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Intensiv- und Notfallmedizin 22. November 2006

Lunge aus Eisen (Narrenturm 77)

Vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde im Wiener Wilhelminenspital die erste Eiserne Lunge Österreichs in Betrieb genommen. Durch den Einsatz der sperrigen Apparatur sank die Letalität der schweren, meist tödlich verlaufenden Atemlähmung bei Poliomyelitis auf 50 Prozent. Wegen des großen Aufwandes ist die Eiserne Lunge aus der modernen Intensivmedizin fast völlig verschwunden.

Die Wiener Rathauskorrespondenz berichtete am 26. Februar 1952: „Bald wird sich das Wilhelminenspital rühmen dürfen, die erste ‚Eiserne Lunge’ in Österreich zu besitzen, dies genehmigte der Gemeinderatsausschuss für Gesundheitswesen in seiner letzten Sitzung. Einer deutschen Firma in Lübeck ist es in den letzten Jahren gelungen, den komplizierten Mechanismus der ‚Eisernen Lunge’, wie sie vorher fast ausschließlich in den Vereinigten Staaten hergestellt wurde, noch weitgehend zu verbessern. Mit Hilfe dieser Apparatur können Lähmungen der Oberkörpermuskulatur, wie sie bei Kinderlähmungsfällen auftreten, wirksam geheilt werden.“

Die Lähmung überbrücken

Im letzten Satz irrte die Rathauskorrespondenz zwar – die „Apparatur“ konnte die Lähmung der Atemmuskulatur leider nicht „heilen“, sondern nur die Akutphase der Erkrankung mit Lähmung der Atemmuskulatur – nach der es manchmal eine „restitutio ad integrum“ gab – überbrücken. So gut überbrücken, dass Patienten über 50 Jahre in und mit einem Tankrespirator lebten und einige auch heute noch leben. Die Letalität der schweren, meist tödlich verlaufenden Atemlähmung bei Poliomyelitis sank durch den Einsatz der Tankrespiratoren auf 50 Prozent.

Von amerikanischen Forschern in den 20er Jahren entwickelt

Der Tankventilator war das erste Gerät, mit dem maschinell und schonend ein Mensch über längere Zeit beatmet werden konnte. Entwickelt haben das Beatmungsgerät in dieser Form die amerikanischen Forscher und Ingenieure Philip Dinker und Louis Agassiz Shaw. Details zu ihrem „new apparatus for prolonged administration of artificial respiration“ publizierten sie 1927. Erstmals bei Poliomyelitispatienten mit Atemlähmung zum Einsatz kam der Tankrespirator 1928. Besser bekannt wurde der Respirator später unter der Bezeichnung „Eiserne Lunge“. Der zu beatmende Patient liegt bei dieser Methode in einer röhrenförmigen Metallkammer. Nur der Kopf, der am Hals durch eine luftdichte Manschette von der Kammer getrennt ist, befindet sich außerhalb des Tanks. Durch periodischen Wechsel von Über- und Unterdruck in der Kammer wird der Brustkorb des Patienten bewegt und die Lunge passiv beatmet. Die ersten „Eisernen Lungen“ kosteten in den Vereinigten Staaten so viel wie ein Eigenheim. Später verbesserte und vereinfachte der Techniker John Emerson die Erfindung Dinkers und machte die „Eiserne Lunge“ dadurch wesentlich billiger und damit zum ersten, kommerziell erhältlichen und in größerer Stückzahl gebauten Beatmungsgerät. Während der großen Polioepidemien in den 1940er und 1950erJahren retteten die Tankrespiratoren vielen Patienten mit Atemlähmung das Leben. 1.200 Patienten wurden noch 1959 in ganz Amerika mit „Eisernen Lungen“ beatmet; im Jahr 2004 waren es immerhin noch 39. Nach bescheidensten Anfängen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland – man beatmete teilweise mit selbst gebastelten „Eisernen Lungen“ aus umgebauten Torpedorohren, Getrieben aus Fischkuttern und Blasebälgen aus Feldschmieden – stellte die Firma Dräger 1950 einen verbesserten, ausgereiften Tankventilator vor, der während der Polioepidemien große Verbreitung fand.

Schonende Alternative zu herkömmlichen Respiratoren

Obwohl die „Eiserne Lunge“ ein wesentlich schonenderes und physiologischeres Verfahren ist als die heute übliche Überdruckbeatmung, ist sie wegen des großen Aufwandes fast völlig aus der modernen Intensivmedizin verschwunden. Neuere Tankventilatoren – heute allerdings „Plastiklungen“ – werden derzeit mit guten Ergebnissen getestet und sind in Zukunft trotz ihres gewaltig höheren und komplizierteren Behandlungsaufwandes in ausgewählten Fällen möglicherweise eine schonende Alternative zu herkömmlichen Respiratoren. In einem Innenhof des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums trotzt seit Jahrzehnten ein Tankventilator von der Größe eines Kleinwagens jedem Wetter. Für die Qualität dieses Monstrums aus Stahl spricht, dass es sich trotz aller Widrigkeiten noch immer in einem relativ passablen Erhaltungszustand befindet. Allzu viel müsste man vermutlich gar nicht investieren, um den Tankventilator der Firma Dräger aus den 1950er Jahren wieder zum Laufen zu bringen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 47/2006

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