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Geschichte 7. Dezember 2006

Ein Beitrag zur Selbsterkenntnis des Menschen (Narrenturm 79)

„Nur für Erwachsene“ reserviert war die anatomische Abteilung des Kuriositätenkabinetts in Wiens Vergnügungspark, die später ein regelrechtes Sexmuseum wurde. Begründer des Etablissements war Löwenbändiger Hermann, Sohn eines Schaustellerehepaars.

Historische Lichtbilder, einige anatomische Exponate und mehr oder weniger interessante Fotoinstallationen von so genannten „Freaks“ und anderen menschlichen Abnormitäten erinnern im Narrenturm an ein legendäres Etablissement des Wiener Praters: an das „Panopticum und Menschenmuseum“ des Hermann Präuscher; und an das Sexmuseum, die weit weniger berühmte und interessante, dafür aber etwas schmuddeligere „Nachfolgeinstitution“ der „nur für Erwachsene“ reservierten anatomischen Abteilung der Präuscherschen Kuriositätenschau. Beide Praterbetriebe existieren heute nicht mehr.

 Präuscher Panoptikum
Das Panopticum und Menschenmuseum im Wiener Prater. Im Frühjahr 1945 brannte es völlig nieder. Das Nachfolgeetablissement, ein Sexmuseum, schloss Ende der 1990er Jahre endgültig seine Pforten.

Foto: Regal/Nanut

La belle Irene, der Gorilla und der Gruselkoffer

„Präuschers Panopticum“ wurde im Frühjahr 1945, während der Kämpfe um Wien, fast vollständig „ein Raub der Flammen“ und das Sexmuseum, in dem noch ein kleiner Rest aus der Präuscherschen Sammlung gezeigt wurde, schloss Ende der 1990er Jahren für immer seine Pforten.
Im Jahr 1864 kam der Zirkus Suhr-Hüttemann mit dem damals bereits weithin bekannten „Löwenbändiger Hermann“ in den Wiener Prater. Dieser Dompteur Hermann war niemand anderer als Hermann Präuscher, der Begründer des berühmt-berüchtigten Panoptikums. Präuscher, geboren 1839 in Gotha, Sohn eines Schaustellerehepaars, das mit einer bedeutenden Menagerie mit exotischen Tieren durch Europa zog, gründete dann 1871 im Prater eine Kuriositätenschau, in der er neben der von seinem Vater geerbten Sammlung von tierischen Präparaten auch Wachsfiguren und menschliche anatomische Präparate zeigte.
Da standen nebeneinander amüsante, teils frivol-erotische Szenerien aus Wachsfiguren, wie etwa der „Gorilla, ein weißes Mädchen raubend“, Märchenfiguren, historische Persönlichkeiten, berühmte Verbrecher, La belle Irene, die schöne, tätowierte Amerikanerin, mittelalterliche Foltergeräte, die Exekution mit dem Rad und der Koffer – mit „zwei Beglaubigungsschreiben der Budapester Staatsanwaltschaft, welche für die Echtheit des Koffers bürgen“ – des Raubmörders Johann Szimitz, in dem dieser die Leiche seines Opfers eingesperrt hatte und „neben dem er sechs Wochen schlief“.
Daneben präsentierte Präuscher auch zahlreiche Präparate von allen nur erdenklichen krankhaften, aber auch normalen Organen des menschlichen Körpers. Über 2.000 solcher Präparate konnten die neugierigen Besucher im Präuscherschen Panopticum bewundern. Auch die damals weltberühmte Bartdame, das „Haarweib“ Julia Pastrana, deren ausgestopften Körper ihr Gatte an Präuscher vermietet hatte, war 1884 die Sensation im Panoptikum. Miss Pastrana war bereits zu ihren Lebzeiten eine weltberühmte Sehenswürdigkeit. Als sie bei der Geburt eines Kindes starb, ließ sie ihr Mann, ein russischer Museumsbesitzer, einbalsamieren und zeigte sie weiter gegen Entgelt seinem Publikum. Da der Leichnam aber bald zu verfaulen begann, ließ er ihn ausstopfen und vermietete das Stopfpräparat für jährlich 320 Taler an Hermann Präuscher.
Im anatomischen Museum soll Präuscher auch andere ausgestopfte Menschen ausgestellt haben. Ihre Häute hätte er ihnen angeblich noch zu Lebzeiten abgekauft.

 Frivoles und Skurriles
Frivoles und Skurriles lockte vornehmlich Besucher ins Präuschersche Panopticum, deren wissenschaftliches Interesse an Anatomie sich in engen Grenzen hielt.

Foto: Regal/Nanut

Belehrender Zweck und ethische Sendung

Nach dem Tod Präuschers im Jahr 1896 führten die Erben das Etablissement weiter. Sie teilten die Sammlung in ein „Panopticum“ und in ein „nur für Erwachsene“ zugängliches anatomisches Museum, später „Menschenmuseum“. Die „künstlerische und wissenschaftliche“ Präsentation krankhaft veränderter und normaler anatomischer Wachspräparate, Feuchtpräparate, Skelette und Darstellungen von Operationen verstieß nicht „im Geringsten gegen Ästhetik und Taktgefühl“, wie im Katalog zur Ausstellung betont wurde. Unter dem Motto „Erkenne dich selbst!“ sollte die Schau neben dem „wissenschaftlich belehrenden Zweck auch noch eine eminent ethische Sendung erfüllen: den Besucher durch Selbstbesinnung- und Selbsterkenntnis zu sich selbst führen“.
Präuschers Korrosions-, Feucht- oder Wachspräparate gesunder oder krankhafter Organe, Gliedmaßen und natürlich auch der inneren und äußeren Geschlechtsorgane und pikanten Krankheitssymptomen waren damals auf dem neuesten technischen Stand. Die zum Teil weniger wissenschaftlichen, dafür aber reißerischen Kommentare und makabren Beschreibungen der Objekte sollten das minder wissenschaftlich interessierte Publikum anlocken.

Die Wiederbegegnung mit dem Verdrängten

Worauf begründete und begründet sich auch heute noch die Faszination und der „wohlig gruselige Schauder“ durch die manchmal doch recht skurrilen Objekte? Ist es der Einblick in die Abgründe des Andersartigen und Krankhaften, der die eigene Normalität bestätigt oder, wie Sigmund Freud meint, die Wiederbegegnung mit dem eigenen Verdrängten?
Trotz der enormen Bilderflut im 20. Jahrhundert, die das „aufklärende oder zumindest informierende“ Panoptikum der bilderarmen Zeit des 19. Jahrhunderts fast vollständig verdrängte, faszinieren auch heute noch anatomische Museen und Sammlungen von realistischen Moulagen oder Wachsmodellen – nicht nur wegen ihrer künstlerischen Schönheit – Fachleute und Laien. Über sechs Millionen Besucher weltweit sahen etwa die Ausstellung „Körperwelten“, in der Gunther von Hagen plastinierte kranke und gesunde echte menschliche Präparate und ganze Leichen in zum Teil künstlerischen Posen präsentierte. Allein in Wien hatte die Wanderausstellung 550.000 Besucher in nur vier Monaten. Interessanterweise sollte auch diese Ausstellung, wie in Kommentaren und Katalogen zu lesen war – genauso wie damals der „nur für Erwachsene“ zugängliche Teil des Präuscherschen Museums – „zur Selbsterkenntnis des Menschen“ beitragen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 49/2006

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