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Infektiologie 29. November 2006

Die letzten Opfer des Schwarzen Todes (Narrenturm 78)

Die Presse hatte ihre Schlagzeile, den Medizinern war es eine Lehre: Nachdem Ärzte des AKH Material von Pestkranken zu Forschungszwecken aus Indien nach Wien mitgebracht hatten, infizierten sich durch Unvorsichtigkeit mehrere Menschen mit der Lungenpest.

Unter den Feuchtpräparaten im Narrentum befinden sich zwei Präparate der Bubonenpest in Bombay im Jahr 1897. Auch eine Denkschrift der Akademie der Wissenschaften über diesen Beulenpestausbruch mit zwei eher unspektakulären Fotos erinnern an einen tragischen Vorfall im Allgemeinen Krankenhaus, der Wien am Ende des 19. Jahrhunderts in Angst und Schrecken versetzte.

Sanitätswidrige Übelstände, Brutstätte von Krankheiten

Die Bevölkerung, die Presse, aber auch „Fachautoritäten“ schossen sich damals vehement auf die „sanitätswidrigen Übelstände“ im Allgemeinen Krankenhaus ein. Die Kampagne gipfelte in einer fett gedruckten Überschrift im „Neuen Wiener Journal“ vom 26. Oktober 1898: „Hinweg mit dem Allgemeinen Krankenhause! Hinweg mit dieser Brutanstalt aller erdenklichen Krankheiten!“ Im Artikel wird dann eine „anerkannte medicinische Autorität“ zitiert, die nicht genug „scharfe Worte“ über das Allgemeine Krankenhaus finden konnte: „Es bildet in beinahe allen seinen Theilen geradezu einen riesigen Seuchenherd und eine Brutstätte für die gefährlichen Krankheitserreger.“ Was war geschehen, dass sogar wichtige politische Ereignisse in den Hintergrund treten mussten und die gesamte Öffentlichkeit gebannt auf Bulletins aus einer Isolierbaracke im Kaiser Franz Josef-Spital wartete? Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Mitteleuropa praktisch keinen Arzt, der jemals einen Pestkranken gesehen hatte. Die Pest und andere große Seuchen oder Epidemien galten zumindest in Westeuropa als ausgerottet. Ein fürchterlicher Ausbruch der Pest in Indien 1896 rüttelte aber die europäischen Regierungen und Mediziner auf. Eine Therapie gegen den Schwarzen Tod gab es damals genauso wenig wie im Mittelalter und die Seuche wütete diesmal in einem Gebiet, das mit Europa in engen Wirtschaftbeziehungen stand. Weltweit begaben sich Bakteriologen auf die Suche nach dem Erreger. Auch die Akademie der Wissenschaften in Wien beschloss, einige Ärzte des Allgemeinen Krankenhauses 1897 zu Studien über die Pest nach Bombay zu schicken. Es waren ­dies die Internisten Doz. Dr. Hermann Müller und Dr. Rudolf Pöch von der I. Medizinischen Klinik – Klink Nothnagel – im Allgemeinen Krankenhaus und Dr. Heinrich Albrecht und Dr. Anton Ghon, zwei Assistenten des Pathologisch-Anatomischen Instituts. Der „Spiritus rector“ der österreichischen Pestexpedition war Müller. Nach Berichten in den Tageszeitungen sammelte der forschungsbegeisterte Dozent in Bombay überall, selbst in den übelsten Spelunken, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben Material von Pestkranken zu Forschungszwecken. Interessanterweise hielt man damals „das Pestgift in Indien für Weiße als nicht contagiös“. Und tatsächlich, in Bombay infizierte sich Müller trotz seiner lebensgefährlichen Sorglosigkeit nicht.

Die Entwicklung eines Impfstoffs als Forschungsfernziel

Schon am 18. Mai 1897 kehrte die Expedition mit einigen Pestkulturen nach Wien zurück, und die Forscher begannen sofort mit tierexperimentellen Untersuchungen, um den Verlauf der Krankheit und den Infektionsweg zu klären. Fernziel war es natürlich, einen Impfstoff gegen die Pest zu entwickeln. Im Pathologischen Institut erhielten sie ein eigenes Zimmer und zur Betreuung der Versuchstiere den Institutsdiener Franz Barisch zugewiesen. Mit dem „Quartalsäufer“ Barisch – so bezeichnete ihn jedenfalls Prof. Dr. Richard Paltauf öffentlich – begann eine Tragödie, die letztlich drei Todesopfer forderte und Wien in Panik versetzte. Barisch infizierte sich durch Unvorsichtigkeit, Schlamperei oder im Rausch an einer Laborratte. Am 14. Oktober erkrankte er plötzlich schwer. Der sofort zugezogene Müller deutete die Symptome aber zunächst nur als Zeichen einer einfachen Lungenentzündung. Er isolierte Barisch zwar in einem – allerdings eher ungeeigneten – Zimmer an der Klinik Nothnagel, schätzte aber den Ernst der Lage zunächst völlig falsch ein, da die erste Ratte, die mit dem Speichel von Barisch geimpft worden war, überlebt hatte und man im Mikroskop die Pesterreger nicht sah oder nicht erkannte. Barisch starb am 18. Oktober. Erst als die zweite Ratte eindeutig mit allen Symptomen der Pest zugrunde ging, stand die Diagnose Lungenpest fest. Da war Barisch aber schon tot. Müller desinfizierte noch eigenhändig das „Isolierzimmer“, in dem Barisch gestorben war, und begab sich gemeinsam mit den beiden Krankenwärterinnen Albine Pecha und Johanna Hochecker, die den Labordiener gepflegt hatten, in eine Expektanzbaracke des Kaiser Franz Josef-Spitals, wo sie hermetisch isoliert wurden.

Müller dokumentierte den eigenen Krankheitsverlauf

Während die Presse sich mit Horrormeldungen überschlug und ganz Wien durch wildeste Gerüchte in Aufruhr war, starben Müller und Pecha einen qualvollen Tod. Müller hatte bis zuletzt den Verlauf der Krankheit – Lungenpest, wie er selbst diagnostizierte – an sich selbst beobachtet und genaue Aufzeichnungen darüber hinterlassen. Johanna Hochecker überlebte. Rudolf Pöch – der Fotograf der Fotos, mit denen diese Geschichte begann – hatte sich freiwillig bereit erklärt, die Opfer der Laborpest in der Expektanzbaracke ärztlich zu betreuen. Für diesen mutigen Einsatz verlieh ihm seine k.k. Apostolische Majestät das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens. An Hermann Müller erinnert ein Denkmal im 9. Hof im Allgemeinen Krankenhaus.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 48/2006

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