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Infektiologie 13. Dezember 2006

Die galoppierende Schwindsucht zähmen (Teil 80)

Mit Meeresluft und Ziegenmilch versuchte Galen der Tuberkulose beizukommen, Gerard van Swieten schwor auf die Rustikalisierung. Das alles half, heilte aber nicht. Im selben Jahr, als Robert Koch seine Entdeckung der Tuberkelbazillen publizierte, beschrieb Carlo Forlanini erstmals seine – nicht ganz neue – Idee, die angegriffene Lunge mittels künstlichem Pneumothorax ruhig zu stellen.

Seit dem Altertum waren diätetische und Klimakuren die erfolgversprechendsten Therapien gegen die wahrscheinlich älteste Infektionskrankheit der Menschheit, die Tuberkulose. Man musste sich damit begnügen, die Abwehrkräfte der Patienten zu steigern und Infektionsquellen zu reduzieren. Eine wahre Revolution in der Behandlung der Lungentuberkulose war daher der künstlich angelegte Pneumothorax, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über 40 Jahre lang – in manchen Ländern auch noch viel länger – die Grundlage für die Behandlung der Lungentuberkulose war. Ein Apparat zur Anlage eines artifiziellen, therapeutischen Pneumothorax kann in der Schausammlung des Narrenturms studiert werden.

 Feuchtpräperat einer Lunge
Feuchtpräparat einer Lunge mit tuberkulösen Kavernen aus dem Narrenturm. Mittels künstlichem Pneumothorax kam es zum Stillstand des Krankheitsprozesses.

Foto: Regal/Nanut

Junge Amme als Therapie

Schon Galen empfahl seinen an Schwindsucht erkrankten Patienten im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, Meeresluft zu atmen, sich auszuruhen und Ziegenmilch zu trinken. In der Renaissance wiederum hielt man etwas mehr von Frauenmilch als heilsame Ernährung. Dass sich so mancher männliche Kranke zu therapeutischen Zwecken eine junge Amme ins Bett geholt hätte, ist wahrscheinlich nur ein böses Gerücht. Fast immer rieten jedoch die behandelnden Ärzte zu Luftkuren. Über das ideale therapeutische Klima war man aber weitgehend uneins. Die Empfehlungen der Heilkünstler reichten von Meeresluft über Höhenluft bis zur einfachen „Rustikalisierung“, wie Gerard van Swieten (1700–1772) das schlichte Leben auf dem Land bezeichnete.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die „hygienisch-diätetischen“ Kuren zunehmend strenger reglementiert: kräftigende Überernährung in Kombination mit Licht-, Luft- und Ruhekuren nach einem genau definierten Zeitplan wurden zur Standardbehandlung der Tuberkulose. Überall in Europa entstanden private, feudale „Zauberberge“ oder meist weniger vornehme Volksheilstätten mit offenen, überdachten und nach Süden gerichteten Terrassen. Die therapeutischen Maßnahmen – „Freiluft-Liegekur“, Spaziergänge, stärkende Ernährung – unterschieden sich aber in den Sanatorien nur im Ambiente und in der Qualität des Essens. Im Jahr 1882, im selben Jahr, als Robert Koch (1843–1910) seine sensationelle Entdeckung über die Ursache der Tuberkulose publizierte, beschrieb der Italiener Carlo Forlanini (1847–1918) erstmals seine Idee, mittels eines künstlich angelegten Pneumothorax die Lunge ruhig zu stellen.
Die Vorstellungen dahinter waren nicht neu. Durch Ruhigstellung der Lunge – mehrfach beobachtet nach krankheitsbedingten Spontanpneus – kam es tatsächlich manchmal zum Stillstand des Krankheitsprozesses und die galoppierende Lungenschwindsucht heilte aus. Gleichzeitig verlötete der endobronchiale Anschluss der tuberkulösen Kavernen – aus einer offenen Tuberkulose wurde gleichsam eine geschlossene – und verhinderte damit die Infektion weiterer Personen.

Kontrollierter Kollaps

Forlanini war nicht der Erste, der dies beobachtete, beschrieb und auch praktisch versuchte. Neu war allerdings sein Vorgehen: Er erzeugte den Pneumothorax nicht wie bisher üblich durch einen Schnitt, sondern mit einer Hohlnadel. Forlanini punktierte einfach den Pleuraraum und brachte die Lunge mit einer definierten Menge Luft, Sauerstoff oder Stickstoff kontrolliert zum Kollaps. 1892 präsentierte er – von der Fachwelt zunächst ziemlich unbeachtet – eine Beschreibung seiner Methode und erste Ergebnisse. Unter dem Namen Forlanini-Murphysche Operation führte der Marburger Lungenchirurg Ludolph Brauer (1865–1951) diese Methode 1906 in Deutschland ein. International anerkannt wurde sie aber erst nach dem Tuberkulosekongress in Rom 1912. Über 40 Jahre blieb der künstliche Pneumothorax die therapeutische Grundlage für die Behandlung der Lungentuberkulose.

 Liegepavillon Baumgartner Höhe, um 1950
Liegepavillon Baumgartner Höhe, um 1950. Sanatorien für Licht-, Luft- und Ruhekuren entstanden in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Vom feudalen „Zauberberg“ für betuchte Kranke bis zu den einfachen Lungenheilstätten für das gemeine Volk waren sie das Einzige, was der Lungentuberkulose entgegengesetzt werden konnte. Eine Zeit lang hielt Wien den Rekord an Erkrankten, wenig schmeichelhaft wurde damals die Lungentuberkulose auch „Wiener Krankheit“ genannt.

Foto: Regal/Nanut

Mit Paraffin plombiert

Das schöne Gerät aus Holz und Glas im Narrenturm – es gab zahlreiche Apparate nach ähnlichem Prinzip – funktionierte über zwei mit Wasser gefüllte kommunizierende Gefäße, mit denen sowohl Überdruck als auch Unterdruck im Pleuraraum erzeugt werden konnte. Über eine an einem Schlauch angeschlossene Hohlnadeln blies der Operateur Luft oder Stickstoff in die Pleurahöhle und brachte die Lunge damit gezielt zum Kollaps. Da sich die Luft relativ rasch – Stickstoff etwas langsamer – resorbierte, musste die Prozedur oft mehrfach wiederholt werden.
Später entwickelte Methoden, wie das „Plombieren“ – das Füllen des Pleuraspaltes mit Öl oder Paraffin – sollten dies verhindern. Verwachsungen zwischen viszeralem und parietalem Pleurablatt behinderten aber oft den gewünschten Totalkollaps der Lunge. Thorakoskopische Strangdurchtrennungen mit Hilfe eines Zystoskops waren bald eine wertvolle Ergänzung zum künstlichen Pneumothorax.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die „Kollapstherapie“ in Kombination mit der thorakoskopischen Adhaesiolyse eine Standardmethode in der Behandlung der Lungentuberkulose. Das erste gegen den Tuberkuloseerreger tatsächlich wirksame Chemotherapeutikum, das von Selman A. Waksman isolierte Streptomycin, kam erst 1945 auf den Markt.
Mit der einige Jahre später überaus erfolgreich angewandten so genannten „Dreierkombination“ – Isoniazid, Streptomycin und Paraaminosalicylsäure – verlor die Lungenkollapstherapie rasch an Bedeutung.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 50/2006

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