bedeckte er seinen im wahrsten Sinn des Wortes sehr an ihm hängenden kleinen Bruder mit einem weiten Mantel, um nicht unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Er soll seinen Bruder auch mit größter Sorgfalt und Fürsorge gepflegt haben, da er sich bewusst war, dass er beim Tod des Bruders „durch den Gestank und die Fäulnis ebenfalls umkommen muß“. Durch Schaustellung seiner Fehlbildung in ganz Europa war Lazarus Colloredo nicht nur reich, sondern auch in den gräflichen Stand erhoben worden. Graf Colloredo heiratete angeblich 1642 in Schottland und soll auch einige völlig normale Kinder gezeugt haben. Wann die beiden Brüder gestorben sind, ist unbekannt. Liceti schließt seinen Bericht über „Lazarus Colloredo, Gräfflichen Stands“ mit den Worten: „Eine nicht mehr aus den Augen der Leser zu entfernende Abbildung der sehr seltenen Missbildung stelle ich vor.“ Womit er, wie man sich selbst überzeugen kann, völlig Recht hat.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 7/2007

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